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Über die moderne Kunst von John Waters

02/09/2015 16:08 CEST | Aktualisiert 02/09/2016 11:12 CEST

Eines Sommerabends im Jahre 1974 lag ich im WC-Verschlag des Kinos Commercio in Zürich auf den Knien vor der Kloschüssel und übergab mich heftig. Gerade hatte ich einen Teil des Underground-Filmes "Pink Flamingos" von John Waters gesehen, der meine Eingeweide in Aufruhr gebracht hatte.

Programmiert worden war dieser von This Brunner, als "Kinopapst" jahrzehntelang für das Angebot spannender, hochkarätiger und auch überraschender Filme in Zürich verantwortlich. Er hat nun seine Kunstsammlung von John Waters Werken, die wohl umfassendste, die es gibt, dem Kunsthaus Zürich vermacht.

Sie zeigt anhand von Skulpturen, Photographien, Collagen, Kunstwerken, Videos und Filmen, die stetige Wandlung dieses vormaligen Underground-Filmers ("Pink Flamingos" ist in Zürich immer noch verboten), zum Breitband Kultfilmer (Hairspray), Künstler, Schauspieler, und beißend ironischen Essayisten. Waters wird auch als feinsinniger Ästhet und Stilikone verehrt.

2015-08-31-1441034270-7408437-Waters_ReconstructedLassie.jpg Reconstructed Lassie

This Brunner empfängt in seiner Wohnung nahe der Universität Zürich, um über seine Faszination mit John Waters zu sprechen. In einem Interieur, für die jedes einzelne Objekt sorgfältig ausgewählt wurde und seine Geschichte hat.

Meinen Ausführungen zu ‚Pink Flamingos' begegnet er mit distanziert ablehnendem Blick, dem höchsten einer persönlichen Kritik, die sich dieser feinsinnige Gentleman wohl erlaubt. Er ist zu oft an die Provokationen dieses Films erinnert worden. Doch auf seinen Freund John Waters angesprochen wird er lebhaft.

HP: Welchen Stellenwert hat der Künstler John Waters für Sie?

TB: Er ist für mich einer der spannendsten Künstler der Gegenwart. In meiner Jugend war ich sehr beeinflusst von Andy Warhol, der mich extrem geprägt hat, wie auch Cy Twombly und Eric Fischl. Aber John Waters ist und bleibt mein „heroe".

Das Aussergewöhnliche an John Waters ist seine unverwechselbare Eigenständigkeit. Seine ersten Filme wie "Pink Flamingo", "Female Trouble" hatten solchen „shock value", wie sie die Film- und Kunstwelt wahrlich noch nie gesehen hat. Von Fellini bis Warhol sind alle flach gelegen und haben Johns Filme zutiefst verehrt.

Harry Szemann zeigte "Pink Flamingo" an seiner Dokumenta in Kassel. Das war der eigentliche Startschuss von Johns einzigartiger Karriere. Das erst später entstandene künstlerische Werk war von Anfang an kaum auf "shock value" aus. Weshalb? "Shock value" wurde in der Zwischenzeit längst vom Mainstream vereinnahmt. Waters beobachtete zusätzlich richtig: „the golden days of trash has long been over, because irony ruined it!"

Ich kenne niemanden der ein solch profundes Interesse an Contemporary Art zeigt wie John. Er sieht sich die obskursten Ausstellungen an, merkt sich Namen von jungen Künstlern, die noch niemand kennt und sammelt selbst äusserst gezielt und klug. Zudem war er viele Jahre lang Board Member der Andy Warhol Foundation.

Was macht ihn denn einzigartig in ihren Augen?

Eben, dass er sich immer wieder neu erfindet und dass er von der anfänglichen "shock value", die ohnehin nicht mehr zu toppen war, weggekommen ist. Waters hat längst unzählige Wandlungen durchgemacht und ist vom "Pope of Trash" jetzt zum „Pervert of the Hearts" geworden.

Ich finde dies eine fantastisch liebenswürdige Bezeichnung für einen Aussenseiter, der mit Ironie und Neugier durchs Leben geht und die Welt immer aus einer Ecke sieht, die auf den ersten Blick nicht ganz nachvollziehbar ist. Auf den zweiten Blick aber klar macht: Weshalb ist nicht schon früher jemand auf diesen Gedankengang gestoßen?

Was bezweckt Waters denn mit seiner Kunst? Was will er zeigen?

Er will auch unterhalten. John ist nicht zuletzt ein grossartiger Entertainer. Nicht alles ist politisch, gesellschaftlich oder kulturpolitisch zielgerichtet bei ihm. Auch wenn man jedes Werk von ihm so deuten kann. John kann auch amüsieren, selbst wenn dies auf Grund eines tragischen Ereignisses passiert, wie zum Beispiel bei der neuesten Installation in der Ausstellung "Tragedy", die mit der blonden Perücke von Jayne Mansfield mit der schwarzen Schleife.

Das bezieht sich auf den Tod von Jane Mansfield, die bei einem Unfall umgekommen ist, über dessen Ausgang es drei Versionen gibt:

1. Sie ist geköpft worden.

2. Es wurde ihr „nur" der oberste Teil des Kopfes abgetrennt.

3. Es ist ihr nur die Perücke weggeflogen.

John jongliert mit diesen 3 Möglichkeiten. Eine „Tragedy" ist es aber auf jeden Fall. Deshalb hat er auch die Perücke, statt mit Janes üblicher rosa Schleife mit einer schwarzen Schleife geschmückt. Das die Ironie.

Hat Waters denn neben dem Entertainer noch andere Seiten?

Dazu möchte ich ein anderes Beispiel zitieren, nämlich eines der ersten Kunstwerke, das er gemacht hat: Zum Film - nach Jean Genets Roman - "Mademoiselle" von Tony Richardson kreierte er eine Bildfolge von 18 Fotos. Stills, die er aus dem Film kopiert hat. Die einzelnen Fotos sind unglaublich poetisch; präzis und schön ausgewählt. Er hat sie vom Fernseher fotografiert.

Doch das, was die Arbeit wirklich ausmacht, sind die Untertitel, die er auf Englisch daraufgenommen hat (der Film ist ja original auf französisch gedreht). Das ist so erotisierend, denn da heisst es zum Beispielt „Look", "Touch It" und man sieht eine Gürtelschnalle und einen Bauchnabel. Ein anderer Titel: "You disgust me", „You dirty whore"...

Und das Ganze nennt er schließlich "When Subtitels Equal Sex". Einfach genial, wie der dem Ganzen mit nur vier Worten damit einen Twist gibt. Es ist gescheit, sexy, hoch ästhetisch, geheimnisvoll, aber auch subversiv. Vielleicht auch Angst einflössend, wenn man den attraktiven Bauarbeiter mit der Kettensäge im Wald sieht.

Was ist denn dies für Sie? Eine Gesellschaftskritik?

Eine raffinierte Reduktion und Interpretation eines Filmes reduziert auf 18 Bilder.

Was macht diesen Künstler sonst wichtig?

Gehen wir von seiner Kampagne "Have Sex in A Voting Booth" aus. Ein uninformierter Kritiker schrieb über John Waters, er hätte "shock value" in seiner Jugend gehabt, doch jetzt sei er zahm und ohne Wirkung geworden.

Aber Johns Werk demonstriert das Gegenteil: Die Modemarke "GAP" bestellte bei Waters eine Kampagne, die junge Leute zum Abstimmen motivieren soll. Er entwarf das geniale Sujet. "GAP" hat in Amerika alle ihre Schaufenster damit ausgerüstet.

Am nächsten Tag musste alles wieder raus, weil "GAP" mit Bombendrohungen überhäuft wurde. Und als Protest zu dieser Aktion gestaltete John diesen Protestknopf. Es wäre wirklich gut, Kritiker würden genau hinschauen, bevor sie schreiben!

Meinte er denn "Have Sex in A Voting Booth" als Aufforderung statt abzustimmen?

Nein, nein, natürlich nicht „statt", aber weshalb nicht beides? Vielleicht bringt dies die Kids an die Urne! Das war ja der Auftrag! Deshalb seine Idee "Let's sex it up!"

Ist Waters vorwiegend Cineast, Performancekünstler... ?

Er kam ganz früh bereits vom Kasperli-Theater her, und wurde dann primär nicht nur Cineast, sondern das Paradebeispiel eines Autorenfilmers. Das heißt jemand, der sich eben nicht nur mit der Regie zufrieden gibt, sondern auch seine Skripts selber schreibt und oft die Filme auch selbst produzierte.

Und der Schritt vom Schreiber, Regisseur zum Performancekünstler ist in seinem Falle wirklich naheliegend. John hat unglaublich spannende Issues der vielfältigsten Sorte und die teilt er gerne mit seinem Publikum. Sei es auf der Bühne oder auf der Leinwand.

Hat er denn eine Message, eine Botschaft, die er heraustragen will?

Die ist immer wieder anders, sonst wäre er ja nicht Künstler. Picasso ist in seiner blauen Periode ja auch nicht stecken geblieben!

Und im Generellen. Etwas, das allem zugrunde liegt?

Seine wichtigste Message ist vielleicht, dass wir alles immer wieder neu sehen sollte. Wir wissen ja seit 70 Jahren: Eine Pfeife ist nicht nur eine Pfeife! Auch wenn uns zuerst nichts anderes in den Sinn kommt. Und dann ist es natürlich seine einzigartige Ironie, sein sarkastischer Blick und dass er wirklich vor nichts zurückschreckt.

Dann ist es auch eine schöne Eigenart von John Waters dass er sich immer wieder auf seine "blue collar"-Heimatstadt Baltimore bezieht. „Only in Baltimore, they can be that stupid to advertise an art school with: „study art for profit or hobby!" Also macht er ein Werk "Study Art for All The Wrong Reasons!"

Immerhin ist das Baltimore Museum - und natürlich nicht nur dieses Museum! - klug genug, um sein Werk intensiv zu sammeln.

Was fasziniert Sie persönlich an ihm als Künstler und als Mensch?

Seine Vielfältigkeit, dass er ein ebenso hervorragender Filmer, wie Schreiber, wie Performer, wie vor allem auch Künstler ist. Und eben durch und durch originell: von seinem Äußeren, dem perfekten Pencil-Moustache, über seine verrückten Outfits, seiner Selbstironie bis zu seiner unglaublichen Belesenheit - von höchster Literatur und sei sie auch noch so schwierig! Und dann eben auch sein riesiges Wissen über Contemporary Art. Er weiß weit mehr als zahlreiche bekannten Kuratoren.

Während dieser Ausstellungszeit gibt Waters auch eine Performance. Weshalb sollte man sie sich unbedingt anschauen?

"This Filthy World'. Das ist sein Hauptakt. Doch er sieht es ganz ironisch, wenn er Dinge sagt wie: „Wer heute wirklich Pornografie auf höchstem Niveau geniessen wolle, der müsse sich nur die Auktionskataloge von Christie's und Sotheby's anschauen." Denn - wie Kunstsammler es ja wissen - die zeitgenössische Kunst ist voll von Geschlechtsakten. Um Gottes Willen zu Hause keine Kataloge rumliegen lassen. Weder für die Maids noch für die Kids!

Sie beschäftigen sich ja schon seit Jahrzenten mit moderner Kunst. Auch durch ihre Freundschaft mit dem Kunsthändler Thomas Ammann. Wie nähert man sich ihr denn am Besten?

Wie bei allem: indem man sich wirklich mit moderner Kunst auseinandersetzt. Eine Passion entwickelt und dreimal hinguckt und dreimal darüber nachdenkt, was man sieht. Und indem man Kunst eben auch nicht nur isoliert betrachtet, sondern auch all die Schnittstellen zur

Gesellschaft, Science, Politik, Film, Literatur, Musik, Technik etc. herstellt.

Ohne Marcel Duchamps gäbe es auch keinen John Waters. Duchamps Technik des Object Trouvé, die sogar einen Gläserständer oder ein Urinbecken zum Kunstwerk werden lässt, entwickelt John für sein Werk noch weiter. So wird bei ihm zum Beispiel die Perücke von Jayne Mansfield, nach ihrem tödlichen Autounfall zur Installation.

Schaut Waters denn die Dinge so unbelastet an wie ein Kind?

Ja sicher, aber wie ein hochbegabtes Kind. Als Jugendlicher hat er nichts lieber gemacht als Kasperletheater zu spielen für die Nachbarskinder. Gegen Geld natürlich. Und sein Ziel war es, ihnen fürchterlich Angst einzujagen.

Wie kann man denn das Publikum an zeitgenössische Kunst und John Waters heranführen?

Indem man das geniale Werk von John Waters ernst nimmt: "Contemporary Art Hates You". Jedes Wort in einem anderen agressiven Schriftbild geschrieben, wie mit scharfen Fingernägeln in eine Schiefertafel oder den Sand eingegraben oder ins Gesicht gekratzt.

Er meint damit, wenn etwas wirklich neu ist, gibt es immer Reibungsflächen, die weh tun. Doch Waters geht noch weiter. Das Bild hat als Titel: „And Your Family, Too!" Das ist so typisch, denn die Familie hasst einen, weil man zeitgenössische Kunst kauft. Sie versteht natürlich nichts davon und denkt: Oh mein Gott, jetzt hat dieser Idiot für diesen Mist wieder eine halbe Million ausgegeben.

Statt für eine Jacht...

Genau. Doch 20 Jahre später könnte es auch fünf Millionen wert sein. Only time will tell!

Ist die Hoffnung auf dies auch der Grund, warum moderne Kunst so hoch im Kurs steht?

Das spielt bestimmt mit. Einerseits fließt immer noch wahnsinnig viel in den Kunstmarkt. Kunst hat sich als Investition sehr bewährt. Ist weniger den Schwankungen unterlegen als die Börse. Und wenn man gescheit und raffiniert Kunst sammelt, dann kann man relativ schnell mit wenig Geld eine gute Sammlung zusammenstellen, die wirklich Sinn macht und man hat etwas, das einen täglich freut. Etwas, das man kapiert, man dazulernt, das einem das Leben bereichert, so dass man auch seine Umgebung neu sieht.

Ich habe durch Film und Kunst einen ganz anderen Blickwinkel, eigentlich tausende verschiedene „Einstellungen" auf die Welt bekommen. Sie haben mein Bewusstsein erweitert. Besser als Alkohol und Drogen! Eltern, bringt dies euren Kids bei, dann habt ihr schon viel gut gemacht!

Videos, Filme, Skulpturen und "Director's Cuts" von John Waters im Kunsthaus Zürich. Die Ausstellung in Zürich dauert noch bis zum 1. November 2015. Die 90 minütige Performance "This Filthy World" findet am 23. September im Auditorium des Kunsthauses statt.

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