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Gefährliches Halbwissen, Hetz-Propaganda und die eigene Wut

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dpa
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Ich habe immer mehr den Eindruck, dass jeder Mensch ein Grüppchen braucht, auf das er seinen gesamten Hass projizieren kann. Bei dem einen sind es Moslems, bei dem anderen Homosexuelle. Und ein weiterer macht da kein großes Trara drum und hasst einfach radikal alle, die anders sind als er.

Hass kann in diesem Fall nur zwei Ursprünge haben:

Entweder er ist eine Eigenprojektion, weil man in Wirklichkeit wahnsinnig unzufrieden mit sich selbst ist, sich das aber nicht eingestehen will.

Oder er entsteht durch Angst, welche wiederum durch Un-oder Halbwissen entsteht, welches durch Hetze und Negativ-Propaganda noch gefördert und verstärkt wird.

Als Beispiel für letzteres bringe ich hier etwas an, das mich in den letzten Tagen besonders wütend machte. Zur Zeit macht ein kleines Video die Runde, auf welchem zu sehen ist, wie ein Afro-Amerikaner eine Ziege schlägt und schlussendlich brutal auf den Boden wirft, bevor diese zum Glück fliehen kann. Die Überschrift dazu lautet "Und solche Bastarde wollt ihr hier haben?".

Nun wurde ich aus zwei Gründen sauer.

1. Weil ich Tierquälerei nicht ausstehen kann und solche Videos mir die Tränen in die Augen treiben.

2. Weil wieder einmal ein Einzelfall benutzt wird, um ein ganzes Volk niederzutrampeln, weil an einem alle ausgemacht werden.

Um dem entgegen zu halten setzte ich wiederum ein Video darunter von einem Deutschen, der ein Tier quält. Meine Aussage dahinter wurde natürlich missverstanden und ich bin nun wohl ein "Volksverräter" und "Liebhaber von Tierquälerei".

Idioten gibt es überall

Ein paar wenige haben dann anscheinend doch noch begriffen, dass ich lediglich vor Augen führen wollte, dass es nunmal ÜBERALL solche... wie drücke ich das nun am harmlosesten aus?... Idioten gibt. Die gibt es in Afrika, in Amerika, in der Türkei, in der homosexuellen Szene, inmitten der sogenannten Prominenz, und ja, auch hier in Deutschland. Den Hass bekommen aber meist leider die Unschuldigen ab.

Denn statt die Scheuklappen abzulegen, sich zu informieren und neugierig auf die fremde Kultur zuzugehen, sehen viele nur solche Videos (oder Texte, Bilder und was es sonst noch alles gibt), klicken auf "teilen" und geben ihre eingeschränkte Weltsicht somit an weitere Menschen weiter.

Gleichzeitig wird aber natürlich weiter fleißig Döner (Türkei) gegessen, Hip Hop (Afroamerikanische Wurzeln) gehört und chinesisches Essen bestellt. Seht ihr nicht selbst, wie unlogisch das ist? Seht ihr nicht, wie viele alltägliche Dinge uns fehlen würden, ohne die Einflüsse aus dem Rest der Welt? Aber darüber wird natürlich nicht weiter nachgedacht - denken scheint sowieso zu anstrengend geworden zu sein. Auch ist die Neugier so völlig abhanden gekommen, was ich wiederum sehr traurig finde.

Wenn ich Menschen aus anderen Ländern kennen lerne, empfinde ich als erstes genau dies: Neugier. Ich möchte erfahren, wie die Menschen dort leben, was es für kulturelle Unterschiede gibt, wie deren Essen schmeckt und wie die Sprache klingt. Ich will wissen, wie dort der Alltag aussieht, wie die Kinder groß werden, welche Musik gehört wird. Und immer wieder stelle ich mit Schrecken fest, dass viele mir sehr schüchtern, beinahe ängstlich entgegen treten und nur sehr zögernd offen mit mir sprechen. Aus dem einfachen Grund, weil es erstaunlich viele nicht gewöhnt sind, dass man Interesse bekundet statt herablassend zu sein.

In was für einer Gesellschaft leben wir denn bitte, in der Freundlichkeit zur Ausnahme geworden ist?

Und es werden nicht nur Ausländer angefeindet, sondern auch "andersartige" Deutsche. Ob Homosexuelle, Punks oder Selbstversorger - scheinbar wird ganz einfach jeder, der etwas anders tickt, aus der "Gemeinschaft" verbannt. Aus denselben Gründen, warum auch Ausländer verachtet werden - Unwissen, fehlende Neugier, mangelnde Selbstreflektion.

Man sollte doch meinen, dass wir im 21. Jahrhundert weiter sind, dass Vorurteile der 50iger heute aus dem Weg geräumt sind und wir Menschen, die ganz einfach anders leben als wir, mit Respekt gegenübertreten.

Hassen ist einfacher als Denken

Man sollte meinen, dass in Zeiten des Internets, welches so viele Möglichkeiten der Aufklärung bietet und jeden Wissensdurst stillen könnte, falsche Hetz-Propaganda keine Chance mehr hat - man KÖNNTE sich schließlich informieren, man KÖNNTE es besser wissen. Doch dazu müsste man erstmal emotionale Intelligenz besitzen, die Empathie, Neugier und Offenheit mit einschließt. Und die wiederum geht natürlich flott verloren, wenn man sich tagtäglich nur von Schrott berieseln lässt, statt Medienplattformen und das World Wide Web vernünftig zu nutzen.

Hassen ist einfacher als Denken. Träge mitschwimmen ist bequemer als eine eigene Meinung vertreten. Wütend sein ist leichter als sich mit sich selbst auseinander zu setzen.

Selbst wenn man es ganz egoistisch betrachtet - es geht einem so vieles verloren, wenn man in seinem Schneckenhäuschen sitzen bleibt. Es gibt so vieles zu entdecken, zu lernen und zu begreifen. Nicht alles davon ist positiv, natürlich nicht. Doch man wird erkennen, dass die negativen Seiten verschwindend klein werden, wenn man die eigenen Vorurteile ausblendet.

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