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Warum deutsche Städte immer hässlicher werden - die Abrechnung eines Bauunternehmers

23/11/2017 10:30 CET | Aktualisiert 24/11/2017 20:22 CET
Juan Jimenez / EyeEm via Getty Images

Es gab eine Zeit, in der jede deutsche Stadt ihr eigenes Gesicht hatte. Einen individuellen Charakter, eine Persönlichkeit.

Aber das war einmal. Seit einigen Jahren werden deutsche Städte immer hässlicher. Sie verlieren ihre Individualität. Es ist eine Katastrophe mit Ansage, denn die Gründe für diese Entwicklung sind immer dieselben:

1. Deutschland hat die Bauwut befallen

Überall heißt es, in Deutschland müsse mehr gebaut werden. Wir Deutschen sind regelrecht von einer Bauwut befallen. Warum, ist für mich unbegreiflich. Denn neu zu bauen, ist vor allem teuer, unsozial und unökologisch.

Der Grund: So groß die Wohnungsnot in einigen deutschen Städten auch ist, aktuell entstehen vor allem teure Wohnungen für gut verdienende Mieter - ärmere Menschen bleiben auf der Strecke.

Außerdem verschwinden die letzten Grünflächen in den Städten. Für Kleingärten, Parks und Landschaftsschutzgebiete bleibt kein Platz. Denn der wird für Mietbunker gebraucht. Dabei brauchen die Metropolen Grünflächen, um die Lebensqualität zu erhalten. Auch für den Umwelt- und Artenschutz sind sie unerlässlich.

Die Folge: Deutsche Städte veröden zu Betonwüsten.

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Um die Dimension des Bauwahnsinns zu verstehen, muss man nur auf ein paar Zahlen blicken:

Die Einwohnerzahl Deutschlands stagnierte seit 1993 zwanzig Jahre lang, erst seitdem kamen zwei Millionen Menschen dazu.

Die Zahl der Wohnungen aber stieg seit 1993 um knapp sieben Millionen - das wäre genug Platz für fünfzehn Millionen Menschen. Doch dieser Platz fehlt, weil wir auf immer mehr Fläche wohnen.

2. Charakteristische Altbauten verschwinden

Anstatt Altbauten zu sanieren und damit Wohnraum und den Charakter einer Stadt zu erhalten, reißen Investoren alte Häuser ab und bauen neu.

Dabei sind es gerade die alten, geschichtsträchtigen Häuser, die das Bild einer Stadt prägen und ihre Schönheit erhalten. Schlechtere Wohnqualität bietet ein sanierter Altbau gegenüber einem Neubau nicht zwangsläufig.

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Wir sollten endlich darüber nachdenken, wie wir unsere alten Häuser besser nutzen.

Dazu müssen wir zuerst Leerstand erfassen, was bisher nur ein Drittel der deutschen Gemeinden tut. So werden aufwendige Neubauten überflüssig - und der Charme einer Stadt bleibt erhalten.

3. In Kleinstädten veröden die Stadtzentren

Nicht nur deutsche Ballungszentren werden immer hässlicher, sondern auch Kleinstädte. Denn immer mehr junge Menschen ziehen für die Ausbildung in die Großstadt oder zum Studium. Das zerstört ganze Landkreise.

Wie die Statistik belegt, ist die Zahl der Studenten in den vergangenen Jahren erheblich angestiegen: Waren im Wintersemester 2002/2003 nur rund 1,9 Millionen Studenten an deutschen Hochschulen eingeschrieben, waren es im Wintersemester 2016/2017 bereits 2,8 Millionen.

Studieren können junge Frauen und Männer eben nur in Deutschlands Uni-Städten, die deshalb auch nicht aussterben werden.

Bedroht sind dagegen Kleinstädte. Denn wenn der Nachwuchs abwandert, hat eine Stadt keine Zukunft mehr: Lokale Unternehmen gehen unter, weil sie nicht weitergeführt werden können und zu wenig Einnahmen garantiert sind.

Wenn ganze Stadtzentren veröden, kein Restaurant, keine Bar sich mehr halten kann, senkt das die Lebensqualität in einer Stadt erheblich. Das wiederum ist für viele ein weiterer guter Grund, abzuwandern.

Das Ergebnis: tote Kleinstädte.

4. Konzerne regieren die Innenstädte

Wirft man einen Blick in die Zentren deutscher Großstädte, fällt auch auf: Sie sehen alle gleich aus. In Fußgängerzonen und Einkaufspassagen sind immer dieselben Unternehmen vertreten.

Neben H&M, C&A, Deichmann und Co. finden kleinere Läden und Schneidereien keinen Platz mehr. Sie werden verdrängt oder können sich die horrenden Ladenmieten nicht mehr leisten.

In München traf es beispielsweise die Einkaufsmeile in der Sendlinger Straße. Laut der TZ mussten dort zwischen 2006 und 2016 62 Geschäfte dicht machen.

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Heute sitzen dort internationale Konzerne wie Abercrombie and Fitch, Starbucks und The North Face - Unternehmen, die sich wohl auch das Doppelte der Ladenmiete problemlos leisten könnten.

Auch in anderen deutschen Städte gibt es diese Entwicklung. Und so geht zusammen mit der Existenz der Kleinbetriebe auch die Individualität unserer Städte verloren.

Wie unsere Städte ohne Neubau schöner und lebendiger werden, beschreibt Daniel Fuhrhop im Buch "Verbietet das Bauen!". Weitere Informationen darüber gibt es auf seinem Bauverbot-Blog.

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(jg)

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