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Mütter - die oft übersehene Kraft im Kampf gegen den Extremismus

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MOTHERS
dpa
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Als der 19-jährige Akhor Saidakhmetov begann, sich immer öfter mit zwei älteren Männern zu treffen und immer häufiger vom Dschihad in Syrien sprach, nahm ihm seine Mutter seinen Reisepass weg.

Später, wie die Washington Post berichtete, als Akhor seine Mutter am Telefon anbettelte, ihm seinen Pass wieder zurückzugeben, damit er sich dem IS anschließen könne, wie er dann zugab, legte sie einfach auf. Mütter wie sie sind vielleicht der erste, letzte und beste Partner, um der militanten Rekrutierung Einhalt zu gebieten, aber die Behörden lassen sie in der Terrorismusbekämpfung in Europa und den USA meist außen vor.

Es gibt drei verschiedene Herangehensweisen, zwischen denen ein Land wählen kann, um den Extremismus und den Terrorismus zu bekämpfen: Prävention, Repression und Intervention. Meist verlassen sich die westlichen Länder auf die Repression und die Intervention.

Sie konzentrieren sich darauf, den Extremismus durch die rechtlichen Exekutivorgane zu kontrollieren und einzugrenzen oder großangelegte Aufklärungs- und Präventionsprogramme ins Leben zu rufen, deren Zielgruppe jene Personen sind, die von Radikalisierung bedroht sind. Dabei übersehen westliche Regierungen jedoch oft viel zielgerichtetere Programme, die sich die Deradikalisierung zur Aufgabe gemacht haben und dabei die Familien und das direkte Umfeld der gefährdeten Personen miteinbeziehen.

Der beste Partner um der Rekrutierung Einhalt zu gebieten

Mütter sind vielleicht der erste, letzte und beste Partner, um der militanten Rekrutierung Einhalt zu gebieten. Vor zwei Jahren stieß ich auf GIRDS, das Deutsche Institut für Radikalisierungs- und Deradikalisierungsforschung (German Institute for Radicalization and Deradicalization Studies), das weltweit tätig ist und erforscht, wie eingegriffen werden kann, wenn Personen radikalisiert werden.

Zum ersten Mal kam ich mit dem Thema in Berührung, als Neonazis in meiner Jugend in einem kleinen Berliner Vorort ein akzeptierter Teil der Jugendkultur waren. Ich zog weg um zu studieren und erhielt ein Fulbright-Stipendium für die USA, um Extremismus und Terrorbekämpfung zu erforschen.

Seitdem arbeite ich als Berater mit Familien, um Deradikaliserungsprogramme zu entwickeln, zu denen auch eine speziell konzipierte Familienberatung für Angehörige von Dschihad-Kämpfern gehört.

Jetzt, da Regierungen den Druck auf extremistische Gruppierungen mittels Razzien und anderen Einsätzen zur Terrorbekämpfung erhöhen, stehen manche Mitglieder an einem Scheideweg: Sie haben die Wahl zwischen einem Ausstieg (was für sie infrage käme, wenn ihnen ein entsprechender Weg aufgezeigt würde), oder einer gesteigerten Bereitschaft einen Anschlag zu verüben. Interventionsprogramme haben die Zielsetzung, den ersten Weg zu ermöglichen und so zweifelnden Mitgliedern einer Terrorzelle bei einem Ausstieg zur Seite zu stehen.

Eine Schlüsselzutat solcher Programme ist es, den Erzählungen der Extremisten ihren besonderen Nimbus zu nehmen. Wir wollen das „coole" Image des Dschihad zerstören, in dem wir jemanden mit Erfahrungen aus erster Hand berichten lassen: „Ich habe mich dem Dschihad angeschlossen... und es war großer Mist."

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Tina Alkhanashvili, die Mutter von Ramzan Bagashvili, der sich vor 18 Monaten dem IS anschloss, wird in ihrem Haus in dem Ort Duisi in Georgien interviewed. 7. April 2015 (AP/Shakh Aivazov)

Wenn wir zukünftige Anschläge verhindern wollen, dann müssen wir die Familien und engen Freunde der potenziellen Attentäter in die Terrorbekämpfung miteinbeziehen und ihnen speziell ausgebildete Experten zur Seite stellen.

Bei vielen Anschlägen in der Vergangenheit, die von Einzeltätern oder Mitgliedern von kleineren Terrorzellen begangen wurden, hatte zuvor jemand aus dem näheren Umfeld des Täters eine erschreckende Veränderung im Verhalten der Person festgestellt. Manchmal wusste dieser nahe Verwandte oder enge Freund sogar von den Anschlagsplänen.

Diese Familien und Freunde suchen immer verzweifelt nach Hilfe und Rat, was sie tun können, trotz ihres Zwiespalts, dabei vielleicht eine geliebte Person zu hintergehen. Die Behörden jedoch bieten nur selten eine Möglichkeit, hier zu helfen.

Ein solcher Gatekeeper aber kann oft Aufschluss darüber geben, was ein Familienmitglied dazu motiviert und bewogen hat, sich einer radikalen Gruppierung anzuschließen.

In Ländern, die hier eine spezielle Familienberatungshotline und Hilfsprogramme gegen Radikalisierung eingeführt haben, war der Zulauf für diese Maßnahmen überwältigend. Familien von Einzelpersonen, die sich auf allen möglichen Stufen der Radikalisierung befanden, suchten Hilfe.

Dieses ist ein Beweis für den großen Bedarf an solchen Programmen und den Erfolg, den das Zugehen auf betroffene Familien mit sich bringt, wenn man ihnen eine solche spezielle Unterstützung und Beratung durch neutrale dritte Personen anbietet.

Werden diese Programme zielgerecht konzipiert und entsprechend umgesetzt und durchgeführt, so können sie Familien und Gemeinden die Stärke geben, dem Extremismus seinen Reiz zu nehmen. Bei unserer Arbeit gehen wir auf die Familien und engen Freunde, die Gatekeeper, zu.

Denn sie kennen ihre Freunde und Angehörigen am besten, sie wissen, was sie dazu bewegt haben könnte, sich einer radikalen Gruppe anzuschließen und was sie antreibt. Diese Gatekeepers können auch Alternativen vorschlagen und andere Lösungsvorschläge ins Spiel bringen. Dafür benötigen sie aber Hilfe und ein starkes Netzwerk an Unterstützung.

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Landi Alinji und seine Mutter Hurma Alinji, Bruder und Mutter von Ervis Alinji, der vermutlich als IS-Kämpfer ums Leben kam, in ihrem heimtort Leshnice in Albanien. 25. April 2016. (GENT SHKULLAKU/AFP/Getty Images)

Mütter sind besonders wichtige Gatekeeper. Die meisten Mütter, mit denen ich bisher zusammengearbeitet habe, die ihre Kinder an den IS oder andere terroristische Gruppierungen verloren haben, hatten zuvor eine Veränderung im Verhalten ihres Kindes bemerkt, sie hatten jedoch keine Hilfe von außen.

Wenn diese Familien von überall auf der Welt zu mir Kontakt aufnehmen, dann höre ich meistens das Bedürfnis zu verstehen, was vor sich geht und was sie dagegen tun können. Viele Eltern werden auf eigene Faust tätig, sie verstecken Reisepässe, schließen ihre Kinder ein oder bringen sie in eine andere Stadt. Diese Reaktionen sind verständlich, aber kontraproduktiv und fördern die Radikalisierung meist nur weiter.

Unter Dschihadisten gibt es ein beliebtes Sprichwort: „Allah testet jene, die er liebt" - das bedeutet, dass jedes Hindernis auf dem Weg zum Märtyrer nur ein Beweis dafür ist, dass derjenige der Auserwählte ist.

Dazu kommt noch, dass bei der Rekrutierung und in der Ideologie des salafistischen Dschihad erklärt wird, dass die Ablehnung durch die eigene Familie nur eine natürliche Konsequenz der absoluten Wahrheit sei, die jetzt gefunden worden sei. Die biologische Familie würde jetzt durch die spirituelle Familie ersetzt, die Ummah, und so wird selbst die eigene Mutter zu einer Ungläubigen, also einer Feindin.

Der IS fürchtet Eltern als eine mächtige Rekrutierungsblockade

Wenn sich eine Mutter an uns wendet, dann wird ihr ein geschulter Case-Manager zugewiesen. Zusammen analysieren sie die Situation des Kindes und versuchen, das „Radikalisierungsrezept" zu identifizieren. Was trieb den Sohn oder die Tochter in die Arme des IS? Zusammen entwerfen sie einen Schritt-für-Schritt-Plan, suchen externe Partner und bauen ein Unterstützungsnetzwerk rund um die Familie auf.

Der Berater wird die Familie in Deeskalationstechniken schulen, die Frustration, Streit in der Familie und Mobbing in der Schule vermindern sollen. Es werden positive Alternativen ins Spiel gebracht, die die Motivation der Tochter oder des Sohnes ansprechen.

Will er oder sie Frauen und Kindern in Syrien helfen? Die Mutter könnte vorschlagen, sich bei einer muslimischen Wohltätigkeitsorganisation zu engagieren oder eine Spendensammlung zusammen mit einer gesetzlich zugelassenen Organisation zu organisieren.

Von dem Berater wird der Mutter außerdem eine regelmäßige Risikoanalyse übergeben, so dass sie selber in der Lage ist zu entscheiden, ob und wann sie den Fall an die Behörden übergibt. Der Berater ist eine Brücke zwischen der Familie und allen relevanten externen Partnern.

Um Mütter miteinander zu vernetzen, habe wir die Community Mothers For Life ins Leben gerufen. In erster Linie ist es eine Online-Community, manche Mütter haben sich aber auch schon persönlich getroffen. Als wir im Sommer 2015 einen offenen Brief an den IS schrieben und sie noch am selben Tag über Twitter reagierten, da wussten wir, dass sie die Macht der Eltern bei ihrer Rekrutierung fürchteten.

Dieser Brief enthielt die Gefühle und Fragen, die Mütter in aller Welt hatten, als ihre Lieben ihnen gegen ihren Willen entrissen wurden - ein starker Widerspruch zu den Grundpfeilern und Werten des Islam. Wir wollten Fragen stellen, die den Erzählungen des IS ihren Glanz nehmen sollten.

Nachdem wir Briefe von inhaftierten IS-Kämpfern erhielten, in denen sie davon sprachen, dass sie jetzt wüssten, was sie ihren Müttern angetan hatten und den Dschihad verlassen wollten, da wussten wir, dass es funktionierte.

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Fethiya Charni in ihrem Haus in Tunesien. Sie hält eine Foto und den Pass ihres Sohnes Tarak Slimi in den Händen, der sich vermutlich dem IS in Libyen angeschlossen hat. 4. April (REUTERS/Zohra Bensemra)

Mütter zu mobilisieren schließt eine weitere Lücke in der Strategie der Behörden und der Exekutive. Eltern im Mothers for Life-Netzwerk haben mir berichtet, dass sie im Prinzip kein Problem damit hätten, mit den Behörden zu kooperieren, jedoch hätten sie das Vertrauen in diese Stellen verloren.

In manchen Fällen hätten die Polizei und der Geheimdienst ihre Kinder überwacht und trotzdem nicht verhindert, dass sie das Land in Richtung IS verließen. Manchmal wurden die Mütter bei Razzien selbst wie Terroristinnen behandelt.

In anderen Fällen wurden sie gerichtlich verurteilt, weil sie Terrororganisationen materiell unterstützten, trotz aller Bemühungen, ihr Kind zurückzubekommen. Manchmal muss ich den Behörden erklären, wie genau die Rolle der Familie aussieht, dass sie Verbündete sind und helfen wollen, dass sie respektiert und als Partner, nicht als Verdächtige betrachtet werden sollten.

Derzeit ist Mothers For Life in elf Ländern aktiv (den USA, Kanada, Frankreich, Großbritannien, Belgien, Dänemark, den Niederlanden, Deutschland, Italien, Schweden und Norwegen). Die meisten involvierten Eltern haben eine eigene nationale Organisation gegründet, um andere Familien zu unterstützen.

GIRDS-Experten sind in sechs der genannten Länder vor Ort und haben wiederum Experten ausgebildet, und Regierungen rund um den Globus beraten, wie man Extremismus am besten entgegentreten kann. Kürzlich wurde ich gebeten, Bewährungshelfer in Minneapolis in Interventionen zur Deradikalisierung auszubilden und für einige Angeklagte eine Evaluierung zu Gefährdung und Radikalisierung durchzuführen.

Der IS selbst hat erklärt, dass sie selbst sowie ihre Kernideen nicht zu besiegen seien, indem man ihnen ihre Gebiete in Syrien und im Irak nähme. Sie werden auch weiterhin rekrutieren und ihre Taktik und Strategien zu Anschlägen in Übersee hingehend ändern.

Das ist ein nur noch wichtigerer Grund für den Westen, dem IS sowie anderen terroristischen Organisationen ihren Reiz zu nehmen. Und für diese Aufgabe gibt es keine effektiveren Mitstreiter als die Familien und das direkte Umfeld der Jugendlichen, die von den perversen Versprechungen des Märtyrertums verführt wurden.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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