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Nostalgie an der Baloise Session: Norah Jones, Culture Club, Kenny Rodgers u.a.

Veröffentlicht: Aktualisiert:
NORAH JONES
C Flanigan via Getty Images
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Ein Rundschlag durch die Musikszene in 23 Konzerten

Die diesjährige Baloise Session, die spätherbstliche Konzertreihe, die Pop, Rock, Soul, Blues, Jazz und Countrymusik auf höchstem Niveau bietet ist dieses Jahr mit einem Konzert von Norah Jones zur Neige gegangen; einer Künstlerin, die all diese Musikrichtungen schon als Einflüsse in ihren Songs verarbeitet hat. Auch sonst ist sie vielseitig, sie komponiert, singt, spielt Gitarre und spielt Klavier.

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Véronique Bidinger

Ein Klavier soll sogar in ihrer Küche anwesend sein. Das zeigte einer der raren Einblicke, den die Künstlerin kürzlich per Facebook in ihre Privatsphäre gestattet hat. Sie selbst, mehrfach ausgezeichnet (neunfache Grammy-Gewinnerin! ), und nicht erst berühmt seit quasi jedermann den Song ‚Come away with me' vor sich hin summt ,- es wäre übrigens ein poetischer und wirkungsvoller Einstieg um jemanden anzusprechen und kennen zu lernen-‚ ist so ganz anders als übliche Superstars aus diesem Business: Keine grossen Auftritte, keine ausgefallenen Kostüme, keine werbewirksamen Skandale.

Häuslichkeit und träumerische Ruhe scheint sie auszustrahlen. Und doch weilt sie ganz in der Gegenwart, wirkt geerdet, mit sich im Reinen, und vollständig authentisch. Eine bewusst und selbstbewusst gelebte Authentizität, die eine langsame, doch bleibend starke Wirkung ausübt. Aus diesem in sich selbst Ruhen, ihren Vorstellungen, Wünschen, und Träumen scheinen ihre Musik und ihre Texte zu entstehen.

Schon deshalb sind beide viel enthüllender , zumindest was ihre Persönlichkeit betrifft, als Nacktaktionen ihrer Kolleginnen. Den phantasievollen Nicht-Bedeckungen ihrer Kolleginnen Cher und Mylie Cyrus stellt sie ein braves dunkelbraunes Hauskleid gegenüber, wadenlang, gemustert mit hellen Vierecken, Ärmel bis zu den Ellenbogen. Solche Kleider wurden früher zur Haushaltsbesorgung getragen.

Hier dient alles der Musik. Auch das Make-up wirkt selbstgemacht; wie auch die Frisur . Nur die Schuhe, hohe rote Riemchensandaletten mit Plateausohle, könnten bei der Pedalbedienung etwas hinderlich sein. Doch so könnte man sich Norah Jones auch am Küchenpiano vorstellen. Ist das ihre Art zu sagen: Meine Lieder sind gut genug ich brauche mich nicht zu verstellen ? Sie hätte recht !

Die Baloise Session bringen aber auch immer etwas für Nostalgiker:
Gerade wenn man einen schon etwas entfernteren Jahrgang hat ist es verführerisch die Helden der Musik seiner Jugend zu treffen und so irgendwie wieder in leider lang vergangener Jugendlichkeit zu schwelgen.

Dieses Jahr hatte man wieder Gelegenheit dazu.
Einmal mit ‚Culture Club', zu dessen Rhythmen man weiland ausgelassen getanzt hatte; zum Entsetzen und unter dem Stirnrunzeln der gesetzten Eltern. Und dessen Star, Boy George, ein papageienhaftes, androgynes Wesen uns mit seinen immer wiederkehrenden Eskapaden glänzend unterhielt. Wie lebendig es doch war nicht brav und konventionell zu sein.

Das gilt offenbar heute noch, denn bereits vor dem Konzertbeginn drängte sich eine Menge unruhig tänzelnd rechts von der Bühne, um beim Erscheinen der Band gewaltsam die Absperrung durchbrechend sich laut johlend den Platz zum Tanzen zu erobern. Die Photographen, die eigentlich Karenzzeit gehabt hätten, wurden durch fremde Körper quasi an die Bühnenwand geklebt und konnten durch die dauernden Stösse und Tritte ihrer Mission nicht walten. Eine drahtige Dreissigerin blöckte mir dabei so laut ins Ohr, dass ich einen Hörsturz befürchtete. So muss es in der Frühzeit der Beatles zugegangen sein. Offenbar hat sich da wenig geändert. Bei Culture Club scheinbar auch nicht. D

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er Immerhin 53 jährige Boy Georges hüfte behende wie ein junges Böcklein auf die Bühne und zeigte die makellosen Züge eines hübschen 25-Jährigen. Auch sein Tanzstil zeigte keine Abzeichen von Verschleiss. Und was seine ‚Concert Manners' mit dem Publikum angeht, ist der ungeschlagen: Er unterhielt sich mit ihnen, scherzte, fragte nach Namen, erzählte drollige Episoden, und schien sich wirklich für ihre Anliegen zu interessieren.

‚Whats Your name ? Whats Your name ? fozzelte ein brasilianischer Kollege neben mir abschätzig. Doch dem Publikum gefiels. Mehr aber noch die Musik. Zu ihr wurde fast gymnastisch getanzt und geschwoft. Die Stimmung boomte. Man wollte immer mehr. Der Auftritt von George Michels und dem ‚Culture Club' war ein voller Erfolg. Nun hoffen wir nach seinem Song ‚Shoot the Dog', der die Politik von George Bush und Tony Blair kritisierte, auf seinen gesungenen Kommentar zur Wahl von Donald Trump.

Ganz anders war das Erlebnis am Konzert von Brian Wilson, der als ‚Genius' der legendären Beach-Boys angekündigt war. Ein ‚Must' für Nostalgiker; waren es doch
Brian Wilson und die ihn umgebenden Beach Boys gewesen, deren Lieder uns das Surfen und ein Gefühl der unendlichen Weite des Pazifik vermittelten. Ja eine neue faszinierende Lebensweise aufzeigten. Wunderbare Bilder tauchten dabei vor uns auf die die Enge eines Basler Klassenzimmers weiteten und mit Licht füllten. Jede träumte davon ein goldenes ‚California Girl' zu sein und in unbeschwerter Freiheit in der Sonne zu leben.

Doch der Schöpfer dieser suggestiven Weiten war nicht mehr. Brian Wilson war zwar da, aber nicht wirklich anwesend. Er sass zwar hinter seinem Keyboard und bediente dies anscheinend. Doch der berühmte ‚Blaue Blick', der mindestens eine ganze Mädchengeneration bezaubert hatte, war nicht einzufangen, denn er hob seine Augenlieder nie. Und seine Miene blieb versteinert.

Es war wie wenn man Madame Tussaud geplündert und seine Wachsfigur dort hingesetzt hätte. Die Band spielte gut, die bekannten Melodien erklangen, doch man schaute sich gegenseitig ratlos an und fragte sich: ‚Was ist da los ‚? ‚Er hat Parkinson und spielt nur teilweise Keyboard, denn er kann sich an die Melodien kaum mehr erinnern', wurde uns von einem Sicherheitsmann beschieden. ‚Hinten sitzt jemand, der für ihn übernimmt.' Das leuchtete ein, denn es kam auch kaum Gesang.

Man hatte eher das Gefühl, dass der Mund nur auf- und zugeklappt wurde. Wir begannen uns unwohl zu fühlen. Andere gingen. Die sich aufdrängende Frage war: Möchte Brian Wilson wirklich auftreten ? Hat er Spass dabei ? Dann natürlich ist nichts dagegen einzuwenden. Doch ist es wirklich legitim ein Konzert rund um seine Person zu bewerben, wenn er selbst dies nicht mehr leisten kann ?

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Kenny Rogers, schliesslich, die Country Ikone aus Nashvillenach , zeigte wie man es auch machen kann. Mit 78 Jahren und 125 Millionen verkauften Tonträgern in sechs Jahrzehnten Karriere, ist auch ihm die Singstimme abhanden gekommen. Doch er macht das Beste daraus. Er moderiert sein musikalisches Leben; Er zeigt Filmausschnitte von seinen früheren Konzerten, lässt andere für sich singen, singt mit einer stimmstarken Nashville-Lady Linda Davis im Duett, oder spricht seine Texte.

Wann immer er ins Singen verfallen will, geht es schief. Die Art wie Marlene Dietrich einst ihre Liedertexte sprach, säuselte, mit Timbre anfüllte und flüsterte war doch eine sehr individuelle Kunst. Doch lässt die erwarteten Songs wie ‚'Lucille', oder ‚Ruby, don't take your love to town' irgendwie zum klingen bringen. Rogers strahlt dazu nach wie vor Lebensfreude und Vitalität aus. Und er ist auf eine nunmehr andere Art immer noch attraktiv.

Einst brachte er uns das brachial Männliche nahe; Das virile Durchsetzungsstarke der Cowboys und des amerikanischen Westens, und - ihre Innen ganz weichen Seiten. Nashville, seine Countrymusic und deren kulturelles Umfeld, wurden so bekannt. Dies wird nun von anderen weitergeführt. Und er scheint sich darüber zu freuen.

Zwei dieser drei Leuchttürme des intensiven Lebens sind jetzt auf ihrer Abschlusstournee: nämlich Kenny Rogers und Brian Wilson. Ein kurzer Schrecken fährt einem bei dieser Nachricht dann schon in die etwas müde gewordenen Glieder. Und die Frage taucht auf; wenn die nun endgültig abtreten, an welchem Punkt der Lebenslinie finde ich dann mich ?

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