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Hartz IV kann jeden treffen, auch Millionäre

04/08/2017 13:01 CEST | Aktualisiert 04/08/2017 13:11 CEST
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Ich arbeite seit über 15 Jahren als Anwalt in Berlin. Zu mir kommen auch Hartz-IV-Empfänger, die nicht mehr weiterwissen. Die das Jobcenter in sinnlose Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen schickt. Die mit rechtswidrigen Sanktionen schikaniert werden oder denen aus nicht nachvollziehbaren Gründen der Hartz-IV-Satz gekürzt wird.

Manchmal kann ich die Lebensgeschichten der Menschen kaum fassen, die zu mir kommen. Ich erinnere mich an den Fall einer ehemaligen Millionärin, die ihr ganzes Vermögen bis auf den letzten Cent verlor. Sie war mit einem wohlhabenden Unternehmer verheiratet und arbeitete beim Finanzamt, bis die Ehe zerbrach:

Sie erfuhr vom unehelichen Kind ihres Mannes, ließ sich scheiden, führte einen kräftezehrenden Rosenkrieg, legte zwei Millionen Euro für ihre Kinder in eine Lebensversicherung an, wurde von den Kindern verstoßen, begann zu trinken, verlor ihren Job und wurde obendrein noch von einem Gerichtsvollzieher aus ihrer Wohnung geworfen, weil sie eine über 100.000 Euro schwere Steuerschuld nicht mehr begleichen konnte.

Plötzlich saß die einstige Millionärin auf der Straße

Sie zog in einen Wald nahe Berlin und wusch sich im See. Um etwas Geld zu verdienen, sammelte sie Flaschen. Schließlich beantragte sie Hartz-IV. Doch das Jobcenter glaubte ihr kein Wort - und wies sie ab.

Auf den Fall machte mich eine Mitarbeiterin eines anderen Jobcenters aufmerksam, die mit der Frau seit Kindertagen befreundet ist. Sie sagte mir: Was die mit der Frau machen, geht gar nicht. Also schaute ich mir den Fall genauer an.

Mehr zum Thema: "Lebenslang arbeiten - und kein Geld sehen" - Handwerker werden in die Armut getrieben, ein Betroffener schlägt Alarm

Offenbar verwehrte man der Frau Hartz IV, weil sie nicht beweisen konnte, dass sie ihr Vermögen wirklich verloren hatte - wie auch? Im Jobcenter vermutete man stattdessen, dass sie ihr Geld vor den Behörden versteckt.

Fünf Jahre lang habe ich den Fall durch alle Instanzen gekämpft - leider erfolglos. Das ist Behördenversagen auf allen Ebenen. Es ist ein Wunder, dass die Frau das überlebt hat. Mittlerweile bezieht sie Rente - und kann ein halbwegs normales Leben führen.

Einen solchen Fall erlebt man vermutlich nur einmal in seiner Karriere. Und er ist sicher eine krasse Ausnahme. Aber er steht exemplarisch für den menschenunwürdigen Wahnsinn, dem Millionen Hartz-IV-Bezieher tagtäglich ausgesetzt sind.

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Jeder zweite Hartz-IV-Bescheid ist rechtswidrig

Sie leben in einer Sonderrechtszone. Nicht ohne Grund ist jeder zweite Hartz-IV-Bescheid in Deutschland rechtswidrig. Selbst schuld, mögen jetzt einige sagen.

Hätten die doch besser was ordentliches gelernt! Sollen sie doch mal nicht so faul sein! Arbeit gibt's doch genug!

Was für ein Unsinn. Die Wahrheit ist: Hartz IV ist schon lange in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

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Zu mir kommen Wissenschaftler, Künstler, Intellektuelle und Kleinstunternehmer, die einen Shop haben und damit nicht über die Runden kommen. Ich erinnere mich etwa an einen Pianisten, der nur 400 Euro im Monat verdiente und Unterstützung brauchte.

Hartz-IV kann also jeden treffen - und die sogenannten Jobcenter können jeden in ihren bürokratischen Abgrund ziehen.

All das ist einem so reichen Land wie unserem nicht würdig. Auch deswegen hat Hartz IV ausgedient.

Von Dan Mechtel, Anwalt in Berlin

Der Beitrag wurde von Jürgen Klöckner aufgezeichnet.

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