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Folgen der Digitalisierung: Die Mittelschicht steht vor der Auflösung

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Die Digitalisierung der Welt schreitet voran wie eine Flut, spült die Arbeitsplätze davon und wirbelt die Abläufe in den Betrieben durcheinander.

Wie weit wird sie noch gehen? Carl Benedikt und Michael Osborne schätzten in einer aufsehenerregenden Studie, dass von der Digitalisierung 47 Prozent derArbeitsplätze bedroht seien.

Laut ihrer provokanten Untersuchung geht es dabei vor allem um mittelständische Berufe: Buchhalter, Rechnungsprüfer, Verkäufer, Immobilienmakler, Sekretäre, Piloten, Ökonomen und medizinisches Personal.

Weniger bedroht seien Psychoanalytiker, Zahnärzte, Sportler, Geistliche und Schriftsteller. Es gebe keine digitalen Romanciers, beruhigen uns die Autoren, die Menschen würden sich noch lange Zeit ihre Geschichten selbst ausdenken.

Schon 2004 hatten Frank Levy und Richard Murnane ihr wichtiges Buch The New Divisions of Labor veröffentlicht, in dem sie die Frage aufwarfen, welche Rolle die menschliche und die digitale Arbeit in der Zukunft spielen würden. Ihre Analyse gründeten sie auf das sogenannte Moravec'sche Paradox, wonach von den körperlichen Aktivitäten diejenigen die Digitalisierung überdauerten, die eine gute sensomotorische Koordination erforderten.

Während Computer, die Intelligenztests (wie Schachspielen) bestehen, ziemlich leicht zu konstruieren sind, dürfte es für eine Maschine schwierig werden, einen Ball besser als ein zweijähriges Kind wegzuschießen. Aufgaben, die wir quasi blind erledigen, wie ein Ei am Rand einer Schale aufzuschlagen, sind unendlich schwieriger zu programmieren als eine Partie Schach.

Nach Moravec könnte dieses Paradox das Ergebnis einer Evolution sein, die Millionen von Jahren benötigte, um den Menschen in Sachen Sinne und Wahrnehmung mit einem Vorteil auszustatten, während die Entwicklung beim mathematischen Denken deutlich jünger und folglich weitaus leichter nachahmbar sei.

Menschliche und digitale Arbeit

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Überlegenheit des Menschen gegenüber der Maschine demnach gerade in den Fähigkeiten liegt, mit denen er sich in seiner Frühzeit von den Primaten, seinen nächsten Verwandten, abgesetzt hat. Führt man diese Überlegung weiter, treibt die Informatik den Menschen dazu an, seine Spontaneität und Kreativität weiter auszubauen, während das Zeitalter der Elektrizität und der Fließbandarbeit davor gegenteilige Fähigkeiten gefordert hatte.

Benedikt und Osborne stellten die (ironische?) Frage nach der Fähigkeit eines Computers, sich einen guten Witz einfallen zu lassen. Um das hinzukriegen, müsste er mit einem gigantischen Katalog an bestehenden Witzen und einem Algorithmus ausgestattet werden, der die ohne Sinn aussortiert. Doch das erscheint in unmittelbarer Zukunft unmöglich.

Mehr zum Thema: Was passieren muss, damit die Digitalisierung keine Arbeitsplätze kostet

Genauso von einer baldigen Digitalisierung ausgeschlossen sind wohl auch Aufgaben, die eine soziale und affektive Intelligenz erfordern. "Das menschliche Gehirn zu scannen, zu kartografieren und zu digitalisieren ist eine Möglichkeit, von der sich gegenwärtig allerdings nur sehr theoretisch Gebrauch machen lässt."

Und zur Beruhigung merken die Autoren an: Selbst wenn eine große Anzahl an Aufgaben, die mehr als Routine erfordern, mithilfe riesiger Datenbanken von der Informatik übernommen werden könnten, sind andere, die eine Kombination aus Wahrnehmung und Handhabung verlangen oder mit einer kreativen, sozialen oder affektiven Intelligenz verbunden sind, vor einer Digitalisierung im Moment noch sicher.

Die Mittelschicht vor der Auflösung

David Autor zeigt anhand des Moravec'schen Paradoxes auf, warum durch den Vormarsch der Informations- und Kommunikationstechnologien die Mittelschicht immer stärker in sich zusammenfällt. Bei Aufgaben der Verwaltung, der Überwachung anderer und des mittleren Managements erweist sich der Computer als dem Menschen überlegen.

So hat Autor die amerikanischen Arbeitsplätze in drei Ebenen untergliedert. Ebene 1 bilden die Manager, die professionals, also akademische Berufe, sowie die "höheren Techniker". Ebene 2 umfasst die Mitte der sozialen Hierarchie: Meister, Verwaltungsangestellte und Facharbeiter. Ebene 3 bilden geringbezahlte Beschäftigte, insbesondere personenbezogene Dienstleister und Beschäftigte in der Gastronomie.

Seine Schlussfolgerungen? In den Jahren 1999 bis 2007, kurz vor der großen Rezession nach der Hypothekenkrise, gab es auf Ebene 3 ein zweistelliges Wachstum! Einen Rückgang erlebten dagegen die Arbeitsplätze "der Mitte". Ihr Anteil an der Gesamtbeschäftigung sank von 60 Prozent 1970 auf 45 Prozent 2012. Und dieses Phänomen war nicht auf die USA beschränkt.

Wie eine weitere Studie zeigte, gingen diese Arbeitsplätze zwischen 1993 und 2010 auch in Frankreich um 9, in Dänemark sowie im Vereinigten Königreich um 10 und in Deutschland um 7 Prozent zurück. Während der großen Rezession nach der Hypothekenkrise wuchs die Anzahl der Arbeitsplätze auf Ebene 2 am wenigsten und zeigte in manchen Ländern sogar ein negatives Wachstum.

Entsprechend radikal zieht David Autor den Schluss: Die Nachfrage nach Arbeit sinkt weniger im unteren als vielmehr im mittleren Qualifikationsbereich. Die Mittelschicht hat sich im Zuge der (öffentlichen und privaten) Bürokratisierung herausgebildet, welche die Industrialisierung begleitete. Die digitale Gesellschaft bildet nun teilweise eine Reaktion auf diesen Prozess, insofern als dass ihre Entstehung einer gewaltigen Operation zur Kostensenkung (cost-cutting) gleichkommt.

Postindustrieller Kapitalismus

Dass ein erhöhter Bedarf an den Tätigkeiten von Ebene 3 entsteht, könnte zu dem Schluss führen, dass auch ihre Vergütung steigen müsse. Doch dem steht der Konkurrenzdruck durch eine im Abstieg begriffene Mittelschicht entgegen. Andererseits sind am anderen Ende des Einkommensspektrums die Vergütungen des 1 Prozents der Reichsten in der Gesellschaft in schwindelerregende Höhen gestiegen, aber Gegentendenzen bei der Beschäftigung sind bislang weitestgehend ausgeblieben.

Warum gelingt es nicht zumindest einem Teil der Beschäftigten auf Ebene 2, auf Ebene 1 zu den Spitzenverdienern aufzusteigen? Eine erste Antwort kann darin bestehen, dass es eine gewisse Zeit dauert, ehe sich neue Kohorten an Studenten in großer Anzahl um besser bezahlte Tätigkeiten bewerben.

In den Vereinigten Staaten kam es vielleicht deshalb erstaunlich selten dazu, weil der Rückgang der Arbeitsplätze auf Ebene 2 an die Studenten, die höhere Abschlüsse angepeilt hatten, verunsichernde Signale aussandte. Als eine andere Erklärung lässt sich das Prinzip des winner takes all anführen, wonach sich Bewerber um einen gut bezahlten Job auf ein Vabanquespiel einlassen.

Im postindustriellen Kapitalismus schanzt das Vergütungssystem tendenziell dem "Besten" alles und dem Zweitbesten nichts zu. Dieses "Starsystem" oder den "Pavarotti-Effekt", wie er auch heißt, hatten schon Anfang der 1980er-Jahre Sherwin Rosen in den USA und Françoise Benhamou in Frankreich analysiert: Warum ein anderes Album kaufen als das des besten Interpreten? Dieses allgegenwärtige Phänomen betrifft Museumskuratoren wie Buchautoren, Sportler wie Ärzte und Anwälte wie Unternehmensführer.

Die ausufernde Informationsgesellschaft erzeugt eine Wirtschaft der Reputationen, in der die Entlohnung derer, die als die Besten gelten, überproportional ansteigt. Unabhängig davon, wie genau er funktioniert, führt dieser Mechanismus zu einem gnadenlosen Ergebnis. In der Arbeitswelt entsteht ein gewaltiges Ungleichgewicht:

Während Einkommen in die Höhe schießen, rauscht das Angebot an Arbeitsplätzen nach unten. Und die Beschäftigung in der Mitte, die der Mittelschicht, schrumpft in dramatischem Ausmaß - mit weitreichenden Folgen für die demokratische Gesellschaft, deren Rückgrat sie doch bilden soll.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Die Welt bleibt klein, und unsere Bedürfnisse sind grenzenlos - Eine Wachstumskritik"

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Aus dem Französischen von Enrico Heinemann
Originaltitel: Le monde est clos et le désir infini
Originalverlag: Editions Albin Michel
Paperback, Klappenbroschur, 208 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-8135-0735-5
€ 17,99 [D] | € 18,50 [A] | CHF 24,50* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Knaus

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