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Hoffmann's Erzählungen als Geschlechterkaleidoskop

02/08/2015 10:44 CEST | Aktualisiert 02/08/2016 11:12 CEST
Bregenzer Festspiele

Offenbachs Oper in Bregenz mitreißend gegeben

Da gibt es einen Herrn, der sich jede neue Inszenierung von Hoffmanns Erzählungen ansieht, dafür überall herumreist ,und manchmal sogar drei Inszenierungen an drei aufeinanderfolgenden Tagen in drei Städten sieht. Was für manchen eine Zumutung wäre ist für ihn ein Bedürfnis, denn ‚Hoffmanns Erzählungen' ist für ihn seine Lebensoper. Warum ?

Auch weil die Geschichte Parallelen zu seiner eigenen Biographie hat. Schliesslich behandelt das Werk ein zentrales menschliches Thema: Wie lieben wir, wen, welche Hindernisse begegnen uns dabei und wie lieben wir uns selbst ?

Die Premiere der Oper an den Bregenzer Festspielen war wieder so eine Gelegenheit diese Thematik neu zu überdenken. Sein 83. Besuch dieses Werkes, das im Sinne des ‚Bildungsromans' ja die Entwicklung eines Charakters beschreibt; hier Hoffmanns Weg zum Erlernen der Liebe und damit zum Quell seiner künstlerischen Schaffenskraft. Jules Barbier und Michel Carré verfassten auf E.T.A. Hoffmanns Wunsch hin das Libretto, in dem Hoffmann selbst der Held seiner eigenen Erzählungen ist. Der in Köln (Offenbach) geborenen Wahlparisers Jakob Eberst , dann Jacques Offenbach, schrieb dazu die Musik.

Dieser komponierte zuerst Musik für Bühnenstücke und galt danach als Erfinder der modernen Operette. Seine Oper ‚Hoffmanns Erzählungen' hatte allerdings diverse Geburtsschwierigkeiten und brauchte insgesamt fünf Entstehungsphasen. Sie wurden schliesslich 1881 an der Opéra Comique in Paris uraufgeführt.

Offenbachs Operetten werden in Paris noch immer vor ausverkauften Häusern gespielt, so zum Beispiel am Theatre du Châtelet, und immer in aufwendigen Produktionen. Auch die Bregenzer Inszenierung bot ein sehenswertes Spektakel.

Das Bühnenbild stellt eine der riesigen steil hinaufführenden Treppen dar, die man aus Operetten oder Varietés kennt. Noch heute steigen die langbeinigen, federgeschmückten Tänzerinnen der Follies Bergère oder des Crazy Horse kerzengrade, um ihre Luxuskörper voll zur Geltung zu bringen, langsam an ihnen auf und ab.

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Doch diese Treppe hatte ein Geheimnis: Sie teilt sich in der Mitte und fährt auf beide Seiten langsam aus wie sich die Beine einer begehrenden Frau weiten könnten. Zwischen ihnen, sozusagen à ‚L'origine du monde', das Bild Gustave Courbets ist denn auch ganz konkret bemüht worden, spielt sich ein guter Teil des Geschehens ab. Doch an der Premiere wollte sie sich zuerst nicht öffnen.

Eine verschämt, mädchenhafte Geste der Dekoration ? Auf dieser tummelten sich nämlich Männlein und Weiblein in den gleichen aufwendigen Miedern, schwarzen Strapsen, und Netzstrümpfen, das Haar bedeckt durch fleischfarbene Kappen, die sonst im Theater bei Glatzen oder Kahlköpfen Verwendung finden.

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Erklärend dazu mag folgende Bemerkung des Regisseurs wirken: ‚Traditionell ist die Frau als Nachfolgerin Evas die Sünderin schlechthin- das Andere, Fremde, das zerstörende Element der Schöpfung. Zugleich zieht das ewig Weibliche uns hinan.

Heute, im Zeitalter der Gender Studies und der Transsexualität, verträgt diese sublimierte Form von Schizophrenie eine andere Verarbeitung als im 19. Jahrhundert.' Welche allerdings blieb offen. Auch ob auch diese Form noch brüskieren sollte.

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Denn Stimmung und Form der Inszenierung erinnern an den in der 1930ger Jahren in Berlin spielenden Film Cabaret , den Regisseur Bob Fosse 1972 nach einem jahrelang erfolgreich am Broadway laufenden Musical mit Liza Minnelli, Michael York, und Helmut Griem gedreht hatte.

Auch hier wird eine Endzeitstimmung bemüht, in der mit vielfacettenhafter Sexualität gespielt wird und damit auch mit einer sich immer wieder verschiebender Identitätsfindung. ‚Nicht Homosexualität oder Heterosexualität' interessiere ihn hier,' soll Regisseur Stefan Herheim gesagt haben, sondern eine ‚Ergo-Sexualität', also ein Abtauchen nach und Experimentieren mit den diversen Schichten und Möglichkeiten der eigenen Sexualität. Auch das ist nicht neu.

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Oft kommen bei Herheims Produktion auch Gedanken an Jean Poirets 1973 geschaffenes Theaterstück La Cage aux Folles. und den 1978 danach entstandenen Film auf. Beide Produktionen hatten schon vor 40 Jahren nicht nur niemanden mehr schockiert, sondern waren riesige Publikumserfolge gewesen.

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Neue Einsichten in die Geschlechterthematik oder aber in die ‚Leiden des erwachsenen Hoffmann' brachte diese Inszenierung nicht. Neben diversen amüsanten Regieeinfällen überzeugte vor allem ihre musikalische Interpretation. Die Wiener Symphoniker unter Johannes Debus spielten mitreissend.

Ebenso spielfreudig zeigten sich die Interpreten Daniel Johansson (Hoffmann), Bengt -Ola Morgny (Coppelius, Le docteur Miracle, Spalanzani, Le Capitaine Dappertutto), und die Damen Kerstin Avemo ( Olympia, Giulietta), und Mandy Fredrich (Antonia, Giulietta ). Sie steigerten sich gegenseitig und boten so eine der Aufführungen, die wie unter einer Verzauberung entsteht. Das würdigte das Premierenpublikum mit einer stehenden Ovation.

Fotos: Bregenzer Festspiele

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