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Schulaufklärung über sexuelle Vielfalt droht nach HIV-Leichtsinn eine Vertrauenskrise

28/11/2015 16:22 CET | Aktualisiert 28/11/2016 11:12 CET

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Während in dieser Woche neue Zahlen zur HIV-Verbreitung unter Homosexuellen die Öffentlichkeit alarmieren, droht der Aufklärung über sexuelle Vielfalt an Schulen eine Vertrauenskrise. Ein führender Aktivist und Sprecher eines Projekts, das in NRW-Schulen für Toleranz wirbt und Aufklärung betreibt, hat sich zu leichtsinnigem Umgang mit seiner HIV-Infektion bekannt.

Bezogen auf HIV gibt es wahrlich keinen Grund zu entspannen: 142.197 neue Ansteckungen sind 2014 registriert worden, so ein Bericht des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten. Das waren mehr als 2013, wo die Zahl der Erstdiagnosen mit 136.235 Fällen geringer war. In Deutschland wurde das Aids-Virus 2014 dem Bericht zufolge bei 3525 Menschen festgestellt, was gegenüber dem Vorjahr einem Zuwachs von sieben Prozent entspricht.

Unter den vielen Homosexuellen unter den Infizierten ist auch Christian N. aus Düsseldorf, bis vor wenigen Tagen noch Sprecher von "SchLau". Dass er sich im Rahmen dieses schulischen Aufklärungsprojekts für sexuelle Vielfalt offen zu seiner Krankheit bekennt, lässt zunächst auf einen offenen und ehrlichen jungen Mann schließen, den man als Lehrer gerne zu einem weitläufig tabuisierten mit Schulklassen ins Gespräch bringt. Das über Jahre aufgebaute Vertrauen wurde jedoch vor wenigen Tagen durch einen in Teilen der Öffentlichkeit als "skandalös" empfundenen Facebook-Post erschüttert:

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Medizinisch umstritten

Dass der HIV-Positive Christian N. ohne Kondom mit ständig wechselnden Männern verkehrt, ist vom Nachrichtenwert jedoch zweitrangig. Erwachsene Menschen sollten wissen, welches Risiko sie eingehen, könnte man zu seiner Verteidigung anführen. Doch genau dieses unverzichtbare Wissen verweigert Christian N. seinen Sexpartnern. Abgeordnete im Landtag von NRW sowie Medien wurden darauf aufmerksam, dass Christian N. in einem Kommentar unter seinem Post ergänzte: „... bei Sexdates ist mir Ehrlichkeit ziemlich egal. Bei Schutz durch Therapie ist man sexuell nicht infektiös, also braucht man es auch nicht dem anderen sagen. Ähnlich wie beim Händeschütteln."

Was der engagierte Schulaufklärer hier mit "Schutz durch Therapie" meint, ist medizinisch noch relatives Neuland und hinsichtlich der Sicherheit vor Infektionen entsprechend umstritten. Fasst man Einschätzungen sachkundiger Ärzte zusammen, so ergibt sich ein unsicheres, deutlich skeptischeres Bild:

Demnach können Medikamente eine Ansteckung nur bei Erfüllung äußerst strenger Voraussetzungen ausschließen. Günstigste Prognosen gegen von einem Übertragungsrisiko von zwei Prozent aus, wobei auch hiervon ausgehend Mediziner in den Medien immer wieder warnen: Die Gefahr einer Ansteckung steige schnell um das Vier- bis Fünffache, wenn z.B. eine andere Infektion vorliegt.

Schutz durch Kondome

Bei einem Kondom besteht ein solches Risiko hingegen nicht. Und zu Recht weist jeder Biologielehrer in der Mittelstufe immer wieder daraufhin: Geschlechtsverkehr ohne Kondom ist immer eine „Freifahrt" auch für andere gefährliche Krankheiten wie Syphilis, Hepatitis oder Chlamydien. Nicht zuletzt deshalb ist es aus pädagogischer wie auch politischer Sicht mehr als verständlich, dass zwei Landtagsabgeordnete der FDP nun zum parlamentarischen Instrument der „Kleinen Anfrage" gegriffen haben.

Damit nehmen sie die für das Schulwesen zuständige Landesregierung in die Pflicht: Diese möge erklären, wie sie zur der Aussage von Christian N. stehe, dass für HIV-Positive „Sex mit häufig wechselnden Partnern ohne Kondom bedenkenlos sei".

Das Projekt "SchLau" hat bislang keine Distanzierung von dem Verhalten ihres kurzfristig zurückgetretenen Sprechers Christian N. kommuniziert. Möglicherweise scheint der Verband ebenso wie der Betroffene die Angelegenheit als "Privatsache" ohne jeden Bezug zum Schulprojekt anzusehen. Demgegenüber ist jedoch festzuhalten: Wer in der Schule mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, muss auch in seiner Freizeit ein vorbildliches Verhalten an den Tag legen; dieses ist der Tenor der anerkannten Rechtsprechung nicht nur Bezug auf Lehrer, sondern auch auf sonstige in Schule und Ausbildung tätige Akteure.

Gerade angesichts der starken Polarisierung, die es hinsichtlich schulischer Aufklärung über sexuelle Vielfalt zwischen "besorgten Eltern" und progressiveren Interessensgruppen gibt, dürfte die uneindeutige Haltung des Projekts "SchLau" an dieser Stelle nicht gerade zur Deeskalation beitragen.

Selbst solche Eltern, die grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber einer möglichen Homosexualität ihrer Kinder und Toleranz fördernden Unterrichtsstoff sind, könnten aufgrund solcher Vorfälle nun doch noch in den "Besorgt"-Modus umschalten. Progressive Lehrer, die sich bislang oft gegen Bedenken von Teilen der Kollegien für die Kooperation mit "SchLau" eingesetzt haben, würden fortan auf mit besserer "Munition" ausgestattete Widersacher treffen.

Vereinnahmung durch homophobe Kräfte

An Schulen in katholischen Trägerschaft, die gerade in NRW weit verbreitet sind, sind solche "Blockaden" ohnehin schon kaum überwindbar, allem gesellschaftlichen Fortschritt zum Trotz. Dass seitens der Konservativen der "Ball" des Christian N. dankbar entgegengenommen wird, hat bereits eine Veröffentlichung auf dem Blog "Politically Incorrect" gezeigt. Der unter dem dortigen Artikel über Christian N. einsehbare Kommentarbereich ist ein trauriges Paradebeispiel dafür, wie in der Sache berechtigte Elternsorgen über HIV-Leichtsinn direkt von pauschal-homophoben Kräften vereinnahmt werden.

Homosexuelle Lehrer sollten sich nun umso stärker aus der Deckung wagen, um die Deutungshoheit über das, wofür Aufklärung über sexuelle Vielfalt steht, nicht mehr so stark wie bisher externen Verbänden wie "SchLau" überlassen. Unter schwulen und lesbischen Lehrkräften stünde denjenigen eine stärkere Präsenz gut an, für die Geschlechtsverkehr ausschließlich innerhalb fester, langdauernder Beziehungen in Frage kommt.

Diese eher auf Liebe statt Sex ausgerichteten Lebensentwürfe kommen nicht nur bei "SchLau", sondern auch bei vergleichbaren Verbänden wie der Aidshilfe bislang zu kurz. Diese Unausgewogenheit hat bis heute zu einem "verzerrenden" Bild über den durchschnittlichen Homosexuellen beigetragen. Und immer dort, wo "Zerrbilder" vorliegen, kommt der Institution Schule eine kompensierende Aufgabe zu.

(c) Fotos: Vorschaubild: Collage auf der Basis von PR-Material SchLau; Facebook: Screenshot von Facebook

Video: Neue Anti-HIV Kampagne der Schweiz - Echte Menschen bei echtem Sex

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