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Operngeschichte - lebendig inszeniert

30/05/2017 17:44 CEST | Aktualisiert 30/05/2017 17:44 CEST

Lyon und Salzburg zeigen Meisterliches neu aufgelegt

In Salzburg wurde zum 50 Jahre Jubiläum der Osterfestspiele mit der ganz grossen Kelle angerührt. Richard Wagners Oper ‚Die Walküre' in einer Re-Kreation der Produktion aus dem Jahre 1967 , die vom Festspielgründer und Übervater Herbert von Karajan nicht nur musikalisch, sondern auch inszenatorisch bestimmt wurde. ‚Das Herz ist das Einzige, was ich beim Musikmachen gelten lasse' sagte Karajan Doch seine Inszenierung war eher bombastisch.

Nach umfangreichen akribisch Recherchen wurde dieses Karajan'sche Gesamtkunstwerk wieder aufgenommen . Eine Inszenierung, die nicht nur die Zeit, in der sie entstand dem Publikum spürbar näher brachte, sondern vor allem das Universum Wagner aus der Sicht des Meistermusikers. Dieser setzte seine Vorstellungen der ‚Walküre' bis ins kleinste Detail durch. Probenfilme in schwarz-weiss zeigen ihn die Körperhaltung, jede Geste und sogar die Fingerhaltung der Sänger an sich selbst demonstrierend. Und dies mit grösster Grazie.

In Lyon aber ging man noch weiter: Am ‚Festival Memoires' wurden gleich drei berühmte Inszenierungen neu aufgelegt. Und zu diesen reisten Operliebhaber aus allen europäischen Metropolen wie Hamburg, Zürich, Wien und sogar Rom an.

Geboten wurden : Wagners ‚Tristan und Isolde' in der Inszenierung, die zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele am 30.7.1993 von Heiner Müller mit dem Bühnenbild von Erich Wonder geschaffen wurde..

Dann die gefeierte‚ L'incoronazione di Poppea' von Claudio Monteverdi in der Regie von Klaus Michael Gruber, erstmals gegeben am Festival von Aix-en-Provence 1999 und dann an den Wiener Festwochen im Jahr 2000.

Und schliesslich die Inszenierung von Richard Strauss' Oper ‚Elektra' von Ruth Berghaus. Die Oper war am 25. Januar 1909 an der Dresdner Hofoper mit Ernst von Schuch am Pult uraufgeführt worden und von Ruth Berghaus in der Spielzeit nach der Wiedereröffnung der Semperoper am 15. Juli 1986 neu inszeniert worden. Es wurde eine legendäre Inszenierung, die dann auch das 100 Jahre Jubiläum dieser Straussoper markierte.

Die Neuauflage dieser Inszenierung in Lyon war im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend. Vor allem für die Sänger und Darsteller. Einmal mussten sie von einem Sprungturm herab, in teilweise in grosser Höhe singen. Und zudem noch hinter einem Orchester von 111 Musikern:

Die Orchesterbesetzung von Richard Strauss sah vor: Piccolo, 3 Flöten (auch zweite Piccoloflöte), 3 Oboen (auch Englischhorn), Heckelphon, 5 Klarinetten, 2 Bassetthörner, Bassklarinette, 3 Fagotte, Kontrafagott, 4 Hörner, 4 Tuben, 6 Trompeten, Basstrompete, 3 Posaunen, Kontrabassposaune, Kontrabasstuba, 6-8 Pauken, Schlagwerk mit Glockenspiel, Triangel, Becken, Tamtam, Tamburin, Kleine Trommel, Große Trommel, 2 Kastagnetten, Rute; 2 Harfen, Celesta, Streicher. Ein Bombensound wird da erzeugt!

Es brauchte sehr viel Atem und Stimmstärke dahinter noch bestehen zu können, bzw über das Orchester drüber zu singen und vom Publikum gehört zu werden. Und das Publikum wurde dabei auch gefordert. Da nicht alle Sänger genügend starke Stimmen hatten sich klar vom Orchester abzusetzen, sass man verspannt ganz vorne auf seinem Sitz, bemüht die Stimmen aus dem Klangvolumen herauszuhören.

In der vorliegenden Vorführung hatte eigentlich niemand ausser der Elektra Darstellerin Elena Pankratova mit ihrem robusten Sopran die genügende stimmliche Vitalität dem Orchester die Stirn zu bieten.

Doch diese nervöse Anspannung, die sich dem Zuschauer vermittelt, dieser dauernde Kampf, und die drängende Atemlosigkeit sind genau das, was der Atmosphäre der Oper und ihrer Thematik dient.

Die Oper ist von Anfang an dramatisch düster, beherrscht von den Rachegedanken der Elektra, die eine überwältigende emotionale Präsenz bekommen. Strauss hätte nach ‚Salome' lieber einen leichteren Stoff aus der Renaissance oder dann der Französischen Revolution vertont. Doch Hoffmannsthal beharrte auf Elektra. Auch Strauss' Bedenken, dass schon wieder eine weibliche Rachegestalt aus der Antike am Werk sei, liess Hofmannsthal nicht gelten. ‚Die einzigen Ähnlichkeiten der Stücke bestünden darin, so Hofmannsthal, dass sie Einakter seien, einen Frauennamen trügen, und im Altertum spielten '.

Schließlich schrieb Strauss im Juni 1906 an Hofmannsthal: „Ich habe mit der Elektra begonnen, es geht aber noch schwer von der Hand." Kein Wunder, hatte er sich als Libretto doch etwas Heitereres gewünscht.

Von Beginn an aber herrscht in der Oper eine düstere Atmosphäre. Und Strauss hatte es auch mit eckigen, herausfordernden, stark dominierenden weiblichen Charakteren zu tun. Der sie völlig beherrschende glühende Wille zur Rache Elektras beherrscht die Oper. Sie verfolgt dieses Projekt mit männlich wirkender Trieb und Ausdauer: („Vater! Agamemnon, dein Tag wird kommen. Von den Sternen stürzt alle Zeit herab, so wird das Blut aus hundert Kehlen stürzen in dein Grab!") Chrysothemis, Ihre Schwester, ist ihr absolutes Gegenteil. Statt schwarz ist sie weiss gekleidet. Im Gegensatz zum vernachlässigten Äusseren ist sie gepflegt und stellt ihre weiblichen Attribute in den Mittelpunkt: Lange kunstvoll geflochtene blonde Haare statt Elektras wie von Mäusen angefressene kurze, dunkle. Harmonie, Genuss, das erfüllte Dasein eines Vollweibs, das Leben mit und an der Seite eines Mannes und Mutterfreuden sind ihre Träume. Die Rachegedanken ihrer Schwester sind diesen Plänen nur hinderlich. So sträubt sie sich dagegen. Allerdings nicht brachial, sondern sich windend. Nicht nur ihre Pläne und ihr Aussehen, auch ihre Handlungsweise ist der Elektras diametral entgegen gesetzt.

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Klytämnestra, ihrer beider Mutter, ist wie Elektra eine starke Frau, doch eine Furie. Schon vorher oder erst nach dem Gattenmord vielleicht aus verdrängten Schuldgefühlen so geworden, bleibt offen. Allerdings lassen ihre ständig wiederkehrenden Albträume schon auf die Verdrängung einer Schuld schliessen. Auch Elektra hat in ihrem leidenschaftlichen Beharren auf Rache etwas Furienhaftes, an Wahnsinn grenzendes. So kämpfen hier zwei Furien gegeneinander. Die eine im Beharren der Rechtmässigkeit ihres Begehrens. Die Andere aus Selbstverteidigung und eigentlich Selbsterhaltung.

Den Kampf dieser beiden Frauen stellt Ruth Berghaus in ihrer Inszenierung in den Mittelpunkt. Schon deshalb, weil sie als Einzige über dem Orchesterklang zu hören sind. Die anderen, schwächeren Charaktere, wie Chrysothemis, und auch der unbedeutend scheinende Orestes, sind nur Beigabe und verlieren sich im Orchesterklang. Und dies in einem Bühnenbild, in dem keiner auf festem Boden steht, sondern, gleichermassen in der Überhöhung wie einem Entrücktsein, auf diversen Platformen in hohen bis höchsten Höhen eines Sprungturms. Der Falls ins Nichts beschäftigt und beunruhigt den Zuschauer als möglichen Effekt während der ganzen Aufführung . Ausserdem zeigt das Weilen und agieren auf verschiedenen Ebenen wie beziehungslos die Agierenden zueinander sind und wie verschieden ihre Ansichten und Begehren. Ein starker Zug auch der heutigen Moderne. Auch passt dieser fast im Bauhausstil errichtete Turm nahtlos zur harten, oft dissonanten, blockhaften Musik von Richard Strauss. Er ist wie eine Bildwerdung dieser Musik.

Nach den drei Neuauflagen berühmter Inszenierungen in Lyon und der ‚Auferstehung' von Karajans ‚Walküre' in Salzburg wurde viel über den Sinn und Unsinn solcher Wieder-Aufnahmen diskutiert. Warum eigentlich ? Man gräbt in der Erde nach Historischen Stücken, die uns Einblicke in die Geschichte liefern sollen, rekonstruiert, restauriert, schreibt ganze Bibliotheken von historischen Büchern um Vergangenheit zu bewahren, zu analysieren, und uns näher zu bringen. Was besser als uns mit Wiederaufnahmen historisch wichtiger Inszenierungen die damaligen Sichtweisen dieser Stoffe und die dortige Interpretation der Musik näher zu bringen ? Auch wenn wir heute Opernaufführungen in nahezu perfekter Präzision aufnehmen können in Bild und Ton. So ein umfassendes und tiefgreifendes Erlebnis wie das dieser neuerlichen Ausgabe der Berghausschen ‚Elektra'- Inszenierung, können sie nicht bieten.