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Was ein Management-Coach zu Lindners Absage und Führungsstil sagt

21/11/2017 18:16 CET | Aktualisiert 21/11/2017 20:45 CET
Hannibal Hanschke / Reuters

Blass, müde, fahle Augen: Einstimmig waren die Töne zu Christian Lindners sonst makellosem Äußeren bei der Absage an die Jamaika-Sondierungsgespräche in der Nacht auf Montag. Dabei war vor ein paar Wochen alles anders.

Der Startup-Boy Lindner wurde beim Wahlkampf nicht nur in deutschen Hörsälen, sondern auch beim Wiedereinzug der FDP in den Bundestag am 24. September 2017, als Leader gefeiert. Von "German Mut" war bei den Liberalen die Rede.

Doch was ist in der Zwischenzeit passiert? In einer Forsa-Erhebung für RTL haben 53 Prozent der Deutschen kein Verständnis für die Abbruch-Entscheidung der FDP - und somit auch nicht für das Verhalten des FDP-Chefs selbst. Doch was genau hat er eigentlich falsch gemacht?

1. Linder hat zu lange gewartet

Klar war, dass es keine perfekte Ehe zwischen den vier Parteien werden würde. Zu groß die Unterschiede und parteiinternen Gräben. Schon vor Wochen wurde von Seiten der FDP gewarnt, dass hier vier Parteien mit "teils widersprüchlichen Programmen" sondieren würden.

Warum hat er es dann überhaupt mitgemacht? Und weshalb so lange? Ziel guter Führung ist es, Dinge weniger kompliziert zu machen.

Die Komplexitätsreduktion ist nicht nur das Mittel der Wahl beim Change-Management. Indem Lindner Differenzen als unbeherrschbar charakterisiert, kapituliert er vor der Verantwortung.

2. Reine Inszenierung

Der Zettel mit der Rede war zu schnell griffbereit und der Absage-Banner des FDP Social-Media Teams zu schnell online. Vieles an der Absage wirkte gestellt und bereits im Vorfeld vorbereitet.

Das mag für eine gut vorbereitete Partei-Kommunikation sinnvoll sein, in der Öffentlichkeit wirkt das aber oft inszeniert. Dabei ist gerade Authentizität ein entscheidendes Kriterium einer guten Führungskraft.

Die Gründe und die Erklärung des Scheiterns der Sondierungsgespräche hätten authentisch, nicht taktisch wirken dürfen.

Mehr zum Thema: Nachdem Lindner über eine Aussage im Bundestag lacht, wird ein SPD-Mann richtig wütend

3. Alle anderen sind Schuld

Familiennachzug, Umweltschutz, der Soli: Neben nettem Plaudern auf dem Balkon der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin, wurde sich hinter den Kulissen vor allem gefetzt. Gründe für den Abbruch der Sondierungsgespräche sucht man jetzt vor allem bei den politischen Partnern.

"Es ist besser, nicht zu regieren als falsch zu regieren", so Lindner zur Erklärung für die gescheiterten Verhandlungen. Doch was sind die Alternativen? Als Führungskraft sollte man Verantwortung für Fehler übernehmen und Alternativen aufzeigen.

Als möglichen "Notkoalitionisten" wird nun auf die SPD verwiesen. Das ist schwach und bestärkt Kritiker, die der FDP vorwerfen, vor der Verantwortung zu fliehen.

Nun bleibt zu fragen: Hat Lindner alles falsch gemacht? Mitnichten! Sollten wir im Frühjahr Neuwahlen haben, könnte uns eine Überraschung blühen. Lindner hat mit seinem Verhalten zwar Schwächen gezeigt, er hat sich jedoch auch als Gegner Merkels positioniert.

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Die FDP und ihr Chef könnten gestärkt aus den Verhandlungen hervorgehen. Lindner hat ein Profil und er ist schnell: Dinge, die einen echten Leader ausmachen. Ein junger Wilder: ähnlich Sebastian Kurz in Österreich oder Emmanuel Macron in Frankreich.

In den USA spricht man übrigens - wenn man sich etwas zutraut - nicht von "German Mut", sondern von "balls". Und die hat Lindner.

Daniel F. Pinnow, deutscher Managementtrainer und Buchautor. Er ist Gründer der Akademie für systemische Führung. Als Management-Autor beschäftigt sich Pinnow mit den Themen Führung und Organisation und gilt als Vordenker der systemischen Führung im deutschsprachigen Raum.

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