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„In der Mongolei bedeutet Partizipation auch immer die Jagd nach Gelegenheiten"

20/02/2016 07:44 CET | Aktualisiert 19/02/2017 11:12 CET

Sukhbat Baatar ist ein energischer Mann. Er möchte etwas in der Mongolei verändern: das Land demokratischer machen. Trotz seiner Energie scheint er jedoch oft frustriert. „Die politische Klasse in der Mongolei hat sich abgeschottet. Seit 1990 sind es dieselben Akteure.

Gerade jungen Menschen wird oft nur zugetraut, die Aktentasche zu tragen", sagt Sukhee, wie er in der Mongolei genannt wird. Sukhees Geschichte ist beispielhaft dafür, wie schwer es junge Menschen in der mongolischen Politik haben.

2016-02-10-1455093121-2414069-HuffPost.Schmucking_B.pic02.jpg Ein energischer Mann: Sukhbat Baatar

Der 34-jährige kommt aus der Mittelschicht, die in der Mongolei nicht stark ausgeprägt ist. Seine Mutter war Apothekerin und sein Vater Fahrer. Trotzdem erhielt er die Gelegenheit, nach Deutschland zu gehen, um dort zu studieren. Daher spricht er hervorragendes Deutsch, genau wie 50.000 weitere Mongolen.

In Deutschland war das Leben einfach. In der Mongolei muss ich mir ständig Sorgen machen.

Sukhee studierte in Mainz Politikwissenschaft und Linguistik. In dieser Zeit heiratete er seine Frau und es kamen seine zwei Söhne zur Welt. Gerade mit Blick auf seine Kinder denkt er gerne an die Zeit in Deutschland zurück:

„In Deutschland war das Leben einfach. In der Mongolei muss ich mir ständig Sorgen machen. Die öffentlichen Schulen sind so schlecht, dass ich meine Söhne dort nicht hinschicken möchte und die privaten kann ich mir kaum leisten. Das schlimmste ist aber die Sorge um die Gesundheit meiner Kinder. Ich hoffe, dass keiner aus meiner Familie krank wird, da das Gesundheitssystem miserabel ist. Hat jemand etwas Ernstes, muss er nach Korea oder China ausgeflogen werden."

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Vor dem Deutschen Bundestag

Sukhee ist in die Mongolei zurückgekehrt, wie viele andere gut ausgebildete Mongolen. Das ist ungewöhnlich für ein Entwicklungsland. Ursache ist das tief empfundene Heimatgefühl vieler Mongolen und starke familiäre Bindungen. Der Auslöser für Sukhees Rückkehr war die Krebserkrankung seines Vaters.

Leider ist dieses tragische Ereignis kein Einzelfall. Hepatitis-Erkrankungen sind die zweithäufigste Todesursache in der Mongolei. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation gehen davon aus, dass 10-15 % der mongolischen Bevölkerung an Hepatitis C und 10-22 % an Hepatitis B erkrankt sind. Obwohl sich Sukhee in Deutschland sehr wohl fühlte und mit dem abgeschlossenen Studium gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt gehabt hätte, ging er dennoch nach elf Jahren zurück in die Mongolei.

„Es war keine einfache Entscheidung, aber für mich dennoch selbstverständlich. Ich wollte bei meinem Vater sein.", sagt Sukhee. Die Entscheidung war auch deshalb so schwierig, weil Sukhees Frau ihr Studium noch nicht beendet hatte. Daher ging Sukhee allein mit den zwei Kindern zurück in die Mongolei. Seine Frau blieb währenddessen in Deutschland, um ihr Studium fortzuführen. Sein Vater verstarb schließlich nach langer und schwerer Krankheit.

Sukhee ist in der Mongolei geblieben und auch seine Frau hat inzwischen ihr Studium beendet und ist zurückgekommen.

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Diskussion mit den Mitgliedern der NGO „Entwicklung und Demokratie"

Sukhee hat sich für die Mongolei entschieden, dennoch vergleicht er das Land immer wieder mit Deutschland. Wie viele andere Rückkehrer empfindet er die politische und wirtschaftliche Situation des Landes als Herausforderung. Seit 1990 gibt es die Demokratie in der Mongolei und das Land hat viele Fortschritte gemacht.

Dennoch ist es noch ein langer Weg bis hin zu einer stabilen Demokratie nach westlichen Standards. Gerade die Rückkehrer stehen immer wieder vor Hindernissen. Sukhee ist ein politisch interessierter Mensch, der sich gerne noch mehr einbringen möchte. Er ist bereits sehr aktiv, doch die alltäglichen Sorgen um Familie, Job und Zukunft verhindern ein stärkeres Engagement. Bislang hatte er eine Stelle, die von deutscher Entwicklungshilfe gefördert wurde, doch diese Unterstützung läuft aus und damit auch seine Stelle.

In der Mongolei sind die politischen Strukturen und Institutionen schwach ausgeprägt

Es fließt sehr viel Entwicklungshilfe in das kleine Land mit nur drei Millionen Einwohnern. Leider fehlt oft die Nachhaltigkeit. Entfallen die Fördermittel, stehen die meisten Organisationen vor dem Aus. Sukhee hat inzwischen eine neue Aufgabe gefunden. Er arbeitet als Geschäftsführer der NGO „Entwicklung und Demokratie".

Für Sukhee ist es eine Gelegenheit, sich stärker in der Politik einzubringen: „Der Job ist ein guter Einstieg. Ich bin nah dran an der Politik." Dennoch sucht Sukhee weiter nach Möglichkeiten, sich noch stärker politisch zu engagieren: „Da in der Mongolei die politischen Strukturen und Institutionen schwach ausgeprägt sind, bedeutet Partizipation auch immer die Jagd nach Gelegenheiten."

Das Leben für Sukhee ist nicht einfach, doch trotz einiger Enttäuschungen hat er die Hoffnung für die mongolische Demokratie nicht aufgegeben: „Ich glaube daran, dass es irgendwann einen Generationenwechsel in der Politik geben wird und dass wir es besser machen werden. Die Frage ist nur: wann?"

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Es stimmt nicht, dass sich junge Menschen nicht für Politik interessieren, sie gehen nur anders damit um. Daher will die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zusammen mit der Huffington Post der Frage nachgehen: Wie muss Politik für junge Menschen aussehen? Weltweit werden Experten der Konrad Adenauer Stiftung politische Initiativen und Vorgehensweisen analysieren. Wenn Sie sich an der Diskussion beteiligen möchten, schreiben Sie an Blog@huffingtonpost.de.

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