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Theater statt Kino

03/07/2015 08:46 CEST | Aktualisiert 02/07/2016 11:12 CEST

Berühmte Filme in ihrer Bühnenversion: Bereicherung oder Verarmung?

Gleich zwei Adaptionen von Filmen auf die Bühne zeigte Paris an diesem Wochenende:

Rainer Werner Fassbinders "Die Ehe der Maria Braun" spielte in der Regie Thomas Ostermeiers im Theater de la Ville. Und Jacques Demys Kultfilm "Les Parapluies de Cherbourg" wurde gleich gegenüber in einer symphonischen Version im Théatre Chatelet gegeben.

Das Pariser ‚Theatre de la Ville' platzte aus allen Nähten. Und dies an einem Sonntagnachmittag mit traumhaftem Wetter. Die Besucher jeden Alters balgten sich fast um die letzten Plätze. Erstaunlich bei einer Aufführung, die zudem auf Deutsch stattfand.

"Es ist wegen Osterermeier", vertraute mir eine Studentin des Conservatoires National Supérieur d'Art Dramatique an. Thomas Obermeier, der gerade Richard III fürs Theaterfestival von Avignon inszeniert, ist für sie vor allem wegen seiner auf der Schauspieltechnik Sanford Meisner basierende Methode des ‚Group Theater' interessant, die wiederum auf der Stanislawskis basiert, in der die Schauspielstudenten des legendären New Yorkers ‚Actors Studio' geschult wurden.

Diese Methode hat auch in Frankreich Schule gemacht. Ostermeier trägt dabei Sorge die Schauspieler bis ins Detail hinein zu führen, sie mit dem Ort und der Situation interagieren zu lassen, und legt ganz besondere Sorgfalt auf die sich jeweils entwickelnde Beziehung der einzelnen Personen zueinander.

Eine Monsteraufgabe in diesem Stück, wo jeder Schauspieler mehrere Rollen innehat und in all diesen nachvollziehbare Beziehungen mit den diversen Personnagen der anderen unterhalten muss. Der künstlerische Leiter der Berliner Schaubühne hat hier seine Produktion für die Münchner Kammerspiele präsentiert, und sich auch sonst in Frankreich mit seiner dramaturgischen Arbeit soviel Anerkennung verdient, dass ihm der ‚Ordre des Arts et des Lettres' verliehen wurde und er zum Idol und Lehrer vieler Theaterbesessener geworden ist.

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Fotocredit: Arno Declair

Die Aufgabe Fassbinders Film ‚Die Ehe der Maria Braun' mit nur fünf Schauspielern auf die Bühne zu bringen war gewiss nicht leicht. Doch sie wurde unter Ausschöpfung der Mittel der Theatertechnik und zusätzlicher brillianter Ideen so perfekt gelöst, dass ein starker Rhythmus entstand, der in seiner mitreißenden Leichtigkeit an symphonische Teile von Mozarts Musik erinnerte. Die wechselnden Schauplätze wurden durch wenige Requisiten markiert, die von den Schauspielern wie zufällig auf die Bühne gebracht wurden und dann irgendwie verschwanden.

Die Schauspieler wechselten ganz selbstverständlich ständig ihre Rollen: von Mutter zu Buchhalter, zu Rechtsanwalt und Arzt nur der Eine. Der Wechsel erst nur durch ein wie zufällig entstandene Detailänderung am Kostüm ersichtlich bevor diese Person dann wirklich als ein anderer erscheint. Nur Maria Braun, die Hauptdarstellerin und einzig weibliche Mimin, blieb sich selbst, was in diesem Stück aber auch einiges an Veränderung bedurfte.

Trotz dieser ständigen Wechsel bleiben die Beziehungen der einzelnen Charaktere zueinander immer stark und einsichtig. Nicht nur der Schwung der Aufführung, auch die Leistungen der Schauspieler reißen mit. Nach der Arbeit bei einem Drink in der Bar nebenan wirkten die Akteure noch genauso spielfreudig und darstellungshungrig wie wahrscheinlich vor diesem Kraftakt. Sie waren bereits begierig darauf das Stück nochmals zu spielen.

Eine in jeder Beziehung erfolgreiche Produktion? Doch nicht ganz. Einige der des deutschen Nicht mächtigen Pariser lobten zwar die Technik, zeigten sich aber enttäuscht über ihre scheinbare ‚Trivialität' und Oberflächlichkeit. Manchen fehlte auch die antibourgeoise, politisch kritische Komponente Ostermeiers. Dies muss aber an der Übersetzungsthematik liegen. Die Übertitel waren zuschauergerecht im Blickfeld des Publikums hinter den Schauspielern angebracht, sodass man sich für einmal nicht den Hals verrenkte noch die Akteure beim Lesen aus den Augen verlor.

Der Text ist aber vielschichtig und erzeugt Konnotationen, er bringt auch durch die Betonung innere Bilder und Gefühle beim Zuschauer hervor, die beim reinen Lesen einer zweifellos adäquaten Übertragung verloren gehen. Zudem kann man kaum Lesen und die Körpersprache, die Mimik und Gestik der Mimen zu diesen Worten, gleichzeitig studieren.

Eine ganze Welt der Insinuation und des ‚Double Entendres' geht so verloren; genau dies, was den Charakteren ihre Tiefe und Komplexität verleiht. Titel mögen bei Actionfilmen genug sein, doch bei anspruchsvollen Produktionen stellen sie immer eine deutliche Verarmung dar. Schade gerade hier; bei einer Produktion, die ich als nahezu perfekt ansehe.

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Fotocredit: Arno Declair

Genau gegenüber, im Theatre du Chatelet, wurde am Abend das Musical ^Les Parapluies de Cherbourg' gegeben. Am Dirigentenpult der Komponist, Pianist, und Jazzmusiker Michel Legrand: Eine französische Ikone.

Dieser Altmeister des gefühlvollen Unterhaltungsmusik wurde vom vorwiegend geladenem Publikum frenetisch gefeiert. Ist doch die Titelmusik der ‚Parapluies de Cherbourg' ist mit ihrer melancholischen Süße sicher eine der einschmiegsamsten Melodien im populären internationalen Songbook, von diversesten Interpreten weltweit gesungen und gespielt; doch 1 Stunde 45 Minuten lang immer wieder wiederholt wird auch diese Musik etwas mühsam.

Zumal sie hier hauptsächlich von äußerst mittelmäßigen Sängern intoniert wird. Das darstellerisch wie gesanglich Powerhaus Natalie Dessay, von der Opernbühne her bekannt, kommt leider in Ihrer Nebenrolle auf keiner Ebene wirklich zum Zuge. Altersbedingt musste sie die Rolle der Schirmverkäuferin und Mutter der Hauptperson Geneviève Emery annehmen, die ihr weder darstellerisch noch stimmlich die Plattform bot, die sie verdient.

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Marie Oppert (weiss) links, Natalie Dessau (rot) links

Warum hat dieser reichbegabte und auch in hohem Alter noch produktive Komponist nicht ihr und uns ein paar neue Melodien geschrieben anstatt die immer gleichtönende Monotonie nur hie und da durch zwei drei jazzige Takte aufzuhellen, beziehungsweise das dösende Publikum damit aufzuschrecken?

Natalie Oppert füllt die Rolle der Geneviève wenig glamourös aus. Sie spielt die Rolle eines Provinzmädchens, das als 16Jährige von ihrem Freund schwanger wird, ihn aber nicht heiraten kann, da dieser seine zwei Jahre Militärdienst in Algier abdienen muss.

So heiratet sie -hochschwanger- und sehr stark von der in Finanznöten steckenden Mutter unterstützt, einen reichen Pariser Juwelier, der ihr Kind als sein eigenes annimmt. Ihr früherer Liebhaber, hingegen, der wegen einer Verwundung noch später als vorgesehen aus dem Dienst entlassen wird, heiratet nach seiner Heimkehr die Krankenschwester seiner vermögenden Tante, die bald darauf stirbt und mit deren Vermögen er sich die von ihm erträumte Tankstelle einrichten kann.

Jahre später treffen sich die einstigen Liebenden nochmals kurz zufällig an der Tankstelle wieder; allerdings ohne irgendwelche emotionellen Konsequenzen. Sie leben ganz augenfällig ich nun in verschiedenen Welten

Der Film ‚Les Parapluies de Cherbourg' von Jacques Demy, hatte 1964 mit der blutjungen Cathérine Deneuve in der Hauptrolle, die Goldene Palme am Filmfestival von Cannes gewonnen. Bei der damals noch ätherischen Deneuve war es einsichtig warum ein Sammler von Edelsteinen sich auch dieses Juwel sichern musste. Das Werk war als eine Art Musikfilm konzipiert worden, der wie die anderen Werke dieses Autors, in der Welt der seriösen Cinéfiles in Frankreich lange gering geschätzt wurden.

Eine große Retrospektive vor Kurzem in der Cinémathèque in Paris unter der Ägide seiner Frau, der Regisseurin Agnès Varda, mit extra dafür restaurierten Kopien gegeben hat die Einzigartigkeit seiner Werke und die Inventionen Demys neu etabliert. Das Musikalische Thema des Films, jedoch, ist irgendwie im kollektiven Gedächtnis der Franzosen verhaftet. Eine ‚melodie sacrée sozusagen.

Verglichen mit den Teils großartigen Musicals von Weltklasse die das Theater sonst zeigt, ist bei dieser Produktion; der Stoff zu dünn, die Szenerie fragmentarisch und uninspiriert, die Choreographie nicht vorhanden, die Interpreten -außer Natalie Dessay- allerhöchstens Mittelklasse, und die gebotene Musik eintönig.

Vielleicht war es als Hommage an den großartigen Michel Legrand gedacht. Als Solches mag man es ihm gönnen. Wenn er auch Höherstehendes verdient hätte.

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