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Die fahrige Diva in politischen Wirren - ‚Tosca' in neuer Inszenierung am Festspielhaus Baden Baden

23/04/2017 22:35 CEST | Aktualisiert 24/04/2017 15:26 CEST
sergio_kumer via Getty Images

Es hatte die Melancholie eines Schwanengesangs Sir Simon Rattle am Pult der Berliner Philharmoniker zu einer Neuinszenierung von Giacomo Puccinis ‚Tosca' in Baden Baden zu erleben.

Die Oper basiert auf dem Drama ‚La Tosca' aus dem Jahre 1887 von Victorien Sardou, das von der grossen französischen Theaterschauspielerin Sarah Bernhardt in über 5000 Aufführungen weltweit erfolgreich gegeben wurde.

Die Uraufführung der Oper ‚Tosca' fand am 14. Januar 1900 im Teatro Costanzi in Rom, dem heutigen Teatro dell'Opera di Roma, unter der musikalischen Leitung von Leopoldo Mugnone gegeben.

Es erschien die gesamten damalige Polit- und Kulturprominenz Italiens, sowie Königin Margherita, deren Stipendium Puccini das Musikstudium in Mailand erst ermöglicht hatte. Auch Siegfried Wagner, dessen Vater von Puccini tief verehrt wurde, war anwesend.

Sein Kommentar zur Oper : ‚Ein nie versiegender Fluss von Melodie.' Die Atmosphäre vor der Uraufführung war weniger aus Erwartung eines musikalischen Coups denn aus Sicherheitsgründen angespannt. Wie auch heute immer wieder vor Grossanlässen, politischen, sportlichen, oder kulturellen gab es damals Bombendrohungen.

So auch vor dieser Premiere. In Barcelona hatte der Dirigent kurz zuvor wirklich einen Bombenanschlag erlebt. So war die Nervosität gross. So gross, dass die Vorstellung mitten in Cavaradossis erster Arie ‚Recondita armonia' wegen Unruhe im Publikum abgebrochen wurde. Die Oper wurde später ganz von vorne wieder aufgenommen

.

Das passt natürlich auch zum Inhalt der Oper, die während der napoleonischen Kriege spielt; genau während und nach der hin- und her wogenden Schlacht bei Marengo im Piemont zwischen Frankreich und Österreich am 14. Juni 1800 und dem folgenden Tag.

Das Melodram zeigt die Liebesgeschichte zwischen der Gesangsdiva Floria Tosca und dem Kirchenmaler Mario Caravadossi, und die Intrigen des eifersüchtigen Polizeichefs Baron Scarpia auf dem Hintergrund der rivalisierenden Parteien. Es endet genregerecht mit Verrat und Tod.

Tosca ist eine Oper für grosse Diven. Maria Callas hat diese Rolle oft gesungen und feierte darin noch 1964 im Royal Opera House Covent Garden unter der Regie des für seine Opulenz berühmten Franco Zeffirelli einen rauschenden Erfolg. Die Tosca Aufnahme von 1953 mit ihr, Giuseppe di Stefano und dem Chor und Orchester der Scala gehört zu den ‚Aufnahmen des Jahrhunderts'.

Die lettische Sopranistin Kristine Opolais, in ihrem Rollendebut in Baden Baden , ist vielleicht auf dem Weg dazu. Sie ist eine wirklich schöne Frau mit einem flächig fotogenen Gesicht und der Figur eines Mannequins. Eine Erscheinung wie sie von heutigen Opernregisseuren immer mehr gefordert wird.

Ihre Stimme ist kräftig und in kurzen Momenten rau emotional, was dann dunkel an die Momente des Gesangs der Callas erinnert, in denen die kommunizierten Emotionen den Zuhörern das Herz zusammenkrampfte und die Nackenhäärchen aufstellte.

Doch soweit ist Opolais noch nicht. Zwischen den emotionalen Spitzen lagen flach gesungene, wenig modulierte Momente, die unbeteiligt liessen. Die Kommunikation des Charakters in differenzierter Form bleibt noch eine Aufgabe.

Cavaradossi, ihren Liebhaber, gestaltet Marcelo Alvarez als netten Kerl, freundlich und liebevoll zu Tosca, auch wenn sie mit ihren Eifersuchtsszenen nervt. Und zudem bedingungslos hilfsbereit wenn ein Flüchtiger seines Beistandes bedarf.

Als unterschwelligen Revolutionär spürt man ihn nicht und begreift ihn mehr als situatives Opfer der Umstände oder Racheopfer des teuflischen Polizeichefs. Alvarez streichelt mit seiner warmen Stimme und strahlt anfangs vor Lebensfreude und Bonhommie.

Später meistert er musikalisch auch überzeugend die dramatischen Szenen während der Folter und vor dem Erschiessen. Der erfahrene argentinische Tenor füllt sowohl als Figur wie als Sänger seine Rolle voll aus.

Harmlos, hingegen, bleibt Polizeichef Scarpia als Essenz des Bösen, dessen Charakter und Taten die Handlung der Oper bestimmen. Vom russischen Bassbariton Evgeny Nikitin gegeben wirkt er hier persönlich wenig bedrohlich. Eigentlich ist er als Mann wie als Regent ziemlich blass. Nur seine fiesen Schergen und der inszenierte allüberwachende Polizeistaat sind beängstigend.

Der allzeit präsente Polizeistaat wird in Momenten zwar fast physisch spürbar. Doch sonst ist die Inszenierung verwirrend. Schon beim Bühnenbild.

Die Handlungsorte der Oper sind: Der Innenraum der Kirche Sant′Andrea della Valle , das Büro Scarpias im Palazzo Farnese und die Plattform der Engelsburg in Rom

Der Vorhang öffnet sich zum vertrauten Innenraum einer alten Kirche. Nur einige Accessoires wie ein Notebook und ein Galgen mit Scheinwerfern irritieren, wenn man sie bemerkt. Dies springt im nächsten Akt zur gigantischen Videowand voll Bildern von Überwachungskameras im hochmodernen Büro Scarpias. Ein gewollter Kulturschock?

Auch der vertraute und erwartete Todessprung ‚Toscas' von der Engelsburg findet nicht statt. Schon deshalb, weil es diese in der vorliegenden Inszenierung nicht gibt. Der 3. Akt: Im Gefängnis, und auf der Engelburg statt findend, sah sich hier auf den dunklen Boden des Festspielhauses reduziert. Darum musste ‚Tosca' auch eine andere Todesweise wählen: Sie ersticht sich.

Auch sonst wird man von der Regie überrascht: ‚Tosca' eilt immer wieder von rechts nach links und links nach rechts über die Bühne, wild fuchtelnd. Offenbar ihre Gefühlslagen ausdrückend. Doch wirkt ihre Aufregung oder Verzweiflung so eher komisch. Auch ist sie stets, ob im Hosenanzug oder Kleid, in leuchtendes Rot gekleidet. Eine ‚Scarlett Woman', im früheren England die Farbe der Ehebrecherin, ist sie ja nicht. Geht es also nur darum ihr Aufmerksamkeit zu verschaffen ?

Am Bedauerlichsten ist aber eine scheinbare Absenz der interpersonellen Regie. Wenn man sich an die subtilen, doch äusserst differenzierten Operninszenierungen Luc Bondys erinnert, wo man gespannt der doch bekannten Handlung folgte, so hat man hier den Eindruck, die Sänger sind damit allein gelassen worden und improvisieren oft unglücklich aus der Situation heraus.

Da schliesst man am Besten die Augen.

Und dies erwies sich als Erleuchtung. Die Berliner Philharmoniker, deren Klang oft wegen ihrer Verpflichtung zur Präzision als ‚kalt' empfunden wird, zeigten sich hier unter der Leitung von Simon Rattle als kundige Eruierer menschlicher Emotionen ohne ans typisch italienische Melodram anzuknüpfen.

Übertreibungen sind ihre Sache nicht; doch transparente Interpretationen diverser Charakteristiken und Handlungssträngen schon. Man verstand die diversen Schichten der Oper quasi blind. Die Berliner Philharmoniker sind mit Recht die eigentlichen Stars der Festspiele.

Gibt man dazu noch die durchwegs hochkarätige Gesangsbesetzung, wie auch den grossartigen Peter Rose in einer Nebenrolle, dem Wiener Philharmonia Chor und dem Cantus Juvenum Karlsruhe, so bleibt eine denkwürdige Aufführung.

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