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Gewalt gegen Frauen: Ausgerechnet ich, die emanzipierte Abenteurerin, der Freigeist, ließ mich so behandeln

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Hachephotography via Getty Images
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Häusliche Gewalt (ob körperlich oder emotional) ist eine Sache, über die viel zu wenig gesprochen wird. Sie zählt zu den Dingen, die "unter den Teppich gekehrt" werden, verharmlost und gedanklich manipuliert.

Viel zu viele Frauen machen den Mund nicht auf, oder erkennen die Gewalt nicht als solche.
Also rede nun ich, nachdem ich selbst zwei Jahre lang in einem Strudel gefangen war, der mir nicht mehr erlaubte, klar zu denken.

Eines sei gleich zu Beginn gesagt: Gewalt innerhalb einer Beziehung fängt dort an, wo die Seele leidet und man das Gefühl hat, unfrei oder klein zu sein, sich nicht mehr entfalten kann, aus Verliebtheit Angst wird, Selbstbewusstsein Platz schafft für Unsicherheit - und man sich beginnt von seiner Umwelt zu isolieren oder geliebte Menschen belügt.

Das muss nicht immer in Schlägen oder einem blauen Auge enden (oder anfangen), das kann auch - oftmals weitaus schlimmer - rein emotional bleiben und das Innere zerstören.

Die Art von Eifersucht, die mich einsperrte

Meine Geschichte beginnt, wie so oft, mit einer Feier, Musik, Lachen, einem Kuss. Euphorie und Leidenschaft sind die zwei Begriffe, die mir in den Sinn kommen, wenn ich an die ersten Wochen des Verliebtseins denke.

Alles schien funkelnd, alles war aufregend, eine Zuckerwatte-Welt, die die Sicht versperrte, ganz im Sinne der "rosaroten Brille". Wenn ich heute, mit Abstand und klarem Verstand, darüber nachdenke, hätte ich schon damals gewarnt sein müssen, es gab zu viele Ungereimtheiten, zu viele Lügen, zu viele Kleinigkeiten, die nicht zusammen gepasst haben.

Sich als Künstler vorzustellen, jedoch niemals zu malen, war eine davon. Genauso wie sein angeblicher Beruf, den er scheinbar aber nie ausübte - schließlich hatte er rund um die Uhr Zeit.

Hinzu zeigte sich schon die Art von Eifersucht seinerseits, die mich einsperrte. Doch ein schönes Äußeres, charmante Worte, wundervoll-hitzige Nächte und außergewöhnliche Dates lullten mich ein und ich dachte mir nichts weiter dabei.

Ich entfernte mich von mir selbst

Sehr schnell war ich mittendrin - in einer Beziehung, die mir nicht mehr erlaubte, ich selbst zu sein.

Doch als ich das erkannte, als sich Stück für Stück endlich wieder mein Gehirn meldete, wohnten wir schon zusammen, waren wir in unserem - nein, SEINEM - Alltag gefangen.

Zu dieser Zeit hatte ich mich schon so weit von mir selbst entfernt, dass ich nur noch für ihn und sein Wohlwollen lebte. Ich ging nicht mehr aus (weil er es mir verbot), trug keine Kleider mehr (zu sexy in seinen Augen), nahm so manchen Job nicht mehr an ("Gastro ist ja beinahe schon Prostitution!", waren seine Worte), vernachlässigte meine Interessen und Freunde (schließlich brauchte ER alle Aufmerksamkeit).

Trotzdem flippte er regelmäßig aus, bezichtigte mich des Betrugs (obwohl er derjenige war, der betrogen hatte), tobte, wenn ich zu spät von der Arbeit kam, trank enorm viel, ließ keine Möglichkeit aus, um mir zu sagen, ich sei sowieso nichts weiter wert.

Wenige Stunden nach solchen Ausrastern kam er dann wieder an, schenkte mir Blumen, lud mich zum Essen ein, schmeichelte mir, schwor ewige Liebe. Zuckerbrot und Peitsche der Sonderklasse. Doch auch dabei blieb es nicht - irgendwann kam es zum ersten Schlag, schon bald zum zweiten ...

Manipulation seinerseits

Ich selbst war an einem Punkt, an dem mir zwar schon klar war, dass alles gründlich falsch lief und ich so nicht leben wollte, jedoch fehlte mir der Mut, das Selbstbewusstsein und auch die Kraft, um mich da wieder heraus zu ziehen.

Monatelang lebte ich so weiter, gefangen in mir selbst, dank täglicher, monatelanger Manipulation seinerseits. Das mag seltsam klingen, wenn man es noch nicht selbst erlebt hat, doch die Macht, die in meinem Fall ein in höchstem Grad aggressiver Narzisst, über mich ausübte, war enorm. Wenn man die Gehirnwäsche endlich erkannt hat, steckt man schon fest - mitten in innerem Chaos, in Selbstzweifeln und Mutlosigkeit.

Hinzu kam, dass ich mich über anderthalb Jahre hinweg von meinen Bekannten und Freunden mehr oder weniger abgewandt hatte, und niemand wusste, was vor sich ging.

Ein weiteres halbes Jahr war nötig, um mich so weit zu stärken, dass ich Leuten davon erzählte, mich um Hilfe kümmerte, mich Schritt für Schritt wieder mir selbst näherte und schlussendlich auszog.

Ausgerechnet ich

Das ist vier Wochen her und vorbei ist der Alptraum noch lange nicht - tägliche Anrufe und SMS, Beschimpfungen, Drohungen, dann wieder der Versuch, mich zurück zu bekommen, weitere (scheiternde) Manipulationen in Form von Schmeichelei, Worten über "große Liebe" sind an der Tagesordnung und werden auch nicht so schnell aufhören.

Ich habe mittlerweile mein Selbstbewusstsein wieder, verarbeite das Erlebte in Gesprächen, Projekten, Texten und schreibe nun diesen Artikel, um klar zu machen: Es muss über dieses Thema gesprochen werden!

Es ist nicht peinlich, es ist auch nicht unwichtig und schon gar nicht schwach! Ich selbst dachte eine ganze Weile, dass es beschämend wäre, dass ich dumm war, so lange bei ihm zu bleiben, dass es unverständlich ist, so etwas mitzumachen.

Der Beziehung entkommen

Doch vor allem schämte ich mich dafür, mich so sehr selbst verraten zu haben, mich und das, was ich eigentlich bin und will und lebe. Ausgerechnet ich, die emanzipierte Abenteurerin, der Freigeist, die ständig lebenshungrige Neugierige .... ICH hatte mich so behandeln und beherrschen lassen und es fiel schwer, mich dafür nicht mehr selbst abzuwerten.

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Doch viele dieser aggressiven, gewalttätigen Männer haben eine enorm geschickte und über Jahre trainierte Art des Charmes, des "Um-den-Finger-wickelns". Noch während sie dich behandeln wie den letzten Dreck, geben sie dir zu verstehen, dass DU diejenige bist, die sie schlecht behandelt hat und es dadurch mehr als verdient hat, nun zu leiden. Und du glaubst es. Das ist das Dilemma.

Doch bei JEDEM kommt irgendwann der Moment des Erkennens. Und diesen Moment gilt es zu nutzen - um ihn auszubauen, daran festzuhalten, sich zu berappeln und endlich dieser kranken Beziehung zu entkommen!

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