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Getanzte Innerlichkeit: MacMillans Herzensballette in Stuttgart

02/04/2015 11:01 CEST | Aktualisiert 02/06/2015 11:12 CEST

Das Stuttgarter Ballett nimmt MacMillans Herzensballette wieder auf.

Romantischerweise starb der Tänzer und Choreograph Kenneth MacMillan in den Kulissen des Royal Opera House in London während der Aufführung von ‚Mayerling'. Sein Tod wurde am Schluss bekanntgegeben und das Publikum stand auf, beugte die Häupter und verließ das Theater in Stille.

Am gleichen Abend zeigte die ‚Junior Company' MacMillans ‚Romeo and Juliet' in Birmingham und sechs Wochen später hatte seine Neuproduktion ‚Carousel' im Lyttelton Theater Premiere. Der aus einer armen schottischen Familie stammende MacMillan war nicht nur ein Schwerarbeiter; er war für viele auch der führende Choreograph seiner Generation.

Von 1970 bis 1977 war er der Direktor des Royal Ballet, danach noch bis 1992 dessen führender Choreograph. Zum Schöpfer von Balletten war der ausgebildete und begabte Tänzer aus Not geworden: Sein überwältigendes Lampenfieber vor und während jedes Auftritts behinderte ihn so sehr, dass er schliesslich dem Rat seines Freundes John Cranko folgte und sich ganz der Choreographie verschrieb.

MacMillan und Cranko kannten sich seit Teenagertagen als sie beide gegen Ende des zweiten Weltkriegs als Eleven an der Sadler's Wells Ballettschule in London studierten. MacMillans Vorbild war damals der leichtfüssige Fred Astaire und wie dieser versuchte er sich im Stepptanz bevor er mit 16 Jahren ein Stipendium für die Ballettschule bekam.

Als John Cranko 1961 Ballettdirektor in Stuttgart führte er immer wieder Ballette von MacMillan auf. Dieser schrieb sechs Stücke speziell für Stuttgart. So auch die schwierigen, der Innerlichkeit verpflichteten, die dem Schotten besonders am Herzen lagen, jedoch auf abweisende Kritik trafen.

Sein Plan Gustav Mahlers ‚Lied der Erde' zu choreographieren traf bei der Direktion des Londoner Covent Garden Theaters auf Ablehnung. Mahler, und im Besonderen Mahler's auch noch gesungene Musik, fand man für eine Ballettmusik als vollkommen ungeeignet.

John Cranko, hingegen verstand MacMillans Faszination und lud ihn ein das Ballett für seine Stuttgarter Kompanie zu schaffen. Dort wurde es 1965 zum grossen Erfolg und dann schon nach sechs Monaten auch vom Royal Ballet aufgenommen.

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Ähnlich erging es Kenneth MacMillan bei seiner Hommage an seinen engen Freund John Cranko. Als er drei Jahre nach dessen Tod für ihn auf die Musik von Fauré's Requiem ein Stück choreographierte, wollte man es in London nicht haben. In Stuttgart wurde dieser Tribut an seinen ehemaligen Ballettdirektor, dem diese Compagnie ihren Ruf und die Qualität verdankte, ein Triumph und wurde danach weltweit aufgeführt. In London debütierte dieses Werk erst zehn Jahre später.

Reis Anderson, heutiger Intendant des Stuttgarter Balletts, der in beiden Stücken getanzt hat, zur Arbeit mit Kenneth MacMillan: „Er war...ein Gentleman. Er sprach in der Regel sehr leise und war äusserst präzise. Er wusste und sagte genau, wie er was haben wollte. Sein Stil ist klar und pur, genau deshalb forderte er die Tänzer gerade auch über den Ausdruck. Man kann von Kenneth lernen, dass weniger mehr ist, dass Ruhe und einfache Posen ganz grosse Kunst sein können."

In Stuttgarter Opernhaus sind diese Ballette nun in der ‚Hommage à MacMillan' wieder zu sehen. In bestechender Einfachheit und grossem Stil inszeniert. Beim ersten, dem ‚Lied der Erde' kann man die Bedenken des Direktoriums von Covent Garden teilweise nachvollziehen: Dort war die Stimme der Sängerin so leise, ihre Artikulation so unverständlich, dass das Bemühen die Worte des gehaltvollen Texte zu verstehen sehr von der Rezeption des Tanzes ablenkte.

Im Bemühen, die diversen gleichzeitigen Eindrücke aufzunehmen und zu verarbeiten fühlte man sich oft überfordert. Die grossen Linien der Choreographie, die intensiv getanzte scheinbare Einfachheit, konnten so kaum die Wirkung beim Betrachter entfalten.

Anders beim ‚Requiem'. Hier vereinte sich Alles zu einem grossen Ganzen. Musik, Tanz und Text verschmolzen zu einer Einheit, die das Publikum wie in höhere Sphären transportierte. Die Choreographie schien hier flüssiger, variantenreicher, ausgereifter, auf einem Höhepunkt zu sein.

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Die seelische Entwicklung, die MacMillan machen musste um drei Jahre nach des Freundes Tod schliesslich seinen Nachruf zu schaffen, ist hier spürbar. Die Verinnerlichung teilt sich mit.

Es ist unmöglich nach diesem Stück zu sprechen, oder gar zu plaudern. Man weilt ganz in sich drin.

In einer Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts wird Kenneth MacMillan der ‚Kleinmeister der neuen Klassik genannt'. Doch wenn es um die Übermittlung seelischer Empfindungen geht ist er ein Grossmeister.

Die Aufführungsdaten sind der 3./5./10./ und 18. April 2015


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