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Macht der Stimmung, Ohnmacht der Demokratie?

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ANGST DEUTSCHLAND PANIKLAND
dpa
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Deutschland einig Panikland?

Ist die Stimmung besser als die Lage oder umgekehrt? Ausgehend von den ökonomischen Kerndaten geht es Deutschland hervorragend: Höchststand bei den Beschäftigten, anhaltend hohe Kauflaune und Exportüberschuss, Überschüsse bei den öffentlichen Haushalten. Die gute wirtschaftliche Ausgangslage entspricht jedoch nicht der öffentlichen Stimmung.

Eine kollektive Panikattacke jagt die andere: Flüchtlingskrise! Erosion der Mittelschicht! Die Volksparteien rutschen ab! Die Medien lügen! Deutschland, einig Panikland?

Heimatlose Anti-Kapitalisten und entspannte Systemfatalisten

Zu den großen Deutern der deutschen Gegenwart gehört der 62-jährige Heinz Bude. In seinem neuen Buch "Das Gefühl der Welt - Über die Macht der Stimmungen" beobachtet er eine "Stimmung absoluter Gereiztheit". Die stimmungsgeladene und angstgetriebene Auseinandersetzung findet dabei weitgehend ohne Argumente statt.

Nicht nur der Kapitalismus, auch der Anti-Kapitalismus ist heute heimatlos, so Bude. Die "heimatlosen Anti-Kapitalisten" leiden an der Ökonomisierung der Gesellschaft, selbst wenn sie selbst an den Finanzmärkten gutes Geld verdienen. Auf der anderen Seite des Ufers sieht Bude die "entspannten Systemfatalisten", die alles als gegeben hinnehmen.

Beide Lager blicken völlig unterschiedlich gestimmt auf die Welt. Das erste Lager sieht die Welt gefährdet und ohne Zukunft, das zweite Lager offen, aber kaum gestaltbar. Beide Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber und keine Partei schafft es derzeit, den Widerspruch der beiden Stimmungen aufzulösen.

Von "there is no alternative" zur AfD

Ist Politik in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung wirklich so alternativlos, wie die Eliten in Wirtschaft und Politik behaupten? Es ist eine Ironie der aktuellen Geschichte, dass die deutsche Bundeskanzlerin mit ihrem Diktum der Alternativlosigkeit eben jene "Alternative für Deutschland" produzierte, die als Angst- und Antipartei bei den (vermeintlich) Abgehängten und Ausgrenzten abräumt.

Merkels Politik der Alternativlosigkeit entsprang auch jene "Willkommenskultur", die im Sommer letzten Jahres das deutsche Stimmungsfass zum Überlaufen brachte. Erst spät und dann auch nur in einer Talkshow begründete die Bundeskanzlerin ihre Politik der offenen Grenzen. Ihr "Wir schaffen das" fehlte das "Wir". Wir wurden gar nicht erst gefragt. Die Stimmungsirritation nimmt seitdem rasant zu.

"Die Stimmung", so Bude, "stellt an mich die Frage, wozu ich mich in meinem Dasein verstehen und was für ein Leben ich führen will." Man kann nicht nicht gestimmt sein, zitiert Bude den Philosophen Martin Heidegger. Welches Leben will Angela Merkel mit sich und uns führen? Stimmungen sind nicht ihre Sache. Für (un)angenehme Laune zu sorgen überlässt sie lieber anderen.

Entpört Euch!

Ähnlich wie die weißen Wähler in den USA, die in Trump den Retter des gottesfürchtigen Amerikas sehen, erhoffen sich die in der Mehrheit männlichen Wähler der AfD Schutz vor Veränderungen. Beide wollen sich am liebsten einmauern und abschotten. In Gestalt der Geflüchteten sehen sie die Inkarnation der als negativ empfundenen Globalisierung.

Als Heimatlose neigen sie zur Dramatisierung und Panikattacken. Ihnen mit einer Strategie der bloßen Entdramatisierung zu begegnen, ist für Bude sinnlos: "Wenn die einen sich über eine Politik ohne Alternative, über Lügenpresse und Volksverdummer empören, halten die anderen die Normalität des Durchwurstelns, die Selbstreferenz der Massenmedien und die Relativität der Wahrheiten hoch." Beide Lager kommunizieren einander vorbei.

Eine Bringschuld besitzt für Bude das zweite Lager. Warum nicht bei den Verbitterten und Verängstigten anklopfen und mit ihnen ins Gespräch kommen? Der jüngst wiedergewählte grüne Winfried Kretschmann hat darauf hingewiesen, dass nur ein Teil der AfD-Wähler rechtsradikal sei, aber alle anderen nicht. Es mache daher wenig Sinn, sich dauernd über die AfD zu empören. "Entpört Euch!" ruft der grüne Ministerpräsident auch seinen Grünen zu und fasst den Begriff der Integration weiter als nur im Hinblick auf die neuen Geflüchteten: "Wer ‚Ausländer raus' ruft, ist auch nicht integriert."

Statt Vereinfachen ist Komplexitätssteigerung, statt Ressentiment argumentatives Aufrüsten angesagt.

Die Zukünftigen

Richten sollen es die "Zukünftigen". Gemeint sind Jene, die sich umsichtig verhalten und ihre Verpflichtungen übernehmen, aber nicht mehr an "imperative Formeln wie Generationengerechtigkeit oder Nachhaltigkeit" glauben. Die Zukünftigen ziehen lieber aufs unbekannte Land als ins Silicon Valley, dem Ort der digitalen Beschleunigung.

Ihr ethisches Können bezieht sich auf eine Eingebettetheit vor Ort, persönlichen Mut und eine Praxis der sozialen Verpflichtung. Die Zukünftigen wollen Partner und Mitwirkende sein. Ihre Stimmung ist "Weltoffenheit ohne Selbstverneinung". Anders formuliert: Kommunikation auf Augenhöhe ohne Angst vor Komplexitätssteigerung. Stimmt!

Heinz Bude: Das Gefühl der Welt - Über die Macht von Stimmungen. Carl Hanser Verlag, München. 160 Seiten. 18,90 Euro.

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