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Mensch vs. Maschine, Sharing Economy vs. Industrie 4.0

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Die groĂźen Vordenker wie Musk oder Hawking befĂĽrchten Schlimmstes, auch auf der Huffington Post! Wenn sie Recht haben, droht uns die Dominanz der kĂĽnstlichen Intelligenzen. Der nachfolgende Beitrag ist ein Zwischenruf zum Spannungsfeld von Mensch und Maschine und betrachtet insbesondere die Konsequenzen von Sharing Economy und Industrie 4.0 fĂĽr die Logistik (und andere Bereiche). Beide Themen sind enger verwandt als es auf den ersten Blick scheint und ihre Auswirkungen groĂź.

Die Botschaft fĂĽr den Worst Case lautet:

Wenn es maximal schlecht läuft, sind am Ende
die Maschinen NICHT AUCH NOCH „vernetzt" und „autonom" -
SONDERN NUR NOCH SIE ...

1. Warum eigentlich „versus"? Ein polarisierender Einstieg

Irgendwie scheinen die Maschinen doch immer einen Schritt schneller zu sein ...

Dabei sah es ganz kurz noch einmal anders aus. So um das Jahr 2013 herum. Nach all den Jahren, Jahrzehnten Jahrhunderten der Technisierung, Kommerzialisierung und Industrialisierung schien der Mensch den Maschinen doch noch ein (letztes?) Mal ein Schnippchen zu schlagen: Und zwar mit ihren eigenen Mitteln: Smartphones, das Internet und soziale Medien trafen sich mit der neuen alten Sehnsucht der Menschen, nicht einsam sein zu mĂĽssen. Und es entstand der kurze Sommer der Sharing Economy mit dem Menschen im Mittelpunkt.

Sogar die CeBIT nannte sich nach dem Phänomen („Shareconomy").

Die Idee vom Teilen war nicht neu. Von Ansätzen in den antiken und mittelalterlichen Zünften und den neuzeitlichen Genossenschaften bis zu den wissenschaftlichen Arbeiten von Martin Weitzman wurde vieles über kollaborative Nutzung von Ressourcen durchgedacht und teilweise sehr erfolgreich und nachhaltig erprobt.

Neu jedoch war in jener Zeit der lose Charakter der Communities, teilweise ohne jede Verbindlichkeit, ohne Kapitalinteressen, ohne Anteile, ohne Beiträge, zum Teil ohne überhaupt Preise festzusetzen. Und neu war eben, dass die Menschen, die hier Dinge teilten, den Kontakt untereinander hielten mittels der genannten neuen technologischen Möglichkeiten - und auch irgendwie mit den Objekten ihres Tauschhandels.

Und spätestens hier kommt Industrie 4.0 ins Spiel.

Beide Phänomene haben zumindest im Internet-der-Dinge und im always-and-everywhere-on-Modus gemeinsame Eltern. Zudem stehen beide für eine neue kollaborative Netzwerk-Ökomomie. Und wie es oft so ist mit Geschwistern: Sie entwickeln sich teilweise ganz unterschiedlich und vertragen sich nicht unbedingt...

Aber ist das „versus" im Titel dieses Beitrags gerechtfertigt? Und wenn ja, hat das alles überhaupt eine Relevanz? Eine erste Näherung scheint es auf jeden Fall wert. Versuchen wir sie daher in diesen drei Schritten:

  • Was steckte hinter der Sharing Economy und welche Auswirkungen auf die Logistik und die Supply Chain sind erkennbar oder zumindest denkbar?
  • Wie steht es um Industrie 4.0 aus dieser Perspektive?
  • Wie verhalten sich diese beiden Bewegungen zueinander? Ein erneut pointiertes Fazit schlieĂźt den kurzen Beitrag ab - und eröffnet vielleicht eine Diskussion.

2. Der Social Shift: Der vernetzte Mensch wird vom Ziel der Lieferkette zum Schritt in der Lieferkette

Die Diskussion, wozu die ganzen sozialen Netze, das Web 2.0 per se eigentlich sinnvoll zu nutzen seien, ist so alt wie die Medien und Technologien selbst. Neben den wirklichen Vorteilen für die Kommunikation und Vernetzung unter den Nutzern entdeckten Unternehmen rasch die Möglichkeiten für Werbung und Kommunikation. Und die betreibenden Unternehmen selbst waren ja schließlich vor allem getrieben von kommerziellen Interessen.

Facebook, Twitter, LinkedIN etc. - allesamt Firmen, die den Nutzer nicht zum Kunden machten - sondern zum Produkt selbst. In gewisser Weise trifft dies auch zu auf die Unternehmen, die inzwischen einen Großteil der shaing economy umarmt und fast vollständig vereinnahmt haben. All das soll hier nicht diskutiert werden.

Es tauchte jedoch die Frage auf, wozu soziale Vernetzung noch nutzbar sein könnte als lediglich für PR. Und dabei nahm und nimmt die sharing economy den zentralen Platz ein. Der Schritt vom Teilen von Inhalten (Kommunikation) zum Teilen von Dingen und Services (Konsum) lag nahe. Aber konkret in der Logistik?

Auf den Punkt bringt das Verhältnis im ersten Schritt die Washington Post Bloggerin Emily Badger:

Logistics are the logical companion industry to the sharing economy. As the latter grows, so will need for the former. Logistics also represent the unresolved territory of the digital age. The Internet has solved all kinds of other problems: It's enabled us to communicate faster, to pay bills more easily, to shop for products that can't be found in local stores, to open businesses that couldn't cover the rent on a brick-and-mortar storefront.

But for all those interactions that take place in the ether, we still need to move stuff in the real world. Your Airbnb keys can't be e-mailed. You can rent a drill bit on SnapGoods, but an online platform can't physically deliver it to you.

The unresolved territory of the digital age: Wie lange bleibt das so?

Am verdientesten um diese Frage hat sich sicher Jonathan Wichman gemacht. Er beobachtet intensiv den Wirtschaftszweig, seit er für den dänischen Maersk-Konzern ein kleines Social-Media-Wunder in die Tat umgesetzt hat. Am aufschlussreichsten hierbei ist seine Liste der sharing startups in der Logistik-Branche. Wer diese Liste betrachtet, stellt schnell fest:

Es gibt quasi keinen Bereich moderner Logistik,
in dem nicht jemand versucht,
durch Sharing von Ressourcen und Vernetzen von Akteuren
Leistungen zu erbringen oder Nutzen zu stiften,
den bisher eingesessene Unternehmen angeboten haben:

Transportsysteme, Frachtraten, Container, Mitfahrgelegenheiten für Waren (Crowdshipping), End-to-end-shipping, 3PL-Leistungen, Fleet Management, die letzte Meile, Lagerung... Die bienenwabenförmige Darstellung von Jeremiah Owyang bringt die schier unübersehbare Vielfalt zusammen - und zeigt wie stark die Logistik Teil der Bewegung ist.

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Bild 1: Collaborative Economy Honeycomb.

Werden wir jedoch konkret: Welche drei Ansätze können tatsächlich als Beispiel dafür herhalten, dass das Teilen konkrete Auswirkungen auf die Geschäftsmodelle in der Logistik haben könnte. Hier seien die drei wichtigsten Punkte kurz vorgestellt:

  1. Der Nutzer wird zum Teil des Produkts - beziehungsweise zum Produkt selbst.
  2. Der Nutzer wird zum Teil des Beschaffungsprozesses.
  3. Der Nutzer wird zum Teil der Supply Chain selbst.

2.1. Der Nutzer wird zum Teil des Produkts - beziehungsweise zum Produkt selbst

Carsharing und damit verbunden das Mitnehmen von Waren sind hierfür wichtige Beispiele. Wundercar und vor allem natürlich uber sind hier die eindrücklichsten Beispiele. Sie zielten zunächst nur auf den Transport von Menschen. Aber besonders uber wird immer deutlicher zur Logistik-Company. Zum Beispiel als Weihnachtsbaumlieferant für Home Depot oder mit UberRUSH. Zipments ist ein weiteres Beispiel: Same-day-delivery durch Mitglieder im Netzwerk. Shuttl. Ist gleich gestartet - und wurde gekauft von ebay...

2.2. Der Nutzer wird zum Teil des Beschaffungsprozesses

Der „Einkauf" also die Beschaffungsseite der Supply Chain erhält durch die sozialen Medien natürlich ebenfalls neue Impulse und Möglichkeiten. Emmas Enkel zum Beispiel gelingt es, auf Anregungen für Produkte in ihrer Facebook-Timeline binnen Stunden zu reagieren - innerhalb von 5 Tagen sind solche Produkte dann im Shop verfügbar. Betrachtet man die herkömmlichen Einkaufszyklen und Onboardingprozesse für Lieferanten, wird die ganze Sprengkraft eines solchen Vergehens deutlich.

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Bild 2: Beschaffungstempo und „human demand sensing" bei Emmas Enke

2.3. Der Nutzer wird zum Teil der Supply Chain selbst

In gewisser Form ist diese Variante auch keine neue Idee: IKEA hat die Supply-Chain-Schritte Distribution und Aufstellen ausgelagert an den Kunden. Jedoch ist hier natürlich kein Sharing-Aspekt dabei. Anders bei einem Case, der in Indien Furore machte und vielleicht im Moment immer noch die höchste Entwicklungsstufe einer sharing economy supply chain darstellt: Es dreht sich um die „human supply chain", die Hippo chips bereits 2010 aufstellte - und so disruptiv den Snackmarkt im Subkontinent betrat. Am besten ist die Fallstudie mit all ihren beeindruckenden Zahlen im Film zu entdecken, der vom „Plan-T" berichtet - T wie Twitter und wie Tracking:



Bild 3: Hippo Chips erfindet die human supply chain. Video unter: https://www.youtube.com/watch?v=Qjvt3TGqxIA

Der Supply-Chain-Schritt, der hier an die Crowd outgesourced wurde, war eben das „Inventory Tracking" in den Outlets. Die Kurzfassung hier:

Hippo, a new entrant in the $1.5 billion Indian snack market, was launched in 400,000 stores across India. The sales and distribution network of Hippo was in a nascent stage. It was essential to ensure consistent availability to encourage trail and first time purchase. Stocks were drying up in stores by the hour and they found it challenging to track and re-stock the empty stores quickly. The challenge was to track empty stores quickly and plug the lag in supply and help Hippo cope with this super demand.

Hippo blurred the line between sales, distribution, and consumer by using social media as an information channel to fill the gaps in its distribution network. Hippo got his followers on Twitter to send him a tweet @HelloMeHippo whenever they were unable to find Hippo packs at a store. Thus the customers not only became a feedback channel but also as an inventory tracking interface. A core cell was set up to collect and disburse this information to the respective sales teams which restocked the store within hours.

Tweets poured in from 45 cities across India. At zero cost, Hippo had 400 additional people helping with Sales & Distribution over Twitter - equivalent to almost 50% of the strength of its Sales & Distribution network itself. Sales rose by 76% in the first few months of its launch. The campaign even helped Hippo identify, gauge demand, and prioritize its high potential new markets

.

Nicht zuletzt angesichts dieser Zahlen bleibt es sehr spannend, dass die Supply Chain und Operations Szene dieses Beispiel bisher nicht näher beleuchtet hat. Lediglich als Marketing Stunt ist Hippo beschrieben worden - ein Beleg dafür, wie sehr im toten Winkel das Potenzial der sozialen Medien für mehr als Werbung liegt.

Diese äußerst knappen Ausführungen mögen genügen. Das Potenzial erscheint groß, die sozialen Netzwerke und den Sharing-Ansatz auch für Logistik und Supply Chain nutzbar zu machen.

Erleben wir im Best Case
den sozialen und teilenden Mensch
im Mittelpunkt der neuen Ă–konomie?!

Oder sollte man sagen: erschien? Denn mit ein wenig Abstand betrachtet ist es ruhig geworden um die Sharing-Idee.

Und in den Umfragen und Hypecycles der Welt trat ein anderes Thema an dessen Stelle. Es hat unterschiedliche Namen, je nach Region, in dem es verwendet wird:

  • Industrie 4.0 oder
  • Internet-of-Things oder auch
  • „Cyber-Physical Systems".

All diesen Begriffen gemein ist: sie drehen sich um Maschinen...

3. Industrie 4.0
3.1. Der Begriff und die Vision dahinter

Ganz kurz soll hier der Begriff Industrie 4.0 eingeführt werden. Er ist der in Deutschland verbreitetste Begriff (Oder soll man sagen war? Das ist eine andere Diskussion, zu der Winfried Felser mehr sagen kann). Ein Milliardengeschäft, eine ganze „Lobbymaschine" hat sich zu einer Aktionsplattform zusammengefunden und bereits erfolgreich missioniert: Die Bundesregierung hat das Thema zum Zukunftsprojekt geadelt und bis zu 120 Millionen Euro an Fördergeldern in Aussicht gestellt.

Der noch junge Begriff kann also auf eine beachtliche Erfolgsstory zurückschauen. Er ist allerdings auch nur im deutschsprachigen Raum verständlich. Und doch passt gerade das für unser Thema sehr gut. Industrie 4.0 - der Begriff atmet die deutsche Ingenieursdenke. Er klingt technisch, klar strukturiert. Kritiker werfen ihm vor, sogar technokratisch zu sein, die Rede ist vom alten Wein und den neuen Schläuchen.

Diese Frage soll hier gar nicht beleuchtet werden. Es geht im Moment nur darum, den Blick darauf zu lenken, wo die Verbindung zwischen den im vorherigen Kapitel aufgeführten Sharing-Ansätzen und der Industrie 4.0 ist. Und dabei fällt auf: All die genannten Punkte, sollen nach den Visionen der Industrie 4.0 quasi menschenlos werden:

  • Die Mitnahmegelegenheiten fĂĽr Waren? Werden durch autonome Autos ersetzt.
  • Die schnelle Reaktion auf geteilte Nachfragen? Big Data und predictive shipping machen das in der Cloud.
  • Und schlieĂźlich das Inventory-Tracking? Beacons, Sensoren und fully-automated Replenishment machen das ebenfalls ohne menschliches Zutun. Voll vernetzt und autonom.

Wo fĂĽhrt das hin?

Erleben wir im Worst Case
die intelligenteren Maschinen, die alles
Menschliche und Soziale ĂĽberflĂĽssig machen?

3.1 M2M hoch zwei: Reden in Zukunft nur noch Menschen mit Menschen und Maschinen mit Maschinen?

Es sind keineswegs nur die notorischen Fortschritts-Skeptiker und Ewiggestrigen, die in dieser Entwicklung Sprengkraft sehen. Elon Musk ist der jüngste, der auf die möglichen Gefahren einer Matrix-ähnlichen Zukunft hinweist - auch Stephen Hawkings jüngst. Die Auswirkungen auf mögliche Arbeitsverhältnisse wurden vor allem von Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee ausgiebig untersucht und beschrieben.

Es mehren sich die Stimmen, dass dies auch für die Industrienationen zur Zerreißprobe kommen kann. Wie auch immer: Eins kann man schon beinahe jetzt konstatieren: Während die Industrie 4.0 daran arbeitet, dass sich Maschinen untereinander autonom und ohne Menscheneinwirken organisieren und verständigen können, haben die Sharing Economy und die Social Networks eine ebensolche Entwicklung unter den Menschen aufscheinen lassen.

Jedoch scheint sich anders als bisher die Verbindungen zwischen diesen beiden Bereichen zu lockern. Sie werden zu Parallelgesellschaften.

4. Und was hat das alles mit uns zu tun? Wie der Social Shift und Vernetzung Innovationen in der Logistik vorantreiben

Was zu tun bleibt, bleibt nun zu diskutieren. Wer soll denn all die hochindividualisierten und autonom vernetzt produzierten und gelieferten Produkte kaufen, wenn es kaum noch Menschen gibt, die durch Arbeit Geld verdienen?

Es ist eine fatale Ironie der Geschichte,
dass auch die Sharing Economy inzwischen fast zum Vorreiter
solcher auch sozial disruptiver Geschäftsmodelldisruptionen geworden ist!

Uber hat zuerst die „middlemen" (Taxiunternehmen, Taxizentralen) ausgeschaltet - mit der Idee, alle zu Fahrern zu machen, die direkt (sharing) untereinander die Transporte aushandeln und bezahlen. Aber UBER arbeitet sehr konsequent daran, den Menschen auch noch „wegzuindustrieviernullen" durch autonome Fahrzeuge. Deshalb bin ich immer sehr zurückhaltend, wenn UBER als leuchtendes Beispiel für die Sharing Economy angeführt wird. Man könnte dann auch ein wenig überspitzt behaupten, dass Kuppelei ein leuchtendes Beispiel für die Förderung der Liebe unter den Menschen sei.

So scheint schlieĂźlich der eigentliche Einfluss der Social Shift vielleicht doch gar nicht so geschwisterlich im Zwist mit den Zielen der Industrie 4.0 zu liegen - die beiden Schwestern zoffen und zicken.

Ich mache hier keineswegs eine Gegenwartsbeschreibung mit Anspruch auf Vollständigkeit und umfassende Wahrheit. Und doch wird es schwer fallen, den prinzipiellen Thesen zu widersprechen. Dennoch: Es geht nicht ums Rechthaben, sondern ums „richtig machen". Zur Frage, wie eine Zukunft mit Industrie 4.0 auch eine Sharing Economy unter Menschen sein kann, sind wohl eher nur die ersten Überlegungen erfolgt als das letzte Wort gesprochen. Das gilt auch für diesen Artikel.

Any comments? Dann diskutieren Sie mit: Mich treffen Sie als nächstes auf der der EXCHAiNGE 2015 in Frankfurt. Dort sind es diese Fragen, die uns interessieren. www.exchainge.de


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