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Ein kolossaler Ed Motta am Stimmen Festival Lörrach

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ED MOTTA
D.W.
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Eine Legende in Brasilien, ein Star in den USA, und doch immer noch ein Rohdiamant

Ed Motta ist eine Wucht: nicht nur wegen seiner majestätischen Gestalt,- auch weil der brasilianische Sänger, Songwriter, Multiinstrumentalist und Produzent mit seiner Musik ganze Hallen fast zum Bersten bringt mit einem Publikum, das klatscht, tanzt, singt, rhythmisch die Arme schwenkt und sich auch sonst fast ekstatisch aufführt.

"Es ist eindrücklich", meinte der Basler OFF-Beat Jazz-Veranstalter Urs Blindenbacher als er mich im Mai zu einem Ed Motta Konzert in die riesige Reithalle der Basler Kaserne einlud, "wenn man es überlebt". Das taten wir knapp und schwebten, südamerikanische Rhythmen summend, die Händen voll gekaufter CD's, nach einem kurzen Plausch mit dem Meister nach Hause. Am nächsten Tag sangen wir laut seine Songs mit auf der Autobahn und wiegten uns in deren Takt nach Venedig . Ein purer Ausdruck von Lebensfreude.

Seltsamerweise taten wir damit das Gleiche, das Ed Motta als Kind tat, als er nach den Platten seines Onkels Tim Maia, eines brasilianischen Gesangsstars, nach den Songs von Stevie Wonder sang und tanzte. "Ich sang mit ihm Duett", meinte er. Denn Ed Motta bildete sich musikalisch "by ear" wie er mir im Interview sagte.

Er ist in allem, was er musikalisch darbietet Autodidakt. Das Gespräch fand vor seinem Konzert am Stimmen Festival Lörrach statt,; Eines Anlasses, der sich seit ganz der Stimme als Instrument in diversesten Musikstilen und Epochen widmet. und dessen Konzerte und Workshops gewöhnlich in Kirchen, Klöstern, Konzerthallen, und Freiluftbühnen des Dreilandes Frankreich, Deutschland, Schweiz stattfinden.

Auch die nicht ausgebildete Gesangsstimme ist dabei gefragt wie beim 13. Großanlass "Lörrach singt!" oder im Seminar "Stimmbildung als Therapie".

Ed Motta saß mir in der engen Garderobe des dem Konzertortes nahen Schwimmbades gegenüber; überraschend scheu für einen explosiven Stimmungsmacher seines Formates. Sein rundes, fast ungezeichnetes Gesicht hat etwas Kindliches, dass durch sein direkt zum Herz gehendes wie um Milde werbendes Lächeln noch verstärkt wird.

Die großen, dunklen, weit geöffneten Augen betrachten das Gegenüber aufmerksam, doch scheinbar ohne zu urteilen und füllen sich schnell mit Staunen und dann Lebhaftigkeit wenn ihm eine interessante Neuigkeit präsentiert wird. Motta: "Piazolla studierte Komposition in Paris bei Nadia Boulanger wie auch Pierre Boulez? Ah! Das wusste ich nicht!"

Sein Bariton ist warm und voluminös; umarmend. Doch dies ist nur eine seiner Stimmlagen. Seine Stimme kann aufpeitschend sein , sexy wie die von Lou Rauwls (Motta: "Das war für mich die sexiest Stimme überhaupt!"), impressionistisch lautmalerisch an Darbietungen von Bobby McFerrins erinnernd. Oder funky klingen und voll Soul . Vor allem hat Mottas Stimme eine ungeheure Spannweite. Wie groß?

"Das weiß ich nicht", meint Ed Motta. "Aber ja, ihre Möglichkeiten sind immens."

Wie groß wäre sie erst als ausgebildetes Instrument ?

Singen Sie auch zu Hause ?

Nie. Nicht einmal unter der Dusche. Da hämmere ich Drummsolos an die Wand. Das war schließlich mein Anfang. Zuerst war ich Drummer in einer Rockband. Dann hatte ich einen Gitarren- Harmonielehrer. Aber eigentlich bin ich Autodidakt.

Ed Motta sang und spielte zuerst in der Nachbarschaftsgruppe "Kabbalah" und wurde dann Leadsänger der Gruppe "Conexiao Japer" mit der er in den späten 80ger Jahren in Brasilien zwei große Hits hatte; "Manuel" und Vamos Dancar'. 1997 bekam er dort die erste goldene Schallplatte, 2006 wurde sein Album "Aystelum" für den Latino Grammy Award nominiert. Sein Stil ist dabei so vielseitig wie seine Persönlichkeit und umfasst Elemente des Jazz, Bossa Nova, Rock, Pop, Soul, Blues und Funk.

Sie sind in einer durch ihre Musik weltbekannte Region aufgewachsen. Wurden Sie von Ihrer musikalischen Umgebung beeinflusst?

Ja die Musik ist in Brasilien sehr stark, aber ich lernte die brasilianische Musik erst nach meinem 3. Album kennen als ich 22 Jahre alt war . Jazz war meine erste Passion und ich lernte die brasilianische Musik wie Bossa Nova erst durch ihn kennen.

Durch Schallplatten von Musikern wie Herbie Hancock, Bill Evans, Miles Davis, John Coltrane, Joe Hendersen. Eigentlich brachte mir die Musik von Bill Evans die brasilianische Musik näher. Durch ihn entdeckte ich zuerst die klassische und dann den Reichtum der brasilianischen Musik. Seine Musik wies mich auch in die Richtung von Musikern wie Ravel, Skrjabin

Und doch gelten Sie als brasilianischer Musiker

Meine Generation, gerade die, die nicht nahe eines Strandes wie der Copacabana aufwuchs hat sich nicht mit der stereotypischen ‚brasilianischen Musik' beschäftigt: mit deren speziellen Rhythmen rund um Sonne und Strände.

Wir sind eine sehr urbane Generation; so fing ich erst spät an die Musik meines Landes zu verstehen und zu schätzen. Dann aber bereicherte es meine Musik natürlich.

Man spricht immer über die brasilianischen Rhythmen

Das Augenfälligste , das Stereotyp. Doch die Harmonien sind das Interessanteste. Die von Carlos Jobim sind einerseits an Debussy und dann an Afrika angelehnt. Doch klingen sie eher wie Ravel denn wie Bongos.

Wie entwickelte sich denn Ihr musikalischer Weg ?

Am Beginn meiner Karriere Mitte 80ger Jahre imitierte ich den Soul Funk aus Amerika, und kam zu meinen ersten Hits. Dabei wurde aber der Soul Funk nur auf portugiesich übersetzt. Noch keine Samba, Bossa Nova, oder sonstige Einflüsse, nichts. Doch später beeinflussten mich die brasilianischen Harmonien, die so reich sind und tief gehen

Sonstige Einflüsse ?

Vor allem durch meine Plattensammlung. Sie begann mit meinem Onkel und seinen Platten, die er meiner Mutter, seiner älteren Schwester, gegeben hatte. Diese beeinflussten vor allem mein erstes Album. Ich kam zur Soulmusik durch ihn. Danach bekam ich große Neugier und fing an selbst neue Dinge zu finden von überall her.

Kommen daher, durch das Experimentieren mit ihnen, die vielen Musikstile in Ihrer Musik ?

Genau! Als meine Vorbilder möchte ich beim Gesang den Sänger Donny Hatheway nennen,dann die Band Steely Dan. Für meine brasilianischen Musicals inspirierte mich Steven Sondheim. Für meine Kompositionen Michel Legrand. Stevie Wonder.

Und dann natürlich der Serialismus im Klassischen (eine Strömung der Neuen Musik, die sich ab etwa 1948 entwickelte) nach der Periode von Stravinsky und Shostakovitch. Meine Favoriten da sind Alexander Scriabin, Benjamin Britten, Bela Bartock; Doch beeinflussten mich auch die Komponisten davor; und natürlich Bach

Wie würden Sie Ihre Musik beschreiben ?

Als Plattensammler Musik, denn es mixt so viele Stile zusammen. Soul, Funk, Jazz und Brasilianisches; dies vor allem in der Atmosphäre..

Und ihre Themen ?

Oft merkwürdige Situationen: In ‚Captans Refusal' droht dem Kapitän eines Bootes Sabotage durch seine Crew.

Sie singen also Kurzgeschichten ?

Und die sind oft so surrealistisch wie Godard's Movies. Ich versuche meine Lieder reicher und wichtiger zu machen als einfache Liebeslieder, und versuche spezielle Situationen zu vermitteln; wie in ‚Hypocondriac: da beschreibe ich ein Paar, das zu einer Party geht und dort Leute ohne jeden Geschmack antrifft. Es gibt überall sarkastischen Humor.

Gesellschaftskritik ?

Unbedingt! Im Sinne von Jacques Tati und seiner humoristischen Imitation von menschlichen Absonderlichkeiten

Haben Sie ein Ziel mit Ihrer Musik ?

Ich tue dies alles weil ich es muss; ich muss mich ausdrücken können. Und Kunst ist ein Teil von mir. Ich arbeite nicht vor allem um des Applauses willen, sondern suche das Verständnis, und auch die Nähe und den Austausch mit den Musikern, mit denen ich spiele

Sie haben Mitte der 1990er Jahre ein Jahr in New York gelebt und später auch drei Monate in Berlin

Da war ich schon alt ! (kichert)

Versuchen Sie so neue Kulturen in sich aufzunehmen um Inspirationen für Ihre Musik zu bekommen ?

Nein, denn ich gehe gar nie aus. Alles, was ich brauche habe ich zu Hause. In Rio steht mein Haus in einem botanischen Garten. Die Natur ist da so stark; wir leben wie im Dschungel. Ich gehe auch nie an Konzerte. Und wenn man mir auf Tourneen anbietet etwas anzuschauen ist meine Antwort immer die Gleiche: Nein, bitte nicht !

In Rio haben meine Frau und ich eine so starke Klimaanlage im Appartement, dass sie sich immer beklagt. Und dann in Berlin sagt sie: «Geh doch mal raus, du liebst doch die Kälte.» Aber ich bin ein Stubenhocker. Meine Musik entsteht nicht aus Erlebnissen auf der Straße, sondern im Innern meines Hauses aus absolut intellektuellen Erfahrungen, wie zum Beispiel aus dem Studium meiner Platten- und meiner Filmsammlung.

Diese enthält vor allem schwarz-weiß Filme; über die ich übrigens auch in Zeitungen geschrieben habe. Ich verehre deren Regisseure wie Fritz Lang, Billy Wilder, von Sternberg, Otto Preminger, Frank Capra, William Wyler, etc Da geht es nicht um das «wirkliche Leben». Hm, aber irgendwie ist das doch auch das «wirkliche Leben», oder nicht ?

In diesen Filmen gab es noch geschliffene Dialoge, deren Sätze ‚Quotes' wurden wie die von Mankievitch

Oh, den liebe ich besonders. Er arbeitete mit Orson Welles an ‚Citizen Kane'

Sie besitzen über 30'000 Platten.
Enthält diese Musik aus allen Epochen ?

Nein, nach 1983 hört es auf.

Warum ?

Wegen der Komposition der Stücke. Die ist dann nicht mehr interessant. Ich habe gewaltige Schwierigkeiten die Musik von späteren Jahren anzuhören. Natürlich gibt es auch dann große Musiker und tolle Sänger. Doch es fehlt das, was ich am meisten schätze : Die gute Komposition.

Sie haben an einem Konzert wiederholt, poetisch, fast zärtlich vom bevorstehenden Genuss eines "Tête de Moine" Käses geschwärmt, schnitten in Gedanken die Säule des Käses mit dem Rundmesser in die typisch leicht gekräuselten Löckchen und schienen dessen Konsistenz und feinen Geschmack bereits auf der Zunge zu spüren und ihn träumerisch, genüsslich im Mund vergehen lassen.

"Tête de moine" wurde dabei übrigens im herrlichsten Französisch ausgesprochen. Sie haben die Weinkenntnis eines Sommeliers , und schätzen spezielle Bier- und Teesorten. Die Charakteristiken eines Genießers ?

Eines Hedonisten ! Genau. (Strahlt wie eine Sonne über das ganze Gesicht).Ich bin neugierig auf alles. Lebe mein Leben ‚With Pleasure'. Mein Urgroßvater war Italiener und meine Urgroßmutter eine schwarze Brasilianerin. Bei schwarzen Menschen und Italienern ist das Glücklichsein ganz nahe. Sie haben eine spezielle Einstellung zum Leben und zum Genießen.; sie lieben das Leben und lachen viel,

Nicht umsonst und aus augenfälligen Gründen wird Ed Motta in seiner Heimat das ‚Koloss von Rio' genannt. Wohl angelehnt an das Koloss von Rhodos; eines der sieben Weltwunder der Antike ?

Gibt es noch einen Traum ?

Ja, ein Sechszimmer Apartment in Paris !

Ganz oben mit einer Sicht auf den Eiffelturm, so dass Sie nie ausgehen müssen ?

( lacht) Ganz genau. Ich möchte so reich sein, dass ich mir eines ganz nahe davon im Zentrum leisten kann.
I want to to be rich enough to be close.

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