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Wie unsere moderne Technik Extremismus und Gewalt fördert

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Von den Attentaten in Nizza und München bis zum Putschversuch in der Türkei - wir leben in Zeiten eines zunehmenden Wertewandels und der Umbrüche bei dem in vielen Fällen der Mensch mit seiner individuellen Entwicklung allein stehen gelassen wird.

Trotz des enormen Fortschritts auf dem digitalen Sektor und der weltweiten Vernetzung und Kommunikation durch das Internet hat sich anscheinend der Homo sapiens parallel nicht in gleichem Ausmaß weiterentwickelt.

Ohne große Ferndiagnosen zu stellen, muss etwas in unserer Gesellschaft in Europa und auch auf dem gesamten Globus falsch laufen, wenn ein 31-jähriger Mann mit drei Kindern mit einem Lastwagen eine Amokfahrt macht, bei der er über 80 Menschen das Leben nimmt oder ein 18-jähriger Schüler einen schrecklichen Amoklauf begeht.

Ob hier islamistischer oder rechtsextremer Terror als alleinige Erklärungsmodelle ausreichen oder man sich derartige Anschläge eher durch einen systemischen Ansatz anschauen sollte, ist die Frage.

Fakt ist, dass nahezu Schlag auf Schlag zu den traurigen Ereignissen in Nizza in der Türkei ein Militärputschversuch stattfand bei dem es um einen handfesten Macht- und Systemkampf geht und bei dem sogar der autoritäre Erdogan die Menschen im Land aufruft, für ihn auf die Straßen zu gehen.

Eine paradoxe Situation. Gut und Böse ist, so wie Richtig oder Falsch, heute oft nicht mehr so leicht zu identifizieren. Eins steht aber fest: Wir leben in immer unberechenbareren Zeiten obwohl wir bereits mit neuesten Apps unsere biometrischen Daten für unsere Gesundheit analysieren können oder Handyspiele zum Hype werden, die die virtuelle und reale Welt verschmelzen lassen.

Persönlichkeitsentwicklung gegen extremistische Tendenzen

Doch all diese Erneuerungen lassen uns in der Tiefe als Mensch nicht wachsen und tragen leider nicht zu einer effektiven Persönlichkeitsentwicklung bei, die in einen reifen und stabilen Menschen mündet. Im Gegenteil - die netten modernen Annehmlichkeiten lenken eher von den wahren Problemen unserer Zeit, wie der Qualität unserer zwischenmenschlichen Kontakte und einer sinnvollen Nutzung eben dieser ab, die uns bei der individuellen Weiterentwicklung helfen und als wahre Prävention vor religiösem oder politischem Extremismus immunisieren würden.

Der Mensch am Anfang des 21. Jahrhunderts steht zweifelsfrei in einer Sinn- und Wertekrise, die durch neue Medien und technische Errungenschaften nur überlagert wird.

Vielleicht sollten wir, anstatt in unsere Smartphones zu starren und die Menschen um uns zu ignorieren, uns wie der Homo erectus wieder aufrichten und unserem Gegenüber daheim, in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder sonst wo wieder in die Auge schauen.

Es könnte gut sein, dass wir dann wieder ein besseres Gefühl für unsere Mitmenschen und für uns im Sinne der emotionalen Intelligenz bekommen. Möglicherweise würden wir dann wahrnehmen wie es den Menschen in unserer Umgebung wirklich geht.

Eins steht sicher fest, jedes noch so moderne und teure technische Gadget kann uns nicht die Empfindung geben, die uns ein Blickkontakt und ein geteiltes Lächeln geben. Es kostet nichts und könnte, wenn wir es dermaßen oft teilen wie unsere digitalen Nachrichten, sozialhygienisch viel in unserer Welt bewegen.

Denn auch der Fahrer des LKWs in Frankreich ist nicht als Attentäter geboren worden. Uns von unserer gesellschaftlichen Verantwortung nur durch die Erklärung von religiöser oder politischer Hirnwäsche zu entledigen ist viel zu einfach.

Perspektivenlosigkeit und gesellschaftliche Kälte als Nährboden für Extremismus

Jeder Soziopath, ob Attentäter oder extremistischer politischer Führer, durchläuft verschiedene Entwicklungsstadien und damit verbundene reale und nicht rein virtuelle Erfahrungen, die ihn zu dem Menschen machen, der er zum Zeitpunkt schrecklicher emotional abgestumpfter Taten seinen Mitmenschen gegenüber schlussendlich ist.

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Die Kälte und Perspektivlosigkeit als Nährboden für Extremismus schleicht sich langsam in unserer Gesellschaft ein und nimmt überhand, wenn wir es verlernen, auf uns und unsere Mitmenschen Acht zu geben, weil wir falschen Werten hinterher hecheln.

Es ist noch nicht zu spät, dass jeder einen kleinen Schritt macht um in Zukunft negativen Tendenzen in unserem zwischenmenschlichen Umfeld entgegenzuwirken. Oft reicht schon ein achtsamer und sensibler Umgang mit denen, die uns nahe stehen.

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