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Flüchtlinge: Was Deutschland jetzt wirklich braucht

15/09/2015 09:08 CEST | Aktualisiert 15/09/2016 11:12 CEST
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Deutschland wird in diesen Tagen zum beliebtesten Einwanderungsland. Noch vor wenigen Wochen verkündete Angela Merkel stolz, dass unser Land nach den USA das attraktivste Land für Migranten geworden sei. Die Realität hat uns längst eingeholt. Die 10.000 Flüchtlinge, welche die USA nun aufnehmen wollen, kommen täglich allein in München an. Und täglich werden die Zahlen nach oben korrigiert: 500.000, 800.000, 1 Millionen kommen allein in diesem Jahr. Grenzkontrollen werden daran kaum etwas ändern.

Die Menschen aus Syrien, dem Irak und anderen Ländern, in denen der "Islamische Staat" wütet, werden sich nicht stoppen lassen. Smart Phones und soziale Netzwerke sind stärker als Stacheldraht und Passkontrollen. Es war gut und humanitär geboten, dass Deutschland die Dubliner Drittstaatenregelung zunächst außer Kraft gesetzt hat. Und es ist ebenso richtig, aus innenpolitischen und sozialen Gründen den Grenzschutz zu mobilisieren.

Auch ein offenes Europa kann nicht auf Dauer unkontrolliert Einwanderung passieren lassen. Aber ebenso wahr ist auch: die Aufnahmebereitschaft und Integrationsfähigkeit Deutschlands ist fast unbegrenzt. München heißt ab dem Wochenende 6 Millionen Ausländer zum Oktoberfest willkommen. Da können 60.000 Flüchtlinge nicht "zuviel" sein.

Mehr als 60 Millionen sind auf der Flucht

Weltweit sind aktuell mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Wenn 800.000 von ihnen in diesem Jahr ihren Weg zu uns finden, ist das gut ein Prozent. Zuviel für ein alterndes und schrumpfendes Wohlstandsland? Um den Rückgang der Bevölkerung auszugleichen, brauche Deutschland jährlich 500.000 Einwanderer. Die Politik hat es lange versäumt aus dieser Notwendigkeit eine Strategie zu entwickeln.

Die Aufgabe, vor der Politik und Gesellschaft jetzt stehen ist gewaltig und historisch. Nach 1945 waren es Vertriebene, 1960 waren es Gastarbeiter, die zu Millionen nach Deutschland kamen. 1989 kamen 16 Millionen Ost-Deutsche als „Mitbürger" hinzu. Nicht immer waren sie willkommen, ihre Integration war oft nicht einfach und dennoch prägen sie heute unser Land und gehören dazu, zahlen Steuern und schwenken die Deutschlandfahne auf den Fanmeilen der Republik.

Sprache, Arbeit, Symbolik - das ist der Dreiklang einer erfolgreichen Integrationspolitik. Symbolik müssen wir dabei wahrscheinlich am meisten lernen. Ohne ein gemeinsames Wir, das alle einbezieht, werden wir die Integration nicht schaffen. Wir brauchen eine starke nationale Identität, wenn wir diese Frage beantworten wollen.

„Integration heißt, dass man sich irgendwann nicht mehr als Araber, Bosnier oder Türke betrachtet, sondern als Deutscher mit all seinen Licht- und Schattenseiten", so der Berliner Fraktionschef der SPD Raed Saleh. Das „irgendwann" gilt es jetzt zu beschleunigen.

Ein neuer Patriotismus

Dafür braucht es neben mehr Geld, anderen Gesetzen und Verfahren vor allem den gemeinsamen Willen, mehr über das „Wie" als über das „Ob" an Einwanderung und Integration zu streiten. Deutschland ist heute, anders als 1945, 1960 und 1989, ein starkes, selbstbewusstes und solidarisches Land. Die große Mehrheit der Bürger hat längst begriffen, dass wir nicht auf einer Insel der Glückseligen leben, sondern dass die Globalisierung lokal geworden ist.

Ein neuer Patriotismus zeichnet sich ab. Deutschland erfindet seine Identität und sich neu. Davon müssen aber auch die "Verlierer" etwas haben. Gemeint sind diejenigen, die sich bedroht fühlen, materiell wie kulturell.Das Projekt der Einwanderung muss zum Positivsummenspiel werden.

Aufbau West/Ost

Wichtig ist vor allem ein neuer Städte- und Wohnungsbau. Der beliebte Berliner Gendarmenmarkt ist ein Beispiel für eine Flüchtlingsarchitektur. Er wurde im 17. Jahrhundert in kürzester Zeit für 20.000 Hugenotten aus Frankreich gebaut, die als religiöse Flüchtlinge nach Berlin kamen. Mit eigenen Schulen und Kirchen. Heute gehört der Gendarmenmarkt zum Weltkulturerbe.

Wir brauchen tausende neuer Wohnungen mitten in den Städten. Die Einwanderung wird die Städte bunter, dynamischer und lebendiger machen. Sie wird aus dem sterbenden ein vitales Deutschland machen.

Deutschland war schon immer ein Vielvölkerstaat

In diesem Jahr wandern mehr Menschen ein als Kinder geboren werden. Deutschland war schon immer ein Vielvölkerstaat. Die Politik hat uns diese Wahrheit immer gerne verschwiegen. Zwei Drittel der Bürger wissen es besser. Jetzt gilt es das andere Drittel zu überzeugen.

"Dunkeldeutschland" ist Vergangenheit. Eine Nation ist mehr als eine Blutsgemeinschaft. Sie ist eine Willens-, Werte- und Zukunftsgemeinschaft. Was es jetzt braucht, ist eine konzentrierte und konzertierte Aktion. Bund, Länder, Parteien, Bürgergesellschaft und Kirchen - auf Jeden kommt es jetzt an. Wir schaffen das, aber bitte gemeinsam und für alle.

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

Seit dieser Aktion erreichen uns täglich weitere Dutzende Beiträge zu diesem Thema. Wenn Sie sich an der Diskussion mit einem eigenen Artikel beteiligen wollen, schreiben Sie an blog@huffingtonpost.de.

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