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In Zeiten politischer Radikalisierungen dürfen wir die Auseinandersetzung nicht verweigern

19/03/2017 14:05 CET | Aktualisiert 21/03/2017 18:35 CET

Seit einigen Monaten finde ich mich auf reaktionären bis offen rechtsextremen Internetportalen wieder. Genau genommen sind es einige meiner Beiträge, die mit Diffamierungen in Form rassistischer Beleidigungen überzogen werden.

Mittlerweile orchestrieren tausende blökende bis geifernde Hassbotschaften die entsprechenden Präsentationen. Dass hierbei auch meist meine Person ins Visier genommen und hart an der Grenze zum Straftatbestand gegen sie gehetzt wird, sei als erwartbare Folgeerscheinung unkontrollierter Hassentladungen verbucht.

Anlass der Hetze

Die Sache genauer betrachtend zeigt sich, dass es noch nicht einmal die Beiträge sind, die zu Herabsetzungen motivieren. Vielmehr sind es einzelne Begriffe - Reizwörter -, die entweder in den Beiträgen auftauchen oder aber deren Thema zusammenfassen.

Einer dieser Schlüsselbegriffe war 'Geschlechterforschung', die ich in einem knappen und entsprechend zugespitzten Rundfunk-Kommentar gegen generelle Abwertungen verteidigte - nicht zuletzt um zu zeigen, dass ihre pauschale Verhöhnung einen Angriff auf das Wesen der gesamten Wissenschaftslandschaft bedeutet.

Anlass für offen rechtsextreme Hetzschriften bot der Titel eines längeren Beitrags: 'Der Mythos von der kulturellen Identität', ein Essay, das zu zeigen versuchte, welchen Illusionen die Vorstellung einer homogenen Kulturgemeinschaft aufsitzt und warum so harmlos klingende Begriffe wie 'Leitkultur' und 'Nationalstolz' ausgrenzende Denkschemata popularisieren.

Wie umgehen mit ausgrenzendem Denken?

Im Zuge dieser Reaktionen stellt sich mir die Frage nach dem effektiven Umgang mit einem Denken, das den Andersdenkenden im günstigsten Fall nur verbal mundtot machen möchte. Anders formuliert: Was können Intellektuelle leisten, um eine offene, freie, pluralistisch strukturierte Gesellschaft erstens zu erhalten und zweitens auszubauen? - Der Internetpöbler in der Figur des Trolls bleibt freilich anonym; was aber ist mit den vielen öffentlichen und halb-öffentlichen Personen, die ausgrenzend agieren, um politisch zu reüssieren?

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Zum Hintergrund: Als Kunstwissenschaftler arbeite ich die meiste Zeit über an Universitäten, derzeit vor allem an Kunsthochschulen und -akademien. Diese Einrichtungen sind Paradebeispiele eines praktizierten Pluralismus: Unter ihren Dächern kommen Kunst, Design, Theorie und Philosophie gleichberechtigt zur Geltung, ja die Vielstimmigkeit unterschiedlichster Positionen, Sicht-, Handlungs- und Denkweisen ist eines ihres wesentlichen Merkmale.

In der Regel erweisen sich die institutionellen Reibungsverluste dabei als groß genug, um ihre Mitglieder schon aus strukturellen Gründen davor zu bewahren, einem romantischen Multiakademismus zu verfallen.

Umso überraschend ist, dass gerade in solchen Einrichtungen immer wieder Forderungen erhoben werden, der unmittelbaren Auseinandersetzung mit reaktionären Positionen aus dem Weg zu gehen. Die Begründungen sind freilich nachvollziehbar:

So wird angemahnt, dass der direkte Streit mit einem solchen Denken eine Geste der Nobilitierung darstelle, ja dass vermieden werden müsse, reaktionäre und nationalistische Haltungen als adäquate Positionen zu legitimieren. So zutreffend diese Einschätzung ist - ich halte ihre Folgen für gesellschaftlich kontraproduktiv und politisch gefährlich. Dies aus zwei Gründen:

Die fatale Dialektik des Ausschließens

Erstens investiert die generelle Tabuisierung von Andersdenkenden in exakt jene Strategien, derer sich vor allem die Neuen Rechten bedienen, um politischen Landgewinn einzufahren. Ihr öffentlich zelebrierter Opferstatus ist ihre ultimative politische Energiequelle.

Wer also aktiv dazu beitragen möchte, den Autoritarismus parlamentarisch wie außerparlamentarisch zu stärken, ist gut beraten, ihm immer neue Angebote zur Selbst-Viktimisierung zu unterbreiten.

Wer umgekehrt daran interessiert ist, Ideologien zu konterkarieren, Dogmen zu entkräften und Herrschaftsformen aufzudecken, ja wer seine eigenen Argumente für eine heterogene Gesellschaft durchsetzen möchte, der muss sich auf den unmittelbaren Streit einlassen.

Er muss die sprachliche Kraft und die Überzeugungsstärke finden, die es ihm ermöglichen, auch gegenüber radikal Andersdenkenden den Wert eines Pluralismus an Auffassungen, Lebensweisen, Glaubensrichtungen und kulturellen Praktiken zu begründen. Denn: Auf den Verlust der Sprache folgt der Verlust jener Räume, die der Pluralismus benötigt, um sich entfalten zu können.

Es liegt längst nicht nur, aber vor allem an uns Intellektuellen, diese Ochsentour des Überzeugens, Begründens, Nachweisens, Belegens, Nachfragens, Antwortens und kleinteiligen Argumentierens immer wieder zu gehen - nicht, um Andersdenkende öffentlich zu adeln oder um Extremismus zu legitimieren; sondern, im Gegenteil, um öffentlich zu demonstrieren, welche Gesellschaftsform die Charakterisierungen 'sozial' und 'offen' verdient.

Zugegeben: Ein solches Agieren ist mühevoll, von Rückschlägen, Enttäuschungen, Konfrontationen und Emotionalisierungen begleitet. Erschwert wird es dadurch, dass eigene Auffassungen in der Regel nie so fest und unumstößlich sind, wie man glaubt, sie öffentlich kundgeben zu müssen.

Aber gerade deswegen ist eine solche Auseinandersetzung die demokratisch gebotene Form, mit der sich gesellschaftliche Vielfalt realisieren lässt, ohne unfreiwillig der fatalen Dialektik des Ausschließens zu unterliegen.

Das Bekenntnis als Ablasshandel

Denn der Ausschluss von Andersdenkenden bedeutet - zweitens - die Übernahme jener Methoden, mit denen autoritäre Regime ihrerseits gegen Andersdenkende vorgehen. Der aktuelle Erfolg des Rechtspopulismus gründet wesentlich darauf, dass er seine Gegner methodisch zu vereinnahmen weiß - dass es ihm also gelingt, offenkundig widerstreitende Positionen in der Form ihres politischen Handelns einander anzugleichen.

Es genügt daher schon aus emanzipatorischen Gründen nicht, sich nur zu einer bestimmten Art und Weise des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu bekennen. Zugespitzt formuliert: Das politische Bekenntnis ist ein moderner Ablasshandel, der davon zu entlasten scheint, die Sisyphusarbeit des konkreten Gesprächs aufzunehmen.

Machen wir uns nicht zu Erfüllungsgehilfen!

Umgekehrt gilt aber auch: Der Dialog mit Andersdenkenden ist abzubrechen, sobald vorgetragene Meinungen die Grenzen des Grundgesetztes überschreiten. Solange sie aber innerhalb dieser Grenzen bleiben, kommt Intellektuellen, die für offene Gesellschaftsformen eintreten, gesteigerte Verantwortung zu: Wir sollten die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden gezielt suchen, entschlossen aufnehmen und bis in alle (auch absurden!) Verästelungen hinein führen.

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Denn wenn die Weltsicht der anderen auch geschlossen sein mag, so ist der Offenheit als Haltung gerade dadurch Geltung zu verschaffen, indem sie die anderen bewusst miteinschließt.

Ziel müsste es sein, den Pluralismus nicht nur zu predigen, sondern, wenn man so will, anwendungsbezogen zu verwirklichen. Nur so können wir unsere Sache glaubhaft einbringen. Verweigern wir die Auseinandersetzung und scheuen den Streit, dann stärken wir rechte Opfer-Mythen und drohen, als Erfüllungsgehilfen der Ausgrenzenden das Gegenteil der guten Absichten zu bewirken.

Lesenswert:

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