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Detlef Wetzel über Industrie 4.0: Digitalisierung, Arbeit, Gewerkschaften

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INDUSTRIE DIGITAL
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Die Klage, dass der technische Fortschritt ein "Ende der Arbeit" bedeute, ist so alt wie die industrielle Revolution. Bislang haben Maschinen und Computer den Menschen als Arbeitskraft nicht ersetzt, sondern ergänzt.

Die Unternehmensberatung McKinsey prognostiziert für das Jahr 2025 einen Wegfall von 140 Millionen Wissensarbeitern weltweit. Angesichts von bald 10 Milliarden Menschen ist das nicht viel, aber ausreichend für einen neuen Alarmismus der alten Debatte.

Das Mantra "Alles was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert" stellt viele Berufe und Branchen in Frage: Kreditsachbearbeiter, Vertriebsvertreter, Bibliothekare, Pharma-Ingenieure und sogar Köche.

"Gute Arbeit" grenzt aus

Alarmiert sind vom neuen Trend der Digitalisierung vor allem die Gewerkschaften. Der Chef der IG Metall, Detlef Wetzel, hat sich im letzten Jahr auf die Reise gemacht durch die Unternehmen. Resultat ist ein gut geschriebenes und anregendes Buch ("Arbeit 4.0. Was Beschäftigte und Unternehmen verändern müssen", Herder Verlag 2015).

Im Unterschied zur aktuellen Diskussion, die vor lauter Gefahren die Chancen nicht sieht (oder sehen will), unterlässt es Wetzel einseitig "die" Wirtschaft zu kritisieren. Den digitalen Wandel aufhalten will er nicht. Es geht ihm um die Verteidigung, den Ausbau von "guter" Arbeit im Gegensatz zu schlechter, "prekärer" Arbeit.

"Prekär" ist die nicht tariflich gebundene, atypische Beschäftigung: Zeitarbeit, Werkverträge, befristete Arbeit. Der Begriff der "guten Arbeit" grenzt Millionen von Arbeitnehmern aus und schafft so die Mehrklassen-Gesellschaft, welche die Gewerkschaften bekämpfen.

Den Sozialstaat 4.0. denken

Im Kern geht es bei Industrie und Arbeit 4.0. um mehr Flexibilität und Produktivität. Die Chancen übersteigen die Risiken dabei um ein Vielfaches. Mit Hilfe der neuen Robotik lassen sich altersgerechte Arbeitsplätze schaffen. Die Produktion wird dezentraler, minimiert so Transportwege und Ressourcenverbrauch.

Die Digitalisierung der Arbeit stellt aber zum Teil auch die bisherige Norm des Arbeitsvertrags in Frage. Microwork, Clickwork und Cloudworking erfordern neue Modelle der Absicherung und Mitsprache, einen Sozialstaat und Mitbestimmung 4.0.

Den "Sozialstaat 4.0." werden uns Google oder Apple nicht per App bringen. Er muss politisch gedacht und gemacht werden. Dafür braucht es Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, die auf der Höhe der Zeit sind.

Detlef Wetzel ist erfrischend selbstkritisch, vermisst die "Augenhöhe mit den veränderten wirtschaftlichen Strukturen" und fordert "eine neue Einigkeit und Einheit in der deutschen Gewerkschaftsbewegung".

Wie eine neue politische Agenda, ein moderner Sozialstaat am Ende aussehen kann und soll, will er der weiteren öffentlichen Debatte überlassen. Mehr als bekannte Schlagworte liefert er leider nicht.

Die Arbeitswelt humaner gestalten

Die Digitalisierung bedeutet nicht "das Ende der Arbeit", wohl aber das Ende der monotonen, körperlich anstrengenden Arbeit. Damit leisten Industrie und Arbeit 4.0. einen neuen Beitrag für das alte Versprechen der Gewerkschaften, die Arbeitswelt humaner zu gestalten. Frei nach Ferdinand Lasalle: "Genossen, werdet digitale Unternehmer!"

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