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Deutschland gibt Milliarden für Neubauten aus, dabei wäre die Lösung viel einfacher

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Thomas Niedermueller via Getty Images
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Die ersten Künstler kamen mit dem Vier-Uhr-Zug.

Unter ihnen Amir, ein aus dem Iran stammender Autor, der bereits seit Wochen mit Flüchtlingen des Ortes kurze Textnachrichten ausgetauscht hatte, "WhatsApp-Poesie" genannt; daraus wollte er nun ein Buch machen.

Amir zog in eine der vielen leeren Wohnungen des Ortes, als einer von hundert Künstlern mit Stipendien: Die geballte Kraft von hundert Kreativen, die ein Jahr lang hier wohnen und arbeiten, die leere Wohnungen nutzen und leere Fabriken, sollte dem Projekt "Willkommensstadt" den letzten Kick geben.

Aus Alt mach Neu

Schon im Laufe des Jahres waren neue Bewohner in den Ort gekommen, der vorher jahrzehntelang Einwohner verloren hatte.

Jetzt aber waren hunderte Flüchtlinge eingezogen, in normale Wohnungen über den Ort verteilt. Beim Deutschlernen halfen ihnen ältere Neubürger, Pensionäre, die die günstigen Wohnungen des Ortes angelockt hatte.

Manche von ihnen starteten mit einem kostenlosen Probewohnen. Andere hatten bereits eine Testwoche erlebt und daraufhin eines der charmanten Fachwerkhäuser gekauft, die für niedrige Preise zu kaufen waren: Nach dem Vorbild von Wanfried in Hessen hatten engagierte Bürger auf einem Internet-Portal die leeren Häuser beworben, bis in die Nachbarländer hinein.

Fördergeld gab die Stadt dazu nach dem Motto "Jung kauft Alt".

Manche bekamen Häuser für einen symbolischen Preis, wenn sie diese sanieren und selbst dort einziehen, wie bei den Klushuizen in Rotterdam.

Und dabei wirkten von Beginn an Flüchtlinge mit, die wie in Altena Wohnungen für sich selbst und andere sanierten, angeleitet von Handwerkern. Einige Flüchtlinge erwarben sogar eigene Häuser, gefördert von einem Fonds, in den Stadt und Bürger eingezahlt hatten.

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Unter den Zuwanderern befanden sich Rückkehrer, die ausgewandert waren in Großstädte und nun wieder in ihre Heimat zogen - aufmerksam gemacht durch eine Postkarten-Aktion an ehemalige Bewohner, angestachelt durch eine üppige Umzugsprämie, und angelockt durch Chancen für Existenzgründer.

In der Stadtmitte wurden nämlich gleich ein Dutzend Ladenlokale an Jungunternehmer vergeben, vom Minimarkt bis zum Bäcker, Schuster und Schneider.

Jahrelang hatte ein Laden nach dem anderen geschlossen, doch jetzt eröffneten sie neu, manche als Gemeinschaftsprojekt, andere durch einzelne Gründer, und manche durch Flüchtlinge.

Dank ihnen war ein orientalischer Imbiss dabei, was auch die Kreativen freute, die das aus der Großstadt kannten.

Flüchtlinge und Einheimische eröffneten gemeinsam ein Restaurant, das gleichzeitig Frühstücksraum war für das "Willkommenshotel": Drei Dutzend Zimmer in historischen Häusern, die zuvor leergestanden hatten, waren saniert und wurden zu einem »verstreuten Hotel«, mit zentraler Rezeption beim Restaurant und mit einer coolen Bar.

Die war spätestens seit Ankunft der Künstler gut besucht, auch durch immer mehr Besucher aus umliegenden Städten, die einen neugierigen Blick warfen auf die "Willkommensstadt".

Ein großer Umbau als Vision

Bis hierhin war diese Geschichte erfunden, auch wenn es das Meiste davon bereits gibt, etwa das Probewohnen in Görlitz, „Jung kauft Alt" in Ostwestfalen und so weiter.

Wenn wir all diese guten Beispiele in einer einzigen kleinen Stadt gleichzeitig anwenden, dann starten wir ein Wiederbelebungsprogramm, das den Ort so einmalig und so bekannt macht, dass er eine Trendwende schafft.

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„Wo Flüchtlinge wohnen und Städte lebendig werden", so könnte das Programm heißen, das unterschätzte Orte und schrumpfende Städte verwandelt. Dabei geht es um Wohnungen und Werkstätten, um Kindergärten und Schulen, um Läden und um lebendige Städte.

Schaut man sich das in der erdachten Geschichte einer Willkommensstadt an, geht es natürlich auch um Geld: Jemand muss all die leeren Wohnungen, Hallen und Häuser kaufen, dann kann man sie sinnvoll neu nutzen oder an Flüchtlinge, Gründer und Rückkehrer vermieten und verkaufen.

Wenn man aber bedenkt, wie niedrig die Preise für Immobilien in aussterbenden Orten sind, dann dürfte das eine der kleineren Hürden sein.

Und es müssen nicht nur öffentliche Einrichtungen die Flächen erwerben, es können auch Bürger sein, einzeln oder gemeinsam, als Gemeinschaft oder Genossenschaft.

Eine Stadt für alle

Mit den alten Häusern geht es los, in denen es Wohnraum im Übermaß gibt: Manchmal wohnen alte Menschen allein, woanders stehen Häuser leer. Die leerstehenden Häuser werden saniert und neu bezogen. Dafür bilden sich gemischte Gruppen mit Alt und Jung, Flüchtlingen und Einheimischen.

Mehr-Generationen-Wohnen ist ebenso dabei wie reine Alten-WGs. Manche Ältere könnten Anteile an ihren Häusern abgeben und erhalten im Gegenzug eine Sanierung mit barrierearmem Umbau, wo man Schwellen entfernt, einen zweiten Handlauf anbringt oder ein neues Bad einbaut.

Und wer will, bekommt neue Mitbewohner oder neue Nachbarn.

Zugleich entstehen Gemeinschaftsküchen, sowohl in den neuen Wohnprojekten als auch mancherorts als gemeinsamer Raum für Nachbarn: Mehrere ältere Bewohner, die in ihrem Haus wohnen bleiben wollen, aber nicht mehr für sich allein kochen können oder wollen, teilen sich nun eine zentrale Wohnküche mit fünf oder sechs Parteien.

Das Geld für diesen Umbau und für den Kauf mancher Häuser ist da, wenn man an die Steuermilliarden denkt, die für den Neubau von Wohnungen geplant werden, obwohl doch längst mehr als genug Wohnungen da sind.

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Stellen wir uns vor, was mit solchen Milliarden sinnvoll zu bewegen wäre:

Eine Sonderwirtschaftszone in schrumpfenden Gegenden, das Stipendienprogramm für Kreative und das Umzugsprogramm, all das kostet im Vergleich wenig und es könnte ganze Städte neu beleben.

So werden leere Räume zum Chancenraum.

Die Geschichte stammt aus dem Buch "Willkommensstadt. Wo Flüchtlinge wohnen und Städte lebendig werden" von Daniel Fuhrhop. Er ist außerdem Autor des Buches "Verbietet das Bauen". Nachdem er fünfzehn Jahre als Architekturverleger gearbeitet hat, ändert er seine Sicht der Dinge radikal. Er plädiert dafür, die deutsche Bauwut zu stoppen und schon vorhandenen Raum effizienter zu nutzen.

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