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Das Christentum ist kein Partner im Kampf gegen islamische Homophobie

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LGBT GERMANY
Stefanie Loos / Reuters
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In einem Brief an die Redaktion der "Zeit" hat Sebastian Christ Kritik daran geübt, dass jene Wochenzeitung einen Gastbeitrag des Publizisten David Berger bestellt hat. Die Position von Christ zeugt hierbei nicht primär von Wertschätzung der Pressefreiheit und offener Diskurse. Und dennoch ist Kritik an David Bergers jüngstem politischen Kurs berechtigt und notwendig.

David Berger ist mein ehemaliger politischer „Weggefährte". In den Jahren 2015 und 2016 war ich sein stellvertretender Chefredakteur des islamkritischen Magazins „Gaystream". Gemeinsam halfen wir dem Problem der Homophobie in islamischen Subkulturen aus der politisch korrekten Tabuzone. David Bergers Kritik an Institutionen der Schwulenszene, welche das Problem der islamischen im Vergleich zur christlichen Homophobie seit Jahren unterschätzt hatte, stimme ich noch immer weitgehend zu. Das für sich gilt sogar bis zum heutigen Tage.

Dass David Berger mitunter ein Opfer politisch korrekter Medien gewesen ist, lässt sich ebenfalls nicht abstreiten. Der Bruno Gmünder Verlag hatte ihn entlassen, nachdem er einen politisch inkorrekten Artikel von mir veröffentlicht hatte. Von den damals kursierenden Vorwürfen der Holocaust-Verharmlosung wurde ich jedoch einige Monate später eindeutig freigesprochen, die Staatsanwaltschaft sah nicht mal einen Anfangsverdacht. In der Folge behielt ich meinen Beamtenstatus, David Berger bekam seinen Job als Chefredakteur jedoch nicht wieder.

Dass Sebastian Christ offenbar den Ausschluss David Bergers aus dem politischen Diskurs wünscht, indem er die Redaktion der "Zeit" entsprechend angreift, ist eher dazu geeignet, die Berechtigung von David Bergers Klagen über seine "Opferrolle" noch weiter zu legitimieren anstatt wirklich fundierte Kritik an seinem durchaus nicht zu übersehenden "Rechtsruck" wirksam anzubringen.

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Eine solche Kritik ist aber berechtigt und notwendig. Denn betrachtet man zuletzt viele von David Berger veröffentlichte und teils von ihm selbst verfasste Beiträge in ihrer Gesamtheit, kann als Tenor herausgelesen werden: Wir bräuchten ein „Mehr" an Christentum, um einer drohenden Islamisierung Europas vorzubeugen. Sogar Frauen und Homosexuelle könnten indirekt von einem Wiedererstarken des Christentums profitieren, wenn hierdurch der sexistische und homophobe Islam in Schach gehalten werde, wird zunehmend auf Bergers Blog "Philosophia Perennis" suggeriert.

So erfordert Inzwischen die innerhalb David Bergers Islamkritik zunehmende Verharmlosung, ja Verherrlichung (!) des Christentums, gerade auch in Bezug auf Sexismus und Homophobie eine deutliche Distanzierung ironischerweise auch meinerseits, der allgemein alles andere als ein "Freund politischer Korrektheit" ist.

Verschließen wir nicht die Augen davor, dass Christentum und Islam viel Abgründiges gemeinsam haben. Was Islamkritiker an der vermeintlichen mohammedanischen „Friedensreligion" zu Recht kritisieren, ist im Wesentlichen auch im Christentum vorzufinden.

Zentrales Wesensmerkmal von beiden Religionen ist der Totalitarismus - ihre jeweiligen Anhänger sollen nur an einen Gott glauben. Ein weiteres Merkmal: Glaubenssysteme dulden keinen Individualismus, Menschen sind „Opfertiere" fürs Kollektiv: „Führer befiehl, wir folgen dir", „Die Partei hat immer Recht", „Dein Wille geschehe", „Allah hat es so gewollt.". Jedes „Ich" geht ins „Wir" über, in erzwungene Brüderlichkeit. Jeglicher Individualismus würde das Funktionieren der Glaubenssysteme stören. Islam, Christentum, Kommunismus und Nationalsozialismus sind diesbezüglich auf dem gleichen Holz gewachsen.

Islam und Christentum sind gleichermaßen sexistisch und homophob

Insbesondere individuelles Lustempfinden können Glaubenssysteme nicht dulden. Hieraus speisen sich Sexismus und Homophobie im Christentum wie im Islam, im Nationalsozialismus wie im Stalinismus. Denn individuelles Lustempfinden macht jedes Kollektiv unberechenbar, Sexualität darf nur einem einzigen Zweck dienen: der Obrigkeit ein Kind zu schenken. Nur als solches Mittel wird Sexualität geduldet. Niemals als Ausdruck der Lebenslust. Niemals als Freude an sich und am anderen.

Entsprechend gilt: Im konsequent angewandten christlichen wie islamischen Glauben dient Sexualität ausschließlich der Fortpflanzung. Weibliche Emanzipation und homosexuelle Geschlechtsakte haben keine Legitimation. Konsequent angewandter christlicher wie islamischer Glaube ist gleichermaßen menschenverachtend sexistisch und homophob.

Keineswegs resultiert die heutige „Harmlosigkeit" des Christentums aus dessen „innerer Einsicht". Stattdessen entrissen progressive soziale Umbrüche dem Pfaffentum die weltliche Macht. Zur Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Kompatibilität entwickelten einige Kirchen strategisches „Appeasement" gegenüber Frauenrechten und Homosexuellen.

Frauen- und LGBT-Rechte sind weiterhin gegen Auswüchse des Islam zu verteidigen, die aktuelle weltweite Bedrohungslage z.B. im Zusammenhang mit dem IS spricht hier Bände. Doch vergessen wir nicht: Einst mussten unsere heutigen Freiheiten gegenüber dem Christentum erst errungen werden. Hierzu gehören selbstverständlich auch das uneingeschränkte Recht auf aktive Sterbehilfe und auch das uneingeschränkte Recht auf Abtreibung im Sinne der Selbstbestimmung über den eigenen Körper, ein nicht diskutierbarer Wert eines aufrichtigen Humanismus.

Vor diesem Hintergrund ist David Berger insbesondere dann zu widersprechen, wenn er die AfD als „fortschrittlichste" Partei hinsichtlich des Umgangs mit dem Islam darstellt. Denn die Islamkritik von Rechtspopulisten steht selten in einem humanistisch-emanzipatorischen, sondern zumeist in einem christlich-fundamentalistischen Kontext. Zwar verteidige ich seit jeher im Sine von Artikel 5 GG die Meinungsfreiheit rechtspopulistischer Parteien wie der AfD und auch Pro NRW und befürworte sogar den Dialog mit ihnen.

Mehr zum Thema: 5 Gründe, warum die Ehe für alle eine gute Nachricht für Kinder ist

Allerdings: Wahlempfehlungen, mit welchen Parteien dieses Spektrums als die "Besten" für Homosexuelle oder gar Transsexuelle dargestellt werden, gehören eher in den Bereich des Grotesken. Mehr oder weniger indirekt sind solche Wahlempfehlungen auf "Philosophia Perennis" zu lesen gewesen und werden möglicherweise bis zur Bundestagswahl immer häufiger dort zu finden sein.

Vergessen wir niemals: Die Grundlagen unserer heutigen sexuellen und sonstigen Freiheiten sind keineswegs „christlich". Eine humanistische Islamkritik geht nur säkular, besser noch laizistisch, idealerweise implizit antichristlich.

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