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Sektion ohne Namen - Das politische Experiment

Veröffentlicht: Aktualisiert:
YOUNG POLITICS
Bloomberg via Getty Images
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Wie Politik 4.0 aussehen kann. Eine Fallstudie.

Politische Bewegungen und Parteien kämpfen in Zeiten, in denen Konsum, Kapital und das individuelle Vorankommen mehr zählen als gemeinsame Werte, um ihre Berechtigung in der Zukunft.

Es gibt aber auch Ausnahmen abseits des kapitalistischen Hamsterrades, in denen sich Menschen nicht nur um ihr eigenes Wohl kümmern.

Ein kleines aber feines Beispiel eines derartigen politischen Alternativmodells stellt die vor ungefähr einem Jahr gegründete "Sektion ohne Namen" im Zentrum von Wien dar. Das Leitprojekt erhebt für sich selbst den Anspruch klassische politische Mechanismen umzukrempeln, um wieder Politik auf Augenhöhe mit Parteimitgliedern und auch Interessenten zu realisieren.

Fallstudie Sektion ohne Namen

Im Herzen Europas im kulturell gewachsenen Wien wurde die Sektion ohne Namen von Mario Krendl, Daniela Bichiou und Oliver Stauber gegründet. Ein Zusammenschluss von Menschen, die fernab aller Politikverdrossenheit etwas gemeinsam weiterbringen wollen.

Mittlerweile verfügt die innovative Sektion durch Niko Kern über einen eigenen Medienstrategen und mit Thomas Stiegmaier sogar über einen eigenen Generalsekretär.

Ohne Schnörkel und aufgesetzte Attitüde stellt der akkreditierte Rechtsanwalt und Vorsitzende der Sektion ohne Namen, Oliver Stauber, das Pionierprojekt seiner vielschichtigen Gruppe im Tiefeninterview mit Daniel Witzeling dar.

Tiefeninterview mit Oliver Stauber von der Sektion ohne Namen:
https://youtu.be/mMKk-tO2vVs

Barrierefreie Partei

Parteimitgliedschaft, der Namen, die Herkunft oder der soziale Status sollen bei der Sektion ohne Namen keine Rolle spielen. Nur der Mensch mit seinem Engagement und seinen Ideen zählt.

Themen wie Migration, Wirtschaft, Arbeit, Soziales und Bildung sind Kernthemen, die in Form von Fokusgruppen, die für jeden frei zugänglich sind, behandelt werden. Ziel ist eine Politik ohne Feindbilder und Ressentiments zu leben. Dadurch soll die inhaltliche Bandbreite der politischen Bewegung qualitativ vergrößert werden.

Die bisherigen Erfahrungen des neuartigen politischen Projektes zeigen, dass großes Interesse an einem derartigen Modell besteht. Dies belegen auch die Zahlen.

Innerhalb kürzester Zeit konnte die neugegründete Sektion in der Innenstadt von Wien 100 deklarierte Mitglieder für die Sozialdemokratische Partei Österreichs (SPÖ) und über 500 Interessenten gewinnen, die sich regelmäßig aktiv in den Fokusgruppen (mit bis zu 30 Teilnehmern) mit ihren Ideen einbringen.

Wie der Entwicklungstrend zeigt, gibt es außerdem ein konstantes und stetiges Wachstum in Bezug auf die Teilnehmer. Dieses Faktum ist für eine derart kleine Zelle in Zeiten von zunehmendem Desinteresse für Politik und klassische Parteien ein beachtlicher Wert.

Die Zusammensetzung der Diskutanten in den moderierten Runden ist durchaus relativ heterogen. Alle Altersgruppen, Geschlechter und verschiedenste Ethnien finden sich in den Fokusgruppen zusammen, um für sie relevante Themen zu besprechen und sich in Eigeninitiative einzubringen.

Politik mit offenem Visier

Auch heikle und polarisierende Themen, wie die mögliche Regierungsbeteiligung der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), werden in den Gruppen ganz offen diskutiert.

Diese Offenheit im politischen Diskurs und die Möglichkeit auch ohne Parteimitgliedschaft mitbestimmen zu können, kommt, wie die Erfahrungen zeigen, bei den Menschen sehr gut an. Oliver Stauber der Vorsitzende der neugegründeten Sektion beschreibt seine intrinsische Motivation sich weiter politisch zu engagieren ganz offen und ehrlich.

Als jemand der aus einem politischen Elternhaus kommt, ist er seit seinem 15. Lebensjahr politisch aktiv in der sozialdemokratischen Bewegung. Er will Politik nicht nur als Rezipient über sich ergehen lassen, sondern er hat den Willen und den Antrieb Politik aktiv selbst zu gestalten und damit Einfluss auf die Gesellschaft als Ganzes auszuüben.

In Zeiten wo es verstärkt zu einer Kluft zwischen Arm und Reich kommt und in denen Polarisierungen überhandnehmen, sehen sich Stauber und sein Team von der Sektion ohne Namen gefordert etwas im Sinne aller Menschen zu tun und auch allen Menschen die Chance zu geben sich in der Politik ohne Zwänge und festgefahrene Rituale einzubringen.

Aus seiner Sicht war es noch nie wichtiger sich politisch zu engagieren und Stellung zu beziehen wie heute.

Die Sektion ohne Namen ist ein eindeutiger Indikator, dass die Politlandschaft im Wandel ist. Im ersten Bezirk in Wien hat sich für engagierte und politisch Interessierte eine Tür in eine neue Zeit des politischen Miteinanders geöffnet.

Ein offenes Forum zum Diskurs und um gesellschaftspolitische Ideen oder konkrete Projekte sowie neue Perspektiven ohne parteipolitische Fixierung zu behandeln. Eine Plattform für alle Neu- und Querdenker .

Analog zum Ansatz des Philosophen Ivan Illich, der Idee der Konvivialität, die sich als Gegenteil rein industrieller Produktivität versteht, nämlich einem lebensgerechten Einsatz des technischen Fortschritts, stellt die Sektion ohne Namen den Versuch dar, verknöcherte Strukturen aufzulockern und wieder in den Dienst der Menschen zu stellen und nicht nur dem reinen Selbstzweck zu dienen.

Das neuartige Modell der politischen Partizipation will auch, wie einst Illich mit seinem Ansatz der Konvivialität, einen ethischen menschlichen Wert anstelle eines rein technischen, gewinnorientierten, materialistischen Wertesystems stellen in dem nicht Geld und Macht sondern Ideen und Engagement an erster Stelle stehen.

Sektion ohne Namen

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