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Warum wir alle Zukunftsoptimisten sein sollten

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Immer wieder höre ich die Leute sagen „Wow, das ist echt super, was Ihr so macht!", „Wie bekommt Ihr das alles unter einen Hut?", „Zum Glück gibt es so jemanden wie euch!" und so weiter und so fort.

Das Problem dabei: Im gleichen Atemzug fragen die wenigsten, ob und wenn ja wie sie sich auch engagieren können. Zu oft fehle die Zeit und was bringt das denn überhaupt? Die Welt läge doch immer mehr in Trümmern, sagen sie. Schade eigentlich, denn es machte das große Ganze viel einfacher.

Erst vor kurzem bin ich dann auch mal 30 Jahre alt geworden. Doch in einer Sache fühle ich mich nicht wirklich älter, und deshalb müder oder weniger motiviert: In meinem gesellschaftlichen Engagement.

Seit mehreren Jahren engagiere ich mich nun schon ehrenamtlich in einem kleinen gemeinnützigen Verein in Frankfurt am Main. Und Hand aufs Herz: Ich wollte es nicht mehr missen. Selbst wenn ich wollte, könnte ich wahrscheinlich gar nicht mehr ohne. Es gibt mir eine gewisse innere Kraft. Ein beruhigendes Gefühl, dass man die Zukunft selbst in die Hand nehmen und gestalten kann.

Obwohl ich schon regelmäßig im Rahmen meines eigentlich Jobs über die 40-Stunden-Woche komme, treibt mich etwas an - etwas, welches mir nicht selten die Abende und Wochenenden beispielsweise mit dem Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung oder für mehr Integration von Flüchtlingen um die Ohren schlagen lässt. Und nein, Lebenslauf-Aufpolieren habe ich nicht nötig und auch muss ich keinem imponieren.

Ich habe die Hoffnung noch lange nicht aufgegeben

Jetzt mögen mich einige von euch einen verkappten Idealisten oder gar Romantiker nennen, aber mein ehrenamtliches Engagement hat einen ganz einfachen Grund: Ich habe die Hoffnung noch lange nicht aufgegeben.

Nicht dafür, dass wir irgendwann keine Lebensmittel mehr verschwenden; nicht dafür, dass wir irgendwann kein CO2 mehr maßlos in unsere Atmosphäre blasen; nicht dafür, dass wir irgendwann keine Zäune und Mauern mehr um unsere Staaten ziehen und auch nicht dafür, dass wir irgendwann generell achtsamer mit uns und unserem Planeten umgehen.

Doch momentan, so habe ich manchmal das Gefühl, gehört man mit solch einer Einstellung eher zu einer Minderheit. Und mal ganz im Ernst: Wen wundert es? Wer die Zeitung aufschlägt, den Fernseher einschaltet oder die Schlagzeilen im Internet liest, blickt auf eine Welt, die den Bach hinunter zu gehen scheint.

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An allen Orten toben Kriege, schwelen Krisen und wüten Katastrophen. Der Mensch zerstört die Natur, die Natur zerstört den Mensch und - gefühlt nur um sich zu gehen - zerstört der Mensch sich auch noch selbst.

Das einzige, was einen durch den Tag zu bringen scheint, ist die halbe Stunde YouTube-Glotzen, wenn man mal wieder ein Katzenvideo geschickt bekommt und dann bei den empfohlenen Clips auf der rechten Seite in einen unverhofft Alltags-eskapistischen Bann gezogen wird.

AfD, Trump, Brexit: Wir werden schnell zu Pessimisten

Man erwischt sich beim Grinsen und Schmunzeln, wenn eine Katze die andere die Treppe hinunterschubst oder ein versuchter Sprung auf die gegenüber stehende Kommode kläglich scheitert. Die Alltagssorgen scheinen für einen kurzen Moment passé.

Doch schnell bekommt man wieder die durch AfD, Trump, Brexit & Co. aus den Fugen geratene Welt ins Gedächtnis gerufen und erstarrt einmal mehr in Schockstarre. Wenn es um die Entwicklung der Welt geht, werden wir zu übelsten Pessimisten.

Das Komische? Beim Gedanken an morgen werden wir dann Opfer der sogenannten "Future Bias" - einem psychologischen Paradoxon, wonach wir in unsere eigene Zukunft mit übertriebener Zuversicht, die Zukunft der Welt als Ganzes jedoch mit Sorge und Verzweiflung blicken.

Diese Angst-getriebene Kultur ist jedoch höchst problematisch. Dabei gründet sie sich nicht mal auf Realitäten, sondern verzerrte bis schlichtweg falsche Wahrnehmungen. So tendieren wir beispielsweise dazu, die Gefahren eines terroristischen Anschlags gewaltig zu überschätzen, während wir die Folgeschäden des Rauchens oder Alkohols (zweier Alltags-Suchtgifte!) komplett ignorieren.

Diese Risikoaversion führt dann zu einer großen Disparität zwischen der öffentlichen Wahrnehmung einer bestimmten Gefahr und des tatsächlichen Risikos. Und ist momentan leider Wasser auf die Mühlen der Angst-schürenden Populisten.

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Was wir im Zuge der alltäglichen Hysterisierungen, Verschwörungen und Polemiken durch Trump, Le Pen & Wilders und entsprechende Schlagzeilen in den Medien aber schnell ausblenden ist die Tatsache, dass es uns heute so gut geht wie niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte.

Nicht nur leben wir weltweit immer demokratischer und freier, auch sind wir insgesamt deutlich friedlicher geworden. Kriegerische Auseinandersetzungen, Sklaverei und Folter sind von der Regel zur Ausnahme geworden. Auf der ganzen Welt nehmen Armut, Hunger und Kindersterblichkeit konstant ab, während Lebenserwartung, Alphabetisierungsrate, Bildungszugang und Realeinkommen zunehmen.

Erfolgsgeschichten sind nicht sehr beliebt

Das Widerliche an unserem System ist aber leider, dass sich derartige Erfolgsgeschichten nicht so gut verbreiten bzw. verkaufen lassen. Mit Katastrophen und Panik erreicht man einfach mehr Menschen. In Zeiten zunehmender Vernetzung und der Omnipräsenz von Informationen lassen sich so beliebig viel sensationell-apokalyptische Säue durchs Dorf treiben.

Der Literaturwissenschaftler Rüdiger Safranski hatte dies unlängst auf den Punkt gebracht: "Heute erleben wir etwas, was sich kein früheres Jahrhundert erträumen konnte: Das ­Erlebnis von Gleichzeitigkeit. Unsere Handlungs- und unsere Wahrnehmungswelt gehen dramatisch auseinander. Das erzeugt ­unterschwellig eine unglaubliche Hysteriebereitschaft."

Jetzt mal ganz im Ernst: Können wir diesen sich wie einen Tumor ausbreitenden Kulturpessimismus bitte schleunigst wieder in den Griff bekommen? Angst ist kein guter Ratgeber und wir befinden uns sicherlich nicht in einem hoffnungslosen Zustand.

Natürlich ist die Welt noch nicht perfekt, aber doch deutlich besser als ihr Ruf. Und wer immer nur vom Schlimmsten ausgeht, verbarrikadiert sich selbst den Blick auf mögliche Lösungen und damit Verbesserungen. Und mal ganz nebenbei: Wussten Sie, dass Optimisten nicht nur glücklicher sind, sondern auch gesünder und länger leben?

Deshalb wünsche ich mir mehr Optimismus im Denken an morgen. Einen neuen Mut, dass die Zukunft noch besser werden kann. Hierdurch können wir Menschen viele der noch ausstehenden Probleme lösen, indem wir sie kooperativ und vor allem konstruktiv angehen.

Es braucht jedoch einen Wechsel unserer Denkweise - einen Mindshift. Wir sollten vordergründig auf Erfolgsgeschichten schauen, auf bereits erprobte Möglichkeiten, die uns und unserer Umwelt einen Mehrwert bieten. Wir sollten achtsamer sein, indem wir in Problemen Lösungen sehen und uns nicht resignierend abwenden.

Achtsame Menschen lernen ihre Ängste zu moderieren und in eine schöpferische Kraft umzumünzen. Achtsamkeit meint, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen - insbesondere in Zeiten einer zunehmend komplexer werdendem Welt.

Der Philosoph Karl Popper hat es einmal so formuliert: "Unsere Einstellung der Zukunft gegenüber muss sein: Wir sind jetzt verantwortlich für das, was in der Zukunft geschieht."

Und versteht mich bitte nicht falsch - es geht hierbei nicht um blinde Zuversicht oder Hoffnung, sondern einen gemäßigten, rationalen oder - wie ich es gerne nenne - kritischen Zukunftsoptimismus. Man könnte es der Einfachheit halber auch Possibilismus nennen. Denn Zukunft ist ein Gestaltungsraum und wir sind die Gestalter - wenn wir nur wollen.

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