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Komplexe Welten: Andreas Gurskys Weltsichten

27/10/2015 15:49 CET | Aktualisiert 27/10/2016 11:12 CEST

Sogar der ‚Bild'-Zeitung war am Vorabend des Jubiläums der Deutschen Einheit die Ankündigung von Andreas Gurskys neuester Ausstellung im Burda- Museum in Baden Baden eine Doppelseite wert; und zwar die prominenten Seiten 2 und 3. Sein Werk ‚Rückblick' der vier Kanzler nebeneinander; Merkel, Schmidt, Kohl und Schröder ein überdimensionales abstraktes Bild betrachtend.

Nur der oberste Teil ihrer Schultern und ihre Hinterköpfe sind zu sehen, und doch sind sie klar erkenntlich. Ihr Zusammensein scheint schon durch das zeitliche Zusammenspiel hochpolitisch. ‚Ein Treffen dass so nicht stattgefunden hat, jedoch hätte sein können', sagte Gursky dazu.

Und schon kommen die eigenen Gedanken darüber, was wir vom Wirken dieser Kanzler wissen; von ihren Interaktionen und Konfrontationen ? Vor, während und nach der deutschen Einheit.

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Andreas Gursky, Rückblick, 2015

© Andreas Gursky -VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Courtesy Sprüth Magers

Gurskys Bilder brauchen Platz. Nicht nur weil sie so gross sind. (Das ‚Kanzlerbild zum Beispiel misst 2 Meter fünfzig in der Höhe und fast 5 Meter in der Breite. ) Sie müssen auch atmen können, denn sie sind inhaltlich so dicht, dass die ihnen innewohnenden Implikationen, die Assoziationen und Gedanken, die sie im Kopf des Betrachters feuerwerksartig explodierend erzeugen, die Bildrahmen mühelos sprengen.

Im Haus der Kunst in München konnten sie wirken, im Basler Kunstmuseum mit den nicht überhohen Räumen wirkten sie wie eingesperrt , zusammengestaucht, Riesen im Korsett. Man litt mit ihnen. In den offenen Räumen des lichtdurchfluteten Baus des Burdamuseums, gestaltet vom amerikanischen Architekten Richard Meier, der auch das Getty Center in Los Angeles gebaut hat, fühlen sie sich offensichtlich wohl. Sie haben ihren Raum zur Ausstrahlung.

Ihr Schöpfer, Andreas Gursky, 1955 in Leipzig geboren, ab 1985 Meisterschüler von Bernd Becher an der Kunstakademie Düsseldorf ,ist bekannt für seine extremen Grossformate, die dichte und minutiose digitale Bildbearbeitung, eine Farbphotographie, bei der die Farben nicht im Vordergrund stehen, sondern häufig verhalten sind, und höchste technische Präzision.

Seine Themen sind die vielschichtigen Dimensionen der modernen Lebenswelten und ihre Ausprägungen. Er zeigt die globale Wirklichkeit wie sie ihm auf seinen ausgedehnten Reisen begegnet. Ihre vielfältige Vernetzung wird durch seine digitalen Manipulationen, die oft mit Wiederholungen spielen, für den Betrachter nicht nur sichtbar sondern quasi physisch spürbar.

Von seinen Lehrern, den vielfach ausgezeichneten Bernd und Hilda Becher, - Hilda Becher starb letzte Woche 81-jährig-,hat Gursky mehr als die sachlich strenge Form übernommen. Auch Ihnen ging es um eine Auseinandersetzung mit Wirklichkeit.

Doch den Bechers ging es um eine scheinbar kommentarlose Bestandsaufnahme von Industriedenkmälern in schwarz weiss. Die Zechen des Ruhrgebiets, ihre Fördertürme, Kühltürme, Silos, Arbeitersiedlungen und Verarbeitungsanlagen, wurden in ihren Aufnahmen zu Skulpturen und Zeugen einer vergangenen Kultur.

Ihre Bilder sind streng konzipiert und zeigen die Objekte in immer gleichen Ausschnitten betont sachlich aufgenommen, in diffusem Licht, so fahl, dass keine Schatten die angestrebte Objektivität verfälschten. Das Centre Pompidou in Paris ‚tapezierte' zur Preisverleihung an sie vor Jahren ganze Säle mit ihren Signaturaufnahmen.

Man fühlte sich mit diesen scheinbar immer gleichen Aufnahmen in die Welt dieser Industriebauten virtuell versetzt. Die Bechers betrieben damit eine vorausschauende Art der Archäologie: Sie entwickelten mit diesen Bauten Typologien vergangener Sozial- und Arbeitsstrukturen, enthüllten ihre einzigartige Ästhetik, und würdigten mit ihrer Arbeit das, wofür sie standen. Sie machten sie damit zum Bestandteil des Weltkulturerbes.

Vieles wurde trotzdem zerstört, hat aber dank der Becherschen Aufnahmen eine wenigstens bildliche Rettung erhalten.

Um eine Bestandsaufnahme geht es Andreas Gursky auch. Doch spielt er mit der scheinbaren Objektivität die Photographie lange definierte um seine persönliche, kritische Marke zu setzen. Formal betont, sachlich konzipiert, streng im Aufbau wirken die Gurskys Bilder auch. Ihre immanent ersichtliche Form vermittelt einen Wirklichkeitsanspruch.

Und doch ist durch die auf den zweiten Blick ersichtliche eingehende Bildbearbeitung mehr als ein Kommentar da. Diese offensichtlichen Montagen sind eine Inszenierung der Wirklichkeit. Die Werke zeigen Schein nicht Sein.

Gursky: ‚Wirklichkeit ist überhaupt nur darzustellen indem man sie konstruiert.'

Die Wirklichkeit ist zu komplex um zweidimensional abgebildet zu werden. Die Bilder enthalten eine Fülle von Realitäten, die sich dem Betrachter nach und nach entfalten. Sie, ihre Vernetzungen und Interaktionen, können also nur in einem ähnlich komplexen Entstehungsprozess und vielschichtigen Konstruktionen künstlich eingefangen werden.

Das unbestreitbare ästhetisches Vergnügen diese Bilder zu betrachten wirkt wie ein verräterischer Honigtopf, der zum Näherkommen verführt. Auf Abstand wirken die Bilder wie Runen und erwecken die Lust zur Entdeckung in der Nähe, in der Intimität. Die technische Perfektion der Werke, ihre Klarheit, ihr strukturierter Aufbau bieten auch dort Auge und Geist Befriedigung.

Doch bleibt bei allem Vergnügen ein latentes Unbehagen, dessen Ursprung man sich kaum erklären kann. Nicht negativ, doch aufwühlend und in dem Sinne auch inspirierend. Man wird aus der konsumierenden Betrachtung aufgeschreckt.

Der ruhige Genuss ist plötzlich nicht mehr möglich. Bilder, Assoziationen steigen auf, Gedanken kommen. Vernetzungen finden statt mit Gehörtem, Gesehenem und ureigenen Themen, denen man sich nicht immer gerne stellt. Das Unbehagen kann sich damit extrem verstärken. Die Teilnahme des Betrachters wird sehr intensiv.

Was genau an den Bildern Gurskys löst diesen Prozess aus ? Ist es die Dichte der Bilder ? Die Vielzahl der darin enthaltenen Informationen? Ihre Komplexität ? Sie wirken wie ein Sack aus dem immer neue Dinge herauskommen.

Die Dose der Pandora. Und will man sich diesem nicht aussetzen so hilft ein Abwenden wenig. Die Geister haben einen schon beim Schlafittchen, eigentlich tiefer, am Solarplexus und Bauchmuskel, maltraitieren diese und lassen nicht mehr los. Ist Gursky ein Gehilfe des Zauberlehrlings ? Vielleicht unbewusst. Die Komplexität der modernen Welt wie er sie abbildet hat ja nicht nur positive Elemente.

Er rief die Geister nicht, das wäre zu distanziert gedacht. Seines ist wohl ein symbiotisches Verhältnis mit seinen Werken. Etwas in ihm scheint mit ihnen verbunden und ihnen in seinen Bildern eine Spielwiese zu bieten. Die sie nutzen. Wir, nicht er, werden die Implikationen nach der Betrachtung der Werke nicht mehr los

Denn diese Montagen mit den endlosen Wiederholungen sind auch Spinnennetze in denen man sich verfängt. Ungeschoren kommt man nicht davon. Man infiziert sich mit den in ihnen enthaltenen Fragen und Prozessen. Einige zünden eigene innere Baustellen und Krisenherde. Es wird zum Hexentanz. Der Wandel vom distanziert interessierten Betrachter einer scheinbar kühlen, ästhetisch hochwertigen, technisch perfekten Photographie zum hochemotional involvierten Mitdenker vollzieht sich in Minuten.

Das Bild Nha Trang zeigt unzählige vietnamesische Arbeiterinnen beim Flechten von Korbwaren. Beim genauen Betrachten schwirren einem die Sinne. Sollten diese unzähligen fleissigen Wesen an Bienen erinnern. Oder dies der Bau nicht ganz freiwilliger Ameisen sein ?

Problematische Produktionsbedingungen, unangenehme soziale Wahrheiten tauchen im Bewusstsein auf.

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Andreas Gursky, Nha Trang, 2004

© Andreas Gursky - VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Courtesy Sprüth Magers

Gursky: ‚Meine Bilder sind immer von zwei Seiten komponiert. Sie sind aus extremer Nahsicht bis ins kleinste Detail lesbar. Aus der Distanz werden sie zu Megazeichen.'

Wie die Machtdemontration ‚Pyongyang I', Rosetten, Muster, gebildet durch Menschenleiber, die hier wie Mosaiksteine eingesetzt werden. Die Starrheit des riesigen Musters, das die Menschen ihrer Individualität und Eigenständlichkeit beraubt zeigt, lässt das Wesen des Regimes erfahren. Es erinnert an Bilder die Aufmärsche der NS Vertreter zelebrierenden Filmen Leni Riefenstahls, ist aber in der formalen Funktionalität der menschlichen Musterpartikel und damit eigentlichen Entmenschlichung viel weiter geführt.

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Andreas Gursky, Pyongyang I, 2007

© Andreas Gursky / VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Courtesy Sprüth Magers

Gursky ist mit seiner Technik der Bildbearbeitung Wundersames gelungen.

Und doch bedauert er manchmal, dass ‚man mit der Bildbearbeitung im Kopf andere Bilder schiesst' und die ‚direkte Photographie' , die ihre Aussage im unbehandelten Bild hat, fast verlernt.

Henri Cartier -Bressons Diktum des ‚desisive moments', des einzig richtigen Moments, den man treffen muss um das wirklich aussagekräftige Bild zu machen, ist seiner heutigen Arbeitsweise diametral entgegen gesetzt. Und doch scheint da bei Andreas Gursky ein Bedauern aufzuscheinen.

Es gibt wieder Photos von ihm, die er nicht nachbearbeitet hat und er scheint sich dieser Arbeitsweise wieder vermehrt widmen zu wollen.

Wir warten gespannt. Denn was immer Andreas Gursky schafft wird interessant, schön, und verstörend sein.

Die Ausstellung dauert bis zum 24.Januar 2016.

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