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Warum es nicht hilft, dass immer mehr Wohnungen gebaut werden

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CONSTRUCTION HOUSE MUNICH
Anselm Baumgart via Getty Images
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Wenn Studenten für Wohnungen Schlange stehen und die Mieten in München zwanzig Euro den Quadratmeter übersteigen, rufen manche Politiker: "Wir müssen mehr bauen!"

Das klingt logisch - und ist doch falsch.

Denn neu zu bauen, hilft nicht gegen Wohnungsmangel. Der wäre sonst schon längst behoben: Während im Jahr 2010 erst 140.000 Wohnungen neu gebaut wurden, waren es 2016 bereits 240.000, also zwei Drittel mehr!

Versicherungen, Fonds, reiche Erben

Warum diese neuen Wohnungen nicht helfen, verraten ihre bodentiefen Fenster und die Überwachungskameras, denn gebaut wurden vor allem Luxuswohnungen, die sich weder Studenten leisten können noch die meisten Familien.

Es wird teuer gebaut, weil so viel Geld fließt: Versicherungen, Fonds und reiche Erben wissen in Zeiten niedriger Zinsen nicht, wohin mit ihrem Reichtum, und investieren in Immobilien im stabilen Deutschland. So entstehen Penthäuser als Kapitalanlage, die sich dann ein Millionär als fünften Wohnsitz kauft.

Neubau schadet

Die teuren Neubauten verteuern auch die Altbauten: Die Mieten steigen, denn jeder neue Vertrag geht in den Mietspiegel ein. Obendrein verschwinden durch "Wohnparks" die echten Parks, das letzte Grün in den Großstädten.

Es gibt viele Gründe gegen Neubau, und doch sind alle Parteien einig, dass mehr gebaut werden müsse, denn sie folgen blind dem Dogma.

Neuer Wohnraum in Altbauten

Dabei gibt es durchaus Werkzeuge, um Wohnraum in Altbauten zu schaffen. Dort steht viel leer, aber wieviel? Die Städte wissen es nicht! Zwei Drittel der Gemeinden in Deutschland erfassen ihren Leerstand gar nicht, die anderen meist nur teilweise.

Es wird neu gebaut, ohne zu wissen, wo noch Platz ist. Stattdessen bräuchte jede Stadt ein Verzeichnis aller leerstehenden Wohnungen und Häuser.

Wie Niedersachsen den Leerstand bekämpft

Wie man Leerstand bekämpfen kann, macht ein Bundesland vor: In Niedersachsen bietet das Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung den Gemeinden Karten an, in denen die Daten der Einwohner eingetragen sind - wo keiner gemeldet ist, steht vermutlich etwas leer.

Obendrein erkennt man bei jedem Haus, wie alt die Bewohner sind, und sieht die Häuser der über 70-Jährigen und der über 85-Jährigen. Sie oder ihre Kinder kann die Verwaltung nach den Plänen für die Zukunft fragen, Hilfe anbieten und den Leerstand von morgen vermeiden.

"Wohnen für Hilfe"

Doch in den meisten Orten wird der sichtbare Leerstand ignoriert, und noch weniger tut sich beim unsichtbaren Leerstand. In vielen Wohnungen wohnt nur noch einer allein, weil die Kinder ausgezogen sind oder der Partner.

Eines der Werkzeuge, diese Räume besser zu nutzen, ist "Wohnen für Hilfe": Dabei bieten meist ältere Leute, die Hilfe brauchen, Zimmer zur Untermiete an. Die Untermieter "zahlen" nicht mit Geld, sondern mit Hilfe; sie kaufen ein, arbeiten im Garten oder man sitzt einfach mal zusammen.

"Wohnen für Hilfe" vermitteln Studentenwerke und Ämter in gut dreißig deutschen Städten - aber es gibt allein vierhundert Hochschulen! An jeder davon sollte man Vermittler von Wohnpartnern einstellen.

Wohnungen tauschen

Mancher könnte zwar auf ein oder zwei Zimmer verzichten, zahlt aber für eine große Wohnung dank eines alten Vertrags wenig Miete und eine Wohnung mit weniger Fläche würde mehr kosten.

Wie es anders geht, zeigt die LEG Wohnen in Nordrhein-Westfalen: Wer aus einer ihrer 130.000 Wohnungen in eine kleinere umzieht, behält den Quadratmeterpreis der früheren Wohnung. Wenn das bei allen Wohnungsunternehmen so wäre, würden mehr Menschen umziehen und dadurch Platz für andere freimachen.

Es gibt viele weitere Werkzeuge, Wohnraum zu schaffen, zum Beispiel Wohnungen teilen, in anderen Fällen genau umgekehrt Wohnungen zusammenlegen, oder den Einbau von Einliegerwohnungen fördern - aber Neubau gehört nicht dazu.

50 Werkzeuge, die Neubau überflüssig machen, nennt Daniel Fuhrhop im Buch "Verbietet das Bauen!" (Oekom-Verlag, mehr Informationen: www.verbietet-das- bauen.de/buch)

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