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Wenn die Regierung versagt: Eine Familie zeigt, wie man die Flüchtlingskrise lösen kann

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REFUGEES FAMILY
Maskot via Getty Images
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"Vor einigen Wochen sagte mein Mann zu mir: 'Ich würde am liebsten losfahren und die Flüchtlinge aus Ungarn holen und hierher fahren'". So beginnt Sandra Klusmann ihren Blog "Plötzlich wieder Wohngemeinschaft".

Diesen Namen trägt er zu Recht, denn sie ist tatsächlich losgefahren, zwar nicht nach Ungarn, aber zu einer Notunterkunft in der Nähe, dem ehemaligen Mios-Großmarkt am Stubbenweg in Oldenburg, wo in einer Halle mehrere hundert Menschen leben.

Sie sah, wie dort Bett an Bett steht, und wie einige Leute Stellwände aufbauten, um den Raum notdürftig zu unterteilen.

Sie ging in den Essensraum, gab den mitgebrachten Kuchen ab, und kam ins Gespräch mit Waad Al Dabab, einer 24jährigen Syrerin, im achten Monat schwanger. Vor der Abfahrt bat Sandra Klusmann darum, sehen zu dürfen, wo Waad schläft.

"Sie sagt ja und bringt uns zu einem mit Folie abgehängten Metallbauzaun. Dahinter schläft sie auf einer Europalette mit ihrem Mann und sechs anderen Personen. Da habe ich geweint."

Drei Monate später sitzt Sandra Klusmann in ihrer Wohnung an einem Tisch, auf dem arabisches Essen steht, Humus, Fladenbrot und Oliven; um sie herum die plötzlich zur Wohngemeinschaft gewordenen Familien: ihr Mann und die Töchter Jonna und Laura, zwei und fünf Jahre alt - sowie Waad Al Dabab und deren Mann Hesham Ahlwish, der das neugeborene Baby auf dem Arm trägt.

Zwei eigene Kinder, zwei Berufe, ist das nicht Stress genug? Mussten ausgerechnet sie ein junges Flüchtlingspaar mit Baby aufnehmen? "Ich konnte damals nicht einfach wegfahren und nichts machen", sagt Sandra Klusmann. Außerdem hätten sie genug Platz im Haus, ein Zimmer konnten sie freiräumen.

Mehr als ein Dach über dem Kopf

Natürlich gab es viel zu tun, "es wäre mir zu simpel gewesen, nur 'Bed & Breakfast' zu bieten", sagt sie, denn es gehe um Integration.

Also begleitet sie Waad und Hesham beim Ankommen, Einleben und Umgewöhnen, erklärt den Sinn eines Praktikums, und wo nötig kämpft sie mit den Behörden.

Doch das alles sieht sie nicht als Belastung, sondern als Bereicherung, "es erfüllt mich, etwas Sinnvolles zu tun, und zu helfen, eine Existenz aufzubauen", denn die beiden wollen arbeiten und Geld verdienen, sie wollen niemandem zur Last fallen.

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Hesham möchte eine Ausbildung machen, und es stellte sich heraus, dass Waad gut zeichnet. Nun planen die beiden Frauen ein deutsch-arabisches Kinderbuch, indem sie von einer Flucht erzählen.

Ob man aus ihrer persönlichen Geschichte eine politische Botschaft ableiten könne? Sandra Klusmann schaut skeptisch, denn sie wisse selbst nicht, ob wir es wirtschaftlich schaffen, so viele Menschen aufzunehmen.

Aber sie unterstütze Angela Merkel, als die sagte, "Wenn wir jetzt noch anfangen müssen, uns dafür zu entschuldigen, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land".

Nicht jeder fährt einfach wie Sandra Klusmann in die Notunterkunft und trifft dort jemanden, den er spontan bei sich aufnimmt. Aber manchen bringt es ins Nachdenken, von Wohnungssuchenden zu hören.

Vor allem in beliebten Großstädten suchen nicht nur Flüchtlinge eine Wohnung, sondern viele Menschen: Auszubildende, die zum ersten Mal ein eigenes Zimmer haben möchten, oder Studienanfänger, die neu in eine Stadt kommen, und junge Familien, die eine kleine Wohnung brauchen.

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So komisch es klingt, aber genug Platz ist eigentlich da: viele Menschen wohnen allein in vier oder mehr Räumen.

Manche blieben sogar allein in einem ganzen Haus, weil die Kinder auszogen und der Partner gestorben ist. Nun überlegen einige, ob sie in Zeiten der Wohnungsnot zusammenrücken.

Mut zur Nähe

Auf welche Weise, dafür gibt es viele Möglichkeiten: Untermiete war früher üblich. Eine moderne Form davon ist "Wohnen für Hilfe", wo ältere Menschen junge Studierende bei sich aufnehmen, die aber nicht die volle Miete zahlen, sondern für jeden Quadratmeter eine Stunde im Monat helfen, zum Beispiel beim Einkaufen oder im Garten.

Es gibt "Wohnen für Hilfe" an 36 Hochschulen, aber in Deutschland zählt man insgesamt über 400 Hochschulen. Warum nicht überall dafür sorgen, dass Menschen miteinander wohnen und sich helfen, egal ob Studierende oder Auszubildende, Flüchtlinge oder Einheimische?

Wem die Untermiete zu eng ist, der kann vielleicht sein Haus in zwei Wohnungen aufteilen und eine Einliegerwohnung schaffen. Natürlich muss ein Planer klären, ob das geht, ob man ein zweites Bad einbauen kann und eine eigene Haustür. Einige Städte geben dafür einen Zuschuss.

Manche Menschen denken über neue Wohnformen nach. Denn dass so viele eine Wohnung suchen, liegt zum Teil an unserer veränderten Art, zu wohnen: Wir leben nicht mehr wie früher in Großfamilien mit drei Generationen unter einem Dach.

Stattdessen haben die Menschen weniger Kinder, sie trennen sich öfter, aber wenn man es positiv formuliert, dann sind wir heutzutage freier; wir müssen nicht mehr in Großfamilien leben.

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Das heißt aber nicht, dass so viele allein leben wollen, wie es tatsächlich tun! In Großstädten lebt in mehr als der Hälfte der Haushalte nur eine Person - jede mit eigener Küche, eigenem Bad und eigenem Flur, also platzraubend.

Es gibt jedoch viele neue Wohnformen, in denen Menschen mehr oder weniger viele Räume teilen. Mal geht es nur um Gästezimmer, anderswo um Gemeinschaftsküchen, wieder andere gründen eine Wohngemeinschaft und manche, so sagt man, teilen sogar die Badewanne.

Die Vorlieben unterscheiden sich und niemand soll zu etwas gezwungen werden, aber es gibt viele Menschen, die manches teilen möchten.

Die Geschichte von Sandra Klusmann stammt aus dem Buch „Willkommensstadt. Wo Flüchtlinge wohnen und Städte lebendig werden" von Daniel Fuhrhop. Mehr Informationen findet ihr auf willkommensstadt.de

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Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..