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Am Rande des Abgrundes

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ANTIDEMOCRATIC
FADEL SENNA via Getty Images
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Ich bin eigentlich kein Pessimist. Müsste ich mich selbst beschreiben, würde ich sagen, dass ich ein grundsätzlich optimistisch eingestellter Realist bin. Doch das, was momentan da draußen in der Welt geschieht, lässt mich zu einem gefühlt realistischen Pessimisten werden. Und wenn ich dabei von "da draußen" spreche, ist das auch schon lange nicht mehr wahr - die Gefahr ist längst auch bei uns in Deutschland angekommen, sie steht förmlich vor der Haustüre.

Der Abgrund der demokratischen Gesellschaft

Wir stehen vor dem Abgrund unserer demokratischen Gesellschaft und das Schreckliche dabei ist, dass sich viele auch noch gut fühlen, während sie in den Abgrund blicken. Sie sehen die Gefahr in Flüchtlingsströmen und Terrorismus und denken, dass sie diese politisch verändern können - doch die tatsächliche Gefahr ist eine andere. Aber ich muss etwas weiter ausholen...

Der russische Philosoph Nikolai Danilewski hat 1895 in seinem Werk "Rossilia I Europa" einen sozialen Zyklus für Zivilisationen beschrieben. Er ging davon aus, dass jede Zivilisation einen Lebenszyklus hat, quasi von Entstehung, Aufschwung, Höhepunkt bis hin zum Verfall. Auch Oswald Spengler hat in seinem Werk "Der Untergang des Abendlandes" im Jahr 1918 ein ähnliches Phänomen beschrieben.

Ich möchte mich im Folgenden der Grundidee der beiden Autoren anschließen, halte aber nicht so viel von Danilewskis Unterteilung in kleine Zivilisationen - bin also eher bei Spengler, der die ganze westliche Welt, das Abendland, in einen Topf packt.

Gleichzeitig möchte ich das Modell aber stark vereinfachen - aus Gründen der Verständlichkeit und Zugänglichkeit, die mir hier besonders wichtig ist, aber auch weil ich denke, dass wir Menschen weitaus einfacher ticken, als es wissenschaftlich mit viel Brimborium oftmals beschrieben wird.

Mit der Technik entwickelte sich der Wohlstand der Gesellschaft

Blickt man auf die Entwicklung der westlichen Welt seit 900 n. Chr., fällt einem die immens zunehmende technologische Entwicklung ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Die Entwicklung nahm immer mehr Fahrt auf, die Schlagzahl wurde immer höher - diese Entwicklung hält, mit Einschränkungen aufgrund einer Diskrepanz zwischen Neuschöpfung und Weiterentwicklung, bis heute an.

Passend zur technologischen Entwicklung entwickelte sich Wohlstand in der Gesellschaft. Mit dem Ersten Weltkrieg kam der erste Einschnitt und mit dem Zweiten Weltkrieg schließlich erstmals die systematische Ausnutzung einer westlichen Gesellschaft zur Durchsetzung brandgefährlicher ideologischer Interessen. Adolf Hitler und seine Gefolgschaft nutzten kommunikative Mechanismen, die mit der Angst der Bevölkerung spielten.

Die Einschnitte, die der Friedensvertrag von Versailles für Deutschland 1919 mit sich brachte, und die darauf folgende Weltwirtschaftskrise waren ein idealer Nährboden für die NSDAP. Hitler nutzte einfachste psychologische Muster, um die Bevölkerung für sich zu gewinnen. Er verbreitete Angst vor dem Verfall Deutschlands mit verheerenden Folgen für jeden einzelnen Bürger und schürte zudem die Wut auf durch den Versailler Vertrag zu erbringenden Leistungen.

Gleichzeitig erklärte er mit viel propagandistischem Aufwand, wie er und seine Partei Deutschland wieder auf den "richtigen Weg" bringen würden. Nach einiger Zeit ging der Plan schließlich auf - der Rest ist Geschichte.

Um die Geschichtsstunde abzukürzen: Es geht mir hier nicht darum, dass wir uns noch einmal intensiv mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen. Vielmehr möchte ich auf die Mechanismen eingehen, die zu dieser unglaublich schrecklichen, menschenverachtenden geschichtlichen Episode führten.

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Hitler spielte mit den Bedürfnissen der Bevölkerung. Er machte den Bürgerinnen und Bürgern Angst - Angst vor dem Verlust von Wohlstand, Sicherheit und Gerechtigkeit. Damals war das Level an Befriedigung ebendieser Bedürfnisse aber noch lange nicht so hoch, wie es heute der Fall ist.

Der Mensch hat eine angeborene Angst vor allem Fremden

In der heute globalisierten Welt sehen wir uns zahlreichen globalen Problem gegenüber. Dabei ist die Flüchtlingskrise in Kombination mit internationalem Terrorismus - und dabei ist die Kombination natürlich nur subjektiv, aber kommunikativ einfach zu vermitteln - weltweit eines der Probleme, die sich für politische Psychopathen am besten eignen. Warum? Weil wir Menschen eine evolutionär eingebaute Angst vor allem Fremden haben, bei dem wir das Gefühl haben, es nicht kontrollieren zu können. Im Fall der Flüchtlingskrise ist es kommunikativ kein großes Kunststück, einer Bevölkerung ebendiesen Kontrollverlust beizubringen.

Mit anderen Worten: Der Nährboden, den Hitler einst für Deutschland sah und nutzte, ist heute thematisch verwandt und nicht nur weitaus größer, sondern birgt in der subjektiven Wahrnehmung der Gesellschaft eine weitaus größere Gefahr.

Politische Bewegungen, die diesen Nährboden in unserer gesamten westlichen Welt heute nutzen, schüren die Angst vor Wohlstandsverlust, vor schwindender Sicherheit und sozialer Ungerechtigkeit. Anders als bei Hitler gibt es diese Bewegungen heute aber in immer mehr Regionen - von den USA, über die Türkei bis hin zu Österreich und, ja auch Deutschland.

Mahatma Ghandi sagte einst: "Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt." Bedauerlicherweise scheint er hier Recht zu behalten. Wir werden nicht erleben, dass sich Geschichte wiederholt. Wir werden vielmehr erleben, dass die Grundmechanismen, die schon in der Vergangenheit auf beschränktem Raum funktionierten, in unserer heutigen Welt auch global funktionieren werden - Trump, AfD, Brexit, Hofer, Erdogan und Co. sind dabei die Spitze des Eisberges einer Bewegung, in deren Anfängen wir uns längst befinden.

Behalten Danilewski und Spengler in ihren Grundtheorien Recht, könnten wir uns in diesem Moment am Anfang des Endes der Gesellschaft sein, die wir kennen. Noch können wir etwas dagegen unternehmen und wir sollten es tun.

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