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Wer denkt an die Psyche des Arbeitslosen?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ARBEITSAMT
dpa
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Arbeitslosigkeit ist ein Thema, von dem die Medien einfach nicht loslassen wollen. Egal ob Tageszeitungen, Printmagazine oder TV-Sendungen, jeden Tag hat irgendjemand etwas zum Thema Arbeitslosigkeit zu sagen.

Das was sie zu sagen haben, ist meistens etwas negatives über die Arbeitslosen selbst.

Arbeitslose sind stinkfaul.
Arbeitslose wollen nicht arbeiten.
Arbeitslose sind zu dumm zum arbeiten.

Und so weiter, und so fort.

Überall, wo man liest, hinhört und hinsieht wird der Arbeitslose verteufelt. Politik und Jobcenter kürzen ständig die Gelder, man lässt sich immer wieder neue Sanktionen einfallen um sie öffentlich zu diskriminieren. Und keiner denkt an die Psyche des Arbeitslosen.

Der Arbeitslose möchte arbeiten

Als jemand der seit 2008 selbst drei Jahre Arbeitslos war, kann ich selbstsicher für alle Arbeitslosen des deutschen Sprachraums sprechen: Jeder Arbeitslose möchte arbeiten. Der Stereotyp, dass der Arbeitslose faul wäre und nicht arbeiten will, ist ein absoluter Mythos. Ausnahmslos jeder Arbeitslose möchte arbeiten.

Carl Gustav Jung hatte es bereits im neunzehnten Jahrhundert wunderschön ausgedrückt: Du bist, was Du machst. Der Mensch braucht Möglichkeiten um sich selbst zu definieren. Um seinem Leben einem Sinn zu geben. Es ist verpönt, sich durch die Arbeit zu definieren, aber seien wir uns ehrlich: Jeder von uns definiert sich zum Teil durch seinen Job.

Jeder von uns möchte seinen Teil in die Gesellschaft einbringen, und in der heutigen Zeit ist dies spätestens nach dem Studium nur durch die Arbeit möglich. Hat der Mensch keine Arbeit, fehlt ihm ein wesentlicher Grund seiner Existenz.

Arbeitslosigkeit deprimiert

Für manchen Leser ist das sicher ein Schocker, aber es ist wahr: Arbeitslosigkeit deprimiert. Wenn man zum ersten Mal in die Arbeitslosigkeit, werden die ersten zwei Wochen ganz angenehm sein. Keiner verleugnet das. Die ersten beiden Wochen werden sich wie ein Urlaub anfühlen.

Hast Du bis dahin aber keine Jobzusage, wird sich das schlagartig ändern. Je länger Du Dich in der Arbeitslosigkeit befindest, desto depressiver wirst Du dadurch. Dem musst Du unbedingt mit Aktivitäten wie Fitness, Fortbildung, Lesen und co. entgegen wirken.

Der Arbeitslose ist nicht stinkfaul

In den Alltag eines Arbeitslosen, fällt mehr "Arbeit" hinein als in den Arbeitstag einer festangestellten Person. Bist Du Arbeitslos, verbringst Du sieben Tage die Woche mehrere Stunden allein mit dem Prozess der Arbeitssuche. In Jobbörsen im Internet, Anzeigen in der Zeitung oder Broschüren, überall wo nur möglich schaust Du nach Jobs. Dazu kommen täglich unzählige Stunden dazu, die Du mit dem Verfassen der Bewerbungen verbringst.

Als Standard-Text per E-Mail, oder wenn das Unternehmen sehr konservativ ist, ganz Old School über einen Brief. In meiner eigenen Zeit als Arbeitsloser, habe ich selbst von Montag bis Sonntag Acht Stunden am Tag mit Jobsuche und Bewerbungen verbracht.

Acht weitere Stunden gingen täglich in Sport, private Fortbildung, Lesen und anderweitige Aktivitäten, um sicher zu gehen dass mein Selbstwert aufrecht bleibt, und damit ich für meinen nächsten Arbeitgeber zum bestmöglichen Angestellten werde. Mit einem geregelten Tagesablauf in der Arbeitslosigkeit war ich nicht allein, es gibt unzählige Menschen die diesem Beispiel folgen.

Die Umwelt erdrückt den Arbeitslosen

Der Druck, der jedem Arbeitslosen durch Medien und Politik gemacht wird, spürt er auch direkt durch seine Umwelt. Die direkte Familie, die mit ständigen Fragen zum Stand der Jobsuche einem das Gefühl gibt, zu wenig zu tun. Die Freunde, die mit Geschichten aus ihren Jobs einem das Gefühl geben, dass man schlechter sei als sie.

Das Arbeitsamt, das einen mit ständigen Kontrollen im Nacken hängt, und bei jeder Kleinigkeit gleich eine Sanktion raushauen will. Als I-Tüpfelchen auf dem ganzen oben drauf folgt der innerliche Leistungsdruck, den sich jeder Arbeitslose selbst macht. Man beginnt zu glauben, dass Medien und das nahe Umfeld recht haben. Man würde nicht genug Bewerbungen rausschicken. Man würde nicht genug Zeit in die Jobsuche investieren.

Als Arbeitsloser versuchst Du deswegen ständig den Output zu steigern, aber irgendwann kommst Du an Deine Grenzen. Auch dann sei es aber noch immer nicht genug.

Die wenigsten wollen akzeptieren, dass auch äußere Umstände zu einem gewissen Teil eine Rolle spielen. Existenzangst ist real. Bist Du länger in der Arbeitslosigkeit, und hast keinen angesparten Polster, oder hast keine Familie die Dich unterstützen kann, musst Du früher oder später Dir ernsthafte Gedanken über das Budgetieren machen. Du wirst genug Einsparungen machen müssen, um sicher zu gehen dass Du durch das aktuelle Monat kommst.

Dinge die Dir auf subtile Weise dabei helfen einen Job zu finden, wie ein Anzug für den Vorstellungstermin wirst Du ganz hinten anstellen müssen. Dinge wie gesunde Ernährung werden zweitranging.

Kennst Du jemand der Arbeitslos ist, kannst Du folgendes machen, um die Person zu unterstützen:

  • Erkenne die Person an
  • Sag ihr, dass Du es sehen kannst, wie viel Zeit sie in die Jobsuche steckt
  • Frag sie nach der aktuellen Lage
  • Biete ihr ein offenes Ohr an
  • Hast Du Kontakte in passende Firmen, leite den Lebenslauf der Person weiter
  • Siehst Du ein passendes Jobangebot, weise sie darauf hin
  • Motiviere die Person dazu, etwas neues zu lernen
  • Motiviere sie dazu, Sport zu machen
  • Zeige der Person, wie man LinkedIn oder XING richtig nutzt

Bist Du momentan Arbeitslos? Wenn ja, wie gehst Du damit um? Kennst Du jemanden der derzeit arbeitslos ist? Hilfst Du ihm dabei, wieder einen Job zu finden? Lass mich Deine Meinung zum Artikel in den Kommentaren wissen!

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