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Ich bin kein Nazi, aber....

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PEGIDA
Getty
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Innerhalb der letzten Monate hat sich eine ganz neue Kategorie Mensch heraus kristallisiert. Ich nenne sie "Ich bin ja kein Nazi, aber...".

Leicht zu erkennen durch ständiges Auftauchen in allen Flüchtlings-Diskussionsrunden - in denen sie schwammige, nicht zu Ende gedachte Aussagen hinaus schreien und stolz meinen, "Farbe zu bekennen" (nein, natürlich nicht braun).

Immer im Vordergrund ist ihre Beteuerung, dass sie im allgemeinen nichts, ja rein gar nichts!, gegen Ausländer haben,.... ABER die Gewalt nimmt zu, ...ABER "die" machen unsere Kultur kaputt, ....ABER man sollte schon wissen wo man hingehört. Kurz und gut: ...ABER eigentlich gehören nunmal nur Deutsche nach Deutschland.

Mit Statistiken und Belegen, dass beispielsweise Gewalt und Aggression bei Deutschen genauso ein Thema ist und immer schon war, braucht man nicht aufwarten, das interessiert sie gar nicht. "Das ist etwas völlig anderes", bekommt man dann zu hören. Okay, ich höre auf, verallgemeinernd zu erzählen, und sage stattdessen - das bekomme ICH dann zu hören.

Sowohl in Online-Foren, als auch in der "echten" Welt stoße ich wieder und wieder auf ein so großes Maß an Unwissen und Leuten, die nicht aufgeklärt sind und scheinbar auch nicht aufgeklärt sein wollen. Passt wieder gut zusammen mit unserer "Motz-Mentalität" - wäre man informiert und müsste sich eingestehen, dass die ganzen Menschen, die aus Krisengebieten flüchten weder besser noch schlechter sind als wir, so könnte man nicht mehr genüsslich herummosern, dann wäre ja der Spaß verloren.

Nun gut, genug Zynismus.

Ich bin gern Deutsche und bin sehr froh, in ein Land hinein geboren worden zu sein, welches mir vieles bietet, das andere Länder nicht zu bieten haben. Gesundheitliche Absicherung, finanzielle Unterstützung in Notsituationen, eine vernünftige Schulbildung,.... Doch sehe ich nicht ein, deswegen Patriot zu werden - warum auch? ICH habe doch zu alldem nichts beigetragen, ICH bin lediglich geboren worden und zufällig eben hier gelandet. Worauf sollte ich persönlich also stolz sein? Glück gehabt, sage ich dazu!

Nun ist es so, dass ich selbst in Spanien aufwuchs, selbst Ausländer war, in der Schule, in der Stadt, am Strand. Ich war "die Blonde" und jeder wusste sofort, wer gemeint ist. Abgesehen davon bin ich aber nie angefeindet worden, ebenso wenig meine Eltern. Ich habe in diesen sechs Jahren erlebt, wie es sein KANN und dass Freundlichkeit auch mit Freundlichkeit beantwortet wird.

Ich wurde viel gefragt - woher ich komme, warum ich nun in Spanien sei, was das und das auf deutsch heißt... Neugier, Interesse, Toleranz - das sind die Stichworte, die mir einfallen, wenn ich an die zunächst fremde Welt um mich, die Ausländerin, herum zurückdenke. Beidseitig! Durch meinen Aufenthalt in diesem mir nun so vertrauten Land, das ich für vieles bewundere und für einiges auch nicht, habe ich eine andere Form der Empathie erworben, wenn es um andere Kulturen, Sitten, Menschen geht.

Ich war die "Fremde" (und wäre es jederzeit gern wieder!) und weiß, wie es sich anfangs anfühlt, wie schüchtern und verunsichert man ist, wie ängstlich und ausgeschlossen - und wie glücklich ein offenes Lächeln, freundliche Hilfestellung, ein einfaches, selbstverständliches "Hallo" machen können.

Genau diese Art der Höflichkeit lasse ich nun, als Deutsche, anderen Menschen, "Nicht-Deutschen" zukommen - und muss deswegen sinnlose Diskussionen führen, mich vereinzelt sogar beschimpfen lassen oder werde ganz einfach nur schief angeguckt.

Muss das denn sein? Ist nicht, verdammt nochmal, jeder Mensch gleich?

Natürlich - Idioten gibt es auch unter ihnen. Es gibt Bösartigkeit und Hass. Es gibt Diebe und Vergewaltiger. Es gibt Mörder und Terroristen. Die gibt es aber auch unter uns Deutschen! Und DAS sind auch genau diejenigen, die sich ins Fäustchen lachen, wenn sie sehen, was sie erreichen bzw schon erreicht haben - Misstrauen säen, separieren, Moral und Empathie auslöschen, ganze Völkergruppen zu Geächteten machen.

Es passieren schreckliche Dinge um uns herum - nicht erst jetzt, immer schon! Doch es wird alles nur noch schlimmer, wenn wir als Gemeinschaft nicht mehr funktionieren. Wenn wir anfangen auszugrenzen und vorschnell verurteilen, wenn wir Angst über Menschlichkeit stellen.

Gerade jetzt müssten wir doch alle einander die Hände reichen und zusammen gegen die Missstände ankämpfen, müssten alle gemeinsam mit anpacken - und DANN können wir stolz auf uns sein. Nicht darauf, Deutsche zu sein, sondern darauf, BUNT zu sein! Darauf, uns nicht unterkriegen zu lassen. Darauf, Vorurteilen und Hass keine Chance gegeben zu haben.

Im Prinzip gibt es überhaupt keine "Ausländer" - weil wir alle Erdlinge sind!

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