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Oper im Theater von Ludwig dem XIV: Aeneas und Dido

09/04/2017 20:23 CEST | Aktualisiert 09/04/2017 20:23 CEST
Dagmar Wacker

‚When in Paris, go to Versailles', sollte man allen Musikliebhabern, im Besonderen aber den Opernfans zurufen. Und ganz speziell jenen, die alte Musik und eine märchenhafte Aufführungspraxis lieben. Im intimen doch reichgeschmückten Privattheater Ludwigs XIV zu sitzen und eine dieser ausstatterisch wie musikalisch hochwertigen Aufführungen beizuwohnen ist ein unvergesslicher Genuss. Man fühlt sich in eine galantere Zeit transportiert.

Die Königliche Oper des Schlosses von Versailles in Frankreich wurde 1770 unter Ange-Jacques Gabriel in der Regierungszeit Ludwig XV. vollendet. Sie wurde unter Ludwig XIV konzipiert und begonnen, doch ob schon unter dem Sonnenkönig dort gespielt wurde ist unklar. Das ganze Theater ist aus Holz gebaut und hat deshalb eine bemerkenswerte Akustik. Kenner sprechen vergleichend vom ‚Klang von Bayreuth'.

Ob Richard Wagner sich wohl am Theater Louis XIV inspiriert hat ? Es soll ein grosser Akustiker gewesen sein. Als Herrscher fühlte er sich sowieso: So soll er bei seinem Eintritt in die riesige, grottenhafte Eingangshalle des Palazzo Vendramin-Calergi (des jetzigen Casinos von Venedig) , auf deren Treppenstufen links die Domestiken und rechts die Besitzerfamilie zu seinem Empfang aufgereiht waren, ausgerufen haben: ‚Endlich eine Bleibe, die mir würdig ist'.

Sie sollte seine letzte werden. Allerdings stammt der Entwurf der Konstruktion des Bayreuther Theaters von Mariano Fortuny, dem spanischen Allroundgenie mit venezianischem Wohnsitz. Dort ist auch heute noch ein Modell des Wagner-Theaters zu sehen.

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Diesmal wurde ‚Didon et Enée' gegeben von Henry Purcell; ein Poème Harmonique. Eigentlich ist es eine Barockoper im Taschenformat, dauert sie doch nicht einmal die Hälfte der sonst zirka vierstündigen Opern dieser Zeit. Das liegt sicher auch am fragmentarischen Charakter der einzigen Partitur, die uns davon überliefert ist. Das 'diesbezügliche 'Tenbury Manuskript' ist zudem spät, erst gegen 1775 gefunden worden, und lässt Raum für immer neue Interpretationen und Variationen dieses Werkes.

Für diese Produktion hat der musikalische Direktor Vincent Dumestre den verschwundenen Prolog zur Oper nicht ersetzt, sondern er hat orchestrale Partien aus Purcells anderen Werken ausgeliehen und eingesetzt. Sie wurden hier als Ballette genutzt. Das macht Sinn.

Denn man weiss, dass Charles II als er, nach seiner Vertreibung durch die Cromwellsche Revolution aus seinem französischen Exil nach England zurückkam, eine Vorliebe für Opern mit Ballett mitbrachte. Dies blieb allerdings eine aristokratische Vorliebe. Das grosse Publikum zog Opern und Theaterstücke ( zum Beispiel von Shakespeare) mit Masken und Gesangspartien vor.

Die vorliegende Operversion mit Ballett scheint auch deshalb historisch stimmig weil Henry Purcell ja Organist in Westminter und an der ' Royal Chapel' war und deshalb wohl dem höfischen Geschmack gefolgt ist. (Es ist allerdings nicht belegt, dass Aeneas und Dido vor dem König aufgeführt wurde.)

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An Dramatik und Überraschungseffekten wurde in dieser Produktion nicht gespart. Denn das Barock war berühmt für seine Bühneneffekte.

Die Szenerie war einfach doch wirkungsvoll. Das Meer wurde von bewegten Stoffbahnen gebildet. Bizarre Felsformationen bewegten sich in verschiedenen Formationen, und sogar ein ganzes Schiff wurde quer über die Bühne gezogen.

Viel Trockeneis wurde für Rauch und Nebel gebraucht. So entstand eine geheimnisvolle Atmosphäre. Eine grosse Windmaschine in Form einer Trommel im engen Orchestergraben wurde von einem kräftigen Herrn an einer Hantel energisch bewegt und erzeugte zusammen mit den Effekten von bewegten Aluminiumbändern akustisch diverse Stürme und Gewitter. Geräuschvolle Zeichen der inneren Bewegtheit der Akteure oder Äusserungen der Götter.

Auch sonst hat man an den Spezialeffekten nicht gespart: Die Bühne wird stets bevölkert von Akrobaten und Pantomimen, die dort ihre Kunststücke zeigen oder aber Trapezkünstlern die uns mit ihren Pirouetten und Saltos in luftiger Höhe wohlige Schauer über den Rücken jagen. Und auch die Balletteinlagen sind erfreulich fürs Auge.

Die Kostüme waren sehr phantasievoll, liessen die Charaktere nicht sofort erahnen, doch hatten sie teilweise auch szenische Aufgaben:

Das Kostüm, das Dido am Schluss trägt, hat einen äusserst weiten Ballonrock, der von ihren Dienerinnen aufgeknöpft und entwirrt wird, sodass er zuerst bis zu den Kulissen auf beiden Seiten und dann über die ganze Bühne reicht, ein Meer bildend in dem Dido schliesslich ertrinkend versinkt. Gestorben an ihrem Liebeskummer um den entschwundenen Aeneas. Und auch die Erotik kam nicht zu kurz, zeigten sich doch die Hexen als tänzelnde Südseeschönheiten, mit langen, schwarzen offenen Haaren, gehüllt in sehr durchscheinende Schleier mit vollem Rückendekolltée.

Diese Produktion von Cécile Roussat und Julien Lubek wird all diese Liebhaber von Barockoper begeistern, die bei den minimalistischen Ausstattungen der Inszenierungen von Luc Bondy, über dessen spartanische Bühnendekoration von nur grauen Felsen und Kostümen in eine Palette von nur Grautönen ins Pfeiffen und Buhen gekommen waren.

Auch musikalisch erfreute diese Produktion. Unter der Leitung von Vincent Dumestre spielten das Orchestre du Poème Harmonique und sang der Choeur accentu der Opéra de Rouen Normandie mit Kennnis und Engagement. Auch Eva Zaïcik als Didon und Benoit Arnould als Enée überzeugten stimmlich wie darstellerisch. Ein ganz besonderes Komplimet aber gilt den Akrobaten; Sie haben mir mehr als einen wohligen Schauer über den Rücken gejagt.

Die Oper Aeneas und Dido im Theater von Louis XIV bietet Unterhaltung auf höchstem Niveau und von Feinsten; auch für Nicht-Opern-Kenner. Ein Gesamterlebnis , das seinesgleichen sucht.

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