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Helmut Kohl - Wenn das Wort zählt. In Erinnerung an den Kanzler der deutschen Einheit.

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HELMUT KOHL
Reuters Photographer / Reuters
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Die Antithese eines Slim-Fit Kanzlers. Typologie eines Politikers aus vergangener Zeit, wo der Mensch noch Mensch sein durfte.

Kürzlich verstarb ein Held aus vergangenen Kindertagen - Adam West alias Batman. Nun ist auch der deutsche Altbundeskanzler Helmut Kohl im Alter von 87 Jahren verstorben. Der Jahrhundertpolitiker und Kanzler der deutschen Einheit war kein typischer stromlinienförmiger Politiker, wie es sie heute als Adepten eines neuen Medienzeitalters häufig gibt.

Er aß gerne und herzhaft, rauchte Pfeife und nahm sich auch bei für ihn unpassenden Journalistenfragen kein Blatt vor den Mund. Der Ex-Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust beschrieb Kohl als hart und sehr direkt im Umgang mit seinen Kollegen. Ein Kontrastprogramm zu dem auf ihn folgenden Medienkanzler Gerhard Schröder. Das Rauchen von dicken Zigarren und ungesundes Essen wurden durch vegane Ernährung und zahlreiche Lebensmittelunverträglichkeiten ersetzt.

Früher hat man hart gearbeitet, es wurde ordentlich getrunken und gegessen und das Leben in vollen Zügen genossen. Heute gibt es Fitness Apps, die einem alle relevanten physiologischen und biometrischen Daten anzeigen, während man die Allee entlang joggt.

So mancher Altherrenwitz von einst ist tabu und wurde durch eine gehörige Portion an Political Correctness substituiert. Zaudern oder Kleinmütigkeit waren keine Attribute, die man mit Kohl assoziieren konnte. Im Gegenteil, er war ein ausgeprägter Machtmensch der aber auch über das gewisse menschliche Feingefühl verfügte. Er sagte einmal selbst, dass Macht nichts Schlechtes ist sondern ein notwendiges Mittel zum Zweck um Dinge zu erreichen. Sie darf aber nicht zur Selbstbefriedigung dienen.

Die Leistungen Kohls sind nicht zu leugnen. Er wird als Kanzler der deutschen Einheit, der Michail Gorbatschow das Ja zu dieser abgerungen hat und später so ganz nebenbei auch Österreich den Weg in die EU ebnete, in die Geschichte eingehen.

Psychogramm eines Machtmenschen mit sozialer Intelligenz

Der gebürtige Pfälzer Kohl meinte einmal treffend, dass er gut davon lebe chronisch unterschätzt zu werden. Viele scheinbar intellektuellere Politiker haben ihn, den bodenständigen Saumagen-Esser signifikant unterschätzt. Angefangen bei Franz Josef Strauß, der den von Medien abschätzig als "Birne" karikierten Kohl, nicht ernst nahm und gegen den sich Kohl mit taktischem Geschick durchsetzte, über Helmut Schmidt, dem er als Kanzler nachfolgte.

Der Konservative alter Schule pflegte Werte wie Pflichtgefühl sowie Standhaftigkeit und war ein nicht zu unterschätzender sozialer Netzwerker noch lange bevor es Facebook und Co. gab. Die deutsch-französische Aussöhnung, die Kohl mit Konrad Adenauer verband, lebte er mit François Mitterand. Am Ende schaffte was vielen Männern nicht gelang nur Kohls Mädchen, die heutige Kanzlerin, dessen politischer Ziehvater er war, den Patriarchen nach 16-jähriger Regentschaft vom Thron zu stürzen.

Ein Mann ein Ehrenwort

Kohl hatte auch seine schlechten Zeiten. Neben dem tragischen Freitod seiner Frau Hannelore kratzte die Spendenaffäre ordentlich an seinem Image. Der Altkanzler gab an, sein Ehrenwort gegeben zu haben und daher die Spender nicht zu nennen. Daran hielt er eisern fest.

Die Bedeutung von Loyalität und Treue für sein Wertesystem beschrieb der ehemalige CDU Chef in der Relevanz von Seilschaften. Diese heute eher negativ konnotierten bezeichnete der Pfälzer kurz und prägnant als die, die ihm den Weg nach oben gebahnt haben.

Sie dienen dazu, dass andere beim Erfolg einzelner Mitglieder nachgezogen werden. Ein sehr plastisches Prinzip. So gesehen war Helmut Kohl ein Dinosaurier. Jedoch ein Mensch aus Fleisch und Blut mit allen Stärken und Schwächen, die einen als Mensch ausmachen.

Die politische Generation Slim-Fit hat nicht viel gemein mit Kalibern eines Formates wie Helmut Kohl, Franz Josef Strauß, Helmut Schmidt oder Willy Brandt. Oder ist es doch nur ein verklärter Blick in die guten alten Zeiten? Eines steht aber zweifelsfrei fest: Helmut Kohl wirft einen großen Schatten auf kommende Größen in der politischen Landschaft Europas - nicht nur aus dem konservativen Lager.

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