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Schönbergs ‚Moses und Aron' an der Opéra de Paris

03/11/2015 11:10 CET | Aktualisiert 03/11/2016 10:12 CET
Bernd Uhlig

Beklemmende Dichte, höchste Ästhetik

Das Kalb war ein Stier. Mächtig, weiss, und verdächtig ruhig stand er als Symbol für das Goldene Kalb der Israeliten während eines guten Teils der Oper auf der Bühne; entweder in einem Drahtkäfig oder von einem Wärter im Kreise geführt. Die Zwölftonmusik Schönbergs kommentierte er durch gelegentliches leichtes Tänzeln der Hufe. Wahrscheinlich wären ihm die dunklen weichen Töne des Alphorns lieber gewesen. Schlussendlich wurde er noch mit schwarzer Farbe begossen. Der Tatbestand von Tierquälerei wäre hier wohl erfüllt. Besonders dann als, wie bei Minotaurus, eine nackte Jungfrau direkt, doch unerreichbar, vor ihm lag.

Zudem stand er meist wie eine Chimäre im dichten Nebel. Ein guter Teil der ganzen Produktion wurde durch diesen verhüllt. Der Chor, die Israeliten darstellend, war dahinter noch in weisse Gewänder gehüllt so dass das Weiss auf Weiss sie völlig unkenntlich machte. Man bemerkte,

entstanden, zeigt eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem, wenn überhaupt, nur einige, wenige Bewegungen. Dieser dichte weisse Raum bot viel Platz für die eigenen Gedanken und Assoziationen. Und natürlich für die Musik, die speziell in diesen Momenten alles ausfüllte.

Arnold Schönbergs Werk über den monotheistischen Glauben, dem - so Schönberg - ‚einzigen Glauben, zwischen 1930 und 1932 entstanden, zeigt seine Auseinandersetzung mit diesem und der Schwierigkeit, dass Gott dabei weder zu sehen noch zu berühren, sondern ‚nur ein Gedanke' ist ‚ein allgegenwärtiger, unsichtbarer und unvorstellbarer Gott". Mit diesem Werk, zu dem er auch das Libretto schrieb, das stark an die Psalmen des Exodus angelehnt ist, hat er in beklemmender und dramatischer Weise sein eigenes Credo und seinen inneren Kampf hin zum Glauben dokumentiert.

Arnold Schönberg hat um seinen Glauben gerungen. Jude von Geburt, konvertierte er im März 1898 in Wien zum Protestantismus, vor allem, so Schönberg, um sich „von den Besonderheiten des Minderheitenstatus freizumachen". Doch als er Nazideutschland 1933 verlassen musste, da seine Lehrtätigkeit in Berlin beendet wurde und seine Musik als ‚entartet' galt, rekonvertierte er auf der Durchreise nach Amerika in Paris, in Anwesenheit Marc Chagalls, wieder zum Judentum.

‚Moses und Aron' entstand aber früher. Das Werk zeigt den Moment als Moses die Israeliten aus Ägypten und in die Wüste führt. Dies geht einher mit der Vermittlung des „einzigen wahren, ewigen und unsichtbaren Gottes". Es ist schwierig dies dem Volk zu vermitteln. Zur Errettung aus der Gefangenschaft ist dieser Glaube

aber existentiell.

In der Wüste entzieht sich Moses dann um, nach einer Zwiesprache mit Gott zu halten, und dann mit den Gesetzestafel zurückzukehren. Sein Bruder Aron bleibt als sein Stellvertreter. Er ist Moses' Ergänzung aber auch sein Gegenpart:

Moses wurde erleuchtet. Er kann dies dem Volk aber nicht berichten. In der Bibel steht über Moses: „Ich kann denken aber nicht reden". Wahrscheinlich hatte er einen Sprachfehler. Darum wird Bruder Aron zum Mund von Moses und vermittelt den Gottesgedanken an das Volk. Arnold Schönberg zeigt dies in seiner Oper so, dass Moses spricht, Aron aber singt. Doch Aron bleibt nicht nur Sprachrohr. Er vermittelt auch seine Sicht: „Das Volk kann nur lieben was es anfassen kann". Ein heidnischer Gedanken. So gibt er dem aufgebrachten, verunsicherten Volk das Goldene Kalb. Dies ist ein Rückfall in etwas, das ihm vertraut ist: Das Götzentum. Aron selbst glaubt nicht an Götzen, doch er glaubt, dass es notwendig ist, dem Volk Vertrautes zu geben um es wieder zur Ruhe zu bringen. Die Oper zeigt also auch, wie wirklicher Glaube zu leben ist. Moses verkörpert die idealistische Position, er ist mystisch, Aron zeigt die pragmatische Ebene.

Die Mystik zeigt Regisseur Romeo Castellucci mit Nebel; er wirkt wie ein Zustand von Trance. Castellucci nennt es ‚eine negative Nacht aus strahlendem Weiss, die als moralischer Raum funktioniert'. Die Wirklichkeit hingegen wird in klaren Bildern dargestellt. Die weissen Gestalten werden durch ein Bad in schwarzer Farbe, wie auch durch das Begiessen mit dieser, von der Entrückung heruntertransponiert. Die Verlockungen und Sündenfälle der menschlichen Existenz haben ihre Spuren hinterlassen. Castellucci wollte mit seiner Inszenierung vor allem die Situation menschlicher Einsamkeit darstellen, denn für ihn ist Moses ein Mann, der die ihm von der Stimme Gottes, dem brennenden Busch, aufgetragene Mission nicht zu Ende führen kann. Für ihn hat die Oper eigentlich nur vier Darsteller: Moses, Aron, die göttliche Stimme, und das Volk Israel, hier repräsentiert durch den Chor.

Dem Chor kommt in dieser Oper wirklich eine Hauptrolle zu, die er glänzend ausfüllte. So der musikalische Leiter, Philippe Jordan:

‚Die Angehörigen des Chors haben während der letzten zwölf Monate Aussergewöhliches geleistet.' Und weißt auf die grossen Schwierigkeiten hin die Partitur einer Zwölftonmusik zu memorieren.

Jordan: ‚Für mich ist Schönberg gleichzeitig ein Impressionist und ein Expressionist; und sicher kein analytischer, kalter Komponist. Das zeigt sich schon an seinem hervorragenden Sinn für Kontraste und Dynamik.

...wie im Zweiten Akt bei den Tänzen, wo er mehrere musikalische Quotes macht: er erinnert an die Unterhaltungsmusik seiner Zeit, an die des Kabaretts, der Operette um die Verführungskraft darzustellen. Man hört sogar eine Art Swing heraus, der an den Jazz der 20ger Jahre erinnert.'

Mark Sattler, Dramaturg beim Lucerne Festival, der diese Oper auch dort schon zur Aufführung gebracht hat, ist seit seiner Studienzeit vom Werk fasziniert.

Einmal, dass ein Komponist ein solches Thema in einer solchen Tiefe aufgreift und mit einer Dringlichkeit und Intensität umsetzt, der man sich nicht entziehen kann. Und dann : Sattler ‚Es ist eines der faszinierendsten Werke im Bereich der Musik und zudem neben Helmut Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern" und Alban Bergs „Wozzeck" eine der wichtigsten Opern des 20. Jahrhunderts. Virulente existentielle Fragen werden darin erörtert, die nichts an Aktualität verloren haben wie auch die politische Konstellation. Die Juden hatten zu Moses Zeit wie auch während der Bedrohung durch den Nationalsozialismus kein eigenes Land, in das sie sich zurückziehen konnten. Jetzt haben sie es, müssen jedoch darum kämpfen.'

Gekämpft für die jüdische Sache hat Arnold Schönberg mit den Mitteln der Musik auch. In den USA angekommen, komponierte Schönberg auch liturgische Musik für den synagogalen Gottesdienst und plante eine viersätzige Symphonie als „Apologie des Judentums".

Er wollte eigentlich politisch tätig werden und hat es dann mit den Mitteln seiner Kunst getan. So mit „Ein Überlebender aus Warschau", 1947 in Los Angeles geschrieben, als die Schrecken des Holocausts und des Warschauer Ghettos offenbar wurden Es ist ein Werk für Sprecher, Orchester und Chor und regiert stark auf die Gesellschaft seiner Zeit. Der Sprecher rezitiert die Geschehnisse im Warschauer Ghetto. Am Endes singt der Chor das israelische Glaubensbekenntnis ‚Sch'maJisroel' zwölftönig, wahrscheinlich eine der eindrücklichsten Hommagen oder Gedenkkompositionen überhaupt. Dies ist eines der bedeutendsten Monumente zum Holocaust. Gewaltig in seiner Wirkung. Kurz vor seinem Tod entwarf Schönberg noch die Hymne „Israel exists again", die er allerdings nicht vollendete. Sein Wunsch, eine genuin jüdische Kunstmusik für Israel zu gründen, blieb ein Traum. In einem Brief an seinen Schüler Anton Webern schrieb er sogar: „Ich bin entschlossen, nichts anderes mehr zu machen als für die nationale Sache des Judentums zu arbeiten."

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