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Das haben der US-Präsident und der römische Gott Jupiter gemeinsam

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TRUMP USA
Bloomberg via Getty Images
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Es ist selten, dass man in eine Barockoper geht, - immerhin 1788 uraufgeführt-, und sich im modernen Washington im Oval Office des Weissen Hauses wieder findet. So geschehen am Wochenende bei der Eröffnung der 40. Händelfestspiele in Karlsruhe. Auf und unter dem präsidialen Schreibtisch ereigneten sich Dinge, die sonst ins Schlafzimmer gehören.

Und die Beteiligten erinnerten durch Aussehen, Gestus , Mimik und vor allem ihre Kleidung nicht an ihre Götterrollen sondern an irgend etwas vage Bekanntes.

Der Jupiter, gross, dunkel, gutaussehend, im typischen Outfit der sportlichen amerikanischen Ostküsten-Oberklasse sah aus wie John F. Kennedy. Doch vor dem ‚Akt' in Boxershorts zeigte er gestählte Beinmuskeln und als er sich angesichts seiner drängenden Leidenschaft das Hemd vorne aufreisst, einen durchtrainierten Oberkörper à la Ronaldo.

Seine Gespielin ‚Semele', hier offenbar eine Art Sekretärin, mutiert ausserhalb ihres offiziellen Aufgabenbereichs zum Sexkätzchen mit beeindruckendem sexuellen Appetit. Sogar dann als die entspannenden Übungen inmitten einer Runde schwarzbebrillter Sicherheitsleute stattfinden. Diese schauen um Monograde am Geschehen vorbei.

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‚Semele' selbst lebt fortan nur noch mit verführerischer Unterwäsche oder Spitzennachthemd bekleidet rund um ein grosszügig bemessenes und mit Kissen reichlich ausgestattetes Bett. Ein warmes, weiches Nest, zu dem ‚Jupiter' nach der Anstrengung des Regierens gerne zurückkehrt.

Doch da ist noch die rechtmässige Gattin, ‚Juno', in ihren strengen Hosenanzügen, blondem Kurzhaarschnitt und energischem Auftreten sehr an eine Dame erinnernd, die vor Kurzem selbst fast US Präsident geworden ist. Sie kennt sich mit Macht aus und nutzt deren Mechanismen um Störendes elegant zu entfernen. Nicht etwa aus Eifersucht - wie Göttergattin ‚Juno'-, sondern um die Macht des präsidialen Paares nicht zu gefährden.

Die eigentliche Geschichte von ‚Semele', des von Georg Friedrich Händel komponierten ‚musikalisches Dramas', nach einem Libretto nach William Congreve, der sich bei Ovids Metamorphosen inspiriert hatte, geht eigentlich so:

Der ob seiner ‚göttlichen Potenz' ständig frauenverfolgender Jupiter (in allem möglichen Gestalten- man erinnere sich er entführte die junge Europe symbolträchtig als Stier) hat ein Auge auf die junge Semele geworfen, die kurz vor der Verheiratung mit einem jungen Edelmann steht. Sie entzieht sich aber dieser Ehe und folgt Jupiter, auch weil sie sich von diesem die Promotion zur Unsterblichkeit erhofft.

Doch Jupiter erfüllt ihr diesen Wunsch nicht einmal als sie hochschwanger von ihm ist. Die intrigante Juno, die dieser Affaire ein Ende bereiten will benutzt Semeles eifersüchtige Schwester Ino um sie ihr eigenes Ende bereiten zu lassen.

Ino flüstert Semele ein sich Jupiter so lange zu verweigern bis sich dieser ihr in seiner ursprünglichen Gestalt zeige. Der Blitz-und Donnergott weiss, dass dies den Tod seiner Geliebten und des ungeborenen Kindes bedeutet. Er tut es aber doch um die ursprüngliche Ordnung wieder herzustellen.

Im Barock ist das Wiederherstellen der ‚gottgefälligen' Ordnung wichtig. Heute weniger. Doch modern ist das Machtspiel allemal. Nur ist die Währung eine andere geworden. Der Drang zur Unsterblichkeit ist dem zur Berühmtheit gewichen. Man lasse nur die diversesten Fernsehsendungen in Gedanken Revue passieren, die ihren zu allem bereiten Teilnehmern genau dies vorgaukeln. Auch Liebesdienste an mächtigen Männern sind hier einzuordnen. Und da war die Affaire um die Clintons und Monica Lewinsky nur ein Beispiel von vielen.

Regisseur Floris Visser hat bisher vor allem in seinem Heimatland Niederlande gearbeitet und soll dort, so munkelt man, auch bald einen führenden Posten erhalten, sagt Folgendes zu seiner Inszenierung:

‚Wir wollen doch alle nur zu gerne unsterblich werden, wissen aber gleichzeitig, dass wir im Scheinwerferlicht verbrennen....wie Amy Winehouse oder Kurt Cobain...oder Marilyn Monroe, gleichfalls eine Präsidentengeliebte. Alles wird heute im Lichte der Öffentlichkeit ausgetragen.'

Auch das Spiel mit der Macht ist immer noch modern und wird nach offensichtlich zeitlos gültigen Strategien gespielt.

Visser: ‚Juno und Jupiter, oder Hillary und Bill können streiten soviel sie wollen, aber sobald sich einer zu dicht an sie heranwagt und das Machtgefüge damit gefährdet, muss er geopfert werden.'

Das Oval Office - ein Bau der Macht

Die Inszenierung auf der Drehbühne des Schauspielhauses erlaubt es die Szenerie immer wieder rotieren zu lassen, erinnernd an Schnitzlers ‚Reigen', und machen die Wiederholbarkeit der Ereignisse deutlich.

Die Ausstattung ist modern; doch erinnert der Kuppelbau des ‚Oval Office' mit seiner Kassettendecke an das Pantheon in Rom, einen Bau der Macht und Ansehen demonstriert , hier noch mit Anflügen der spezifischen Architektur der Zeit Mussolinis. Übrigens auch er ein Herrscher mit vielfältigen erotischen Bedürfnissen.

Von der Darstellern überzeugen, ja begeistern, vor allem Jennifer France (Semele) und Ed Lyon (Jupiter). Sie, erst ein aufstrebendes Talent, gehört zu den Frauen, die nicht eigentlich schön sind, doch alle erfolgreich glauben machen, dass sie es sei. Als anschmiegsames, verspieltes Schmusekätzchen, launenhaft wie ein verwöhntes Kind, mit grossem sexuellem Appetit und Ansprüchen an die Unsterblichkeit, überzeugt sie vollends. Ihre silberhelle, gut geführte Stimme unterstützt sie dabei.

Ed Lyon ist der strotzend männliche Gegenpart zu dieser zarten Weiblichkeit. ‚Tall, dark and handsome', gross, dunkel und gutaussehend, wie die Amerikaner exemplarische Mannsbilder wie Ed Lyons beschreiben, kann man zudem eine Heldenbrust a la Ronaldo bestaunen, als er sein Hemd in der Leidenschaft aufreist, und später noch gestählte gebräunte Beinmuskeln in den Schlafshorts bewundern.

Dazu kommen eine grosse Bühnenpräsenz, eine befehlsgewohnte raumgreifende Stimme, und ein mächtiges Selbstbewusstsein. Dass dabei Koloraturen und Läufe mit der Stimme eher rasch hinauf- und hinunter geschlittert werden und nicht akkurat ausgeführt, passt eigentlich zu dieser luftverdrängenden Persönlichkeit. Details sind für andere.

Die Aufführung profitiert mit den Deutschen Händel-Solisten und dem Händel-Festspielchor von der gewohnt hohen musikalischen Qualität der Festspiele. Doch diese witzige, Ideenreiche und tiefgründige Inszenierung von Floris Visser, im wahrsten Sinne zeitgenössisch, sollte auch Zuschauer ins Theater ziehen und begeistern, die sonst keine Fans von Barockopern sind.

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