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Die grenzübergreifende ‚Zauberflöte' - Eine Co-Produktion des Festspielhauses Baden Baden und der Pariser Oper

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Die Pariser Oper warb mit einer Neuinszenierung von Mozarts Zauberflöte. Doch ganz so neu war diese nicht; war diese Oper doch in der Gestaltung vom Kanadischen Regiegenie Robert Carsen an den Baden Badener Osterfestspielen 2013 unter der musikalischen Leitung von Sir Simon Rattle aus der Taufe gehoben worden.

Damals, wie auch in Paris, harmonierte Mozarts klare Musik mit der auf notwenigste reduzierten und somit keine Ablenkung von Spiel und Musik gestattenden Inszenierung. Ungewohnt für viele, die barocke Pracht erwartet hatten, doch in ihrer - bei aller Vielfältigkeit der Gestaltungsmittel- absoluten Schnörkellosigkeit willkommen für diejenigen, die sich vor allem auf die Musik konzentrieren wollten. Und auf das Thema der Oper. Doch welches ist dies ?

Mozart und sein Librettist Schikaneder waren beide Freimaurer und wollten eine Produktion über deren Werte, Anliegen und auch die damaligen Riten machen. Mozart war 1784 zum Freimaurer initiiert worden und offenbar von diesen Prüfungen immer noch tief beeindruckt als ihn Schickaneder im Frühjahr 1791 bat ihm ein Singspiel für sein Theater in der Wiener Vorstadt zu schreiben.

Diese populäre Form, bei der sich Theater und gesungene Partien abwechseln, geht - so die französische Version -auf die französische ‚opéra-comique' des späten XVII. Jahrhunderts zurück. Doch hatte sich in Wien Ende des 18. Jahrhunderts die Wiener ‚Kasperl- und Zauberoper' gebildet angelehnt ans Alt-Wiener Volkstheater. In diesen Opern siegte die Liebe über Gefahren und böse Mächte.

Auf der Bühne tollten sich dabei Geistern, Zauberern, wilden Tieren, auch Menschen als gute und böse Mächte.

Dieses Sammelsurium von Akteuren agierte in aufwendigster Ausstattung. Ein grosser Klamauk, der Unterhaltung, der doch bezüglich der leitenden Thematik nicht unbedingt Klarheit garantierte. ‚Die Zauberflöte' beinhaltet zudem noch so viele Fragen und Aussagen zum Menschsein, humanistische Werte, und Lebensprüfungen zu den märchenhaften Elementen, dass ein roter Faden nur schwer zu finden ist.

Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass hier viele Köche am Brei mit kochten; Federführend war Emanuel Schikaneder selbst, dann wirkten aber auch der Regisseur von dessen Truppe Karl Ludwig Giesecke, der Wissenschaftler und Freimaurer Ignaz von Born, und schliesslich Mozart selbst mit. Sie schufen zusammen ein ‚Welttheater' mit einem Füllhorn von Anliegen.

Regisseur Robert Carsen, der ‚Die Zauberflöte' bereits 1994 für das Festival von Aix-en-Provance inszeniert hatte und sie seitdem liebt, erklärte dazu: ‚Viele halten Schikaneders Libretto für verworren und widersprüchlich. Und sie erklären das mit der Schnelligkeit, in der er gearbeitet hat. Ich sehe das anders.

Die vielen Gegensätze, ja Widersprüche sind beabsichtigt. Natürlich gibt es die eine, verzwickte Frage: Warum kommt im ersten Aufzug alles Gute von der Königin der Nacht? Das schöne Bildnis Paminas, die Zauberflöte, das Glockenspiel, die drei Knaben - und uns wird berichtet, Sarastro sei der Bösewicht. Im zweiten Aufzug ist dann alles genau andersherum!

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Ich habe mir also zu Beginn zwei Fragen gestellt: Was ist mit der Königin der Nacht? Und: Wie kann ich die Vielfalt der Mysterien dieser Oper auf der Bühne feiern, ohne sie einfach wegzuerklären? Es gibt Dinge in der „Zauberflöte", mit denen wir Schwierigkeiten haben, die wir politisch unkorrekt finden. Aber die Oper bietet reichlich Gedankennahrung, unabhängig davon, ob man Freimaurer ist oder Christ oder welche Weltanschauung man hat.'

Sieht er also die Aussage der Oper sowohl als Feier des Lebens wie auch seiner Geheimnisse ?

Carsen: ‚Das Überraschende daran ist: Schikaneders Libretto steckt voller Bezüge zum Tod. Ich habe - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - rund 60 gezählt. Zwei Selbstmordversuche, ein Mordversuch, Prüfungsrituale mit tödlicher Gefahr, die Todesangst Taminos, Paminas, Papagenos - der Tod zieht sich wie eine Obsession durch diese lichtdurchflutete Oper.

Er ist das einzige, was sicher ist im Spiel des Lebens, in dem es sonst keine festen Regeln gibt. Mozart hatte ein Gespür dafür - denken wir an seinen berühmten letzten Brief an den sterbenden Vater, in dem er den Tod als „wahren, besten Freund" des Menschen beschreibt. In der „Zauberflöte" lernen Tamino, Pamina und Papageno, den Stellenwert des Todes in ihrem Leben zu begreifen: sie lernen, das Leben.'

Es ist zwingend eine solche Fülle an Themen, an Gegensätzen und an Konnotationen verlangt nach Klarheit ohne Vereinfachung. Diese wurde in dieser Inszenierung bei beiden Aufführungen exzellent dargeboten. Sie lassen Raum für eigene Gedanken, Vernetzungen zu schaffen, Bilder aus Erinnerungen, sowie aufkommende Bedürfnisse geschehen zu lassen.

Die Berliner Philharmoniker mit ihrer sprichwörtlichen Präzision und ihrem durch Herbert von Karajan gestalteten strahlendem Klang, erhoben Mozarts zartes Klanggeflecht zu einem funkelnden Netz: Filigran doch unzerreissbar auch in leidenschaftlichen Passagen. Der in Paris agierende ungarische Dirigent Henrik Nasasi, in Wien ausgebildet, verstand dies und produzierte einen ähnlich überzeugenden Klang mit dem Orchester der ‚Opéra national de Paris'.

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Simon Rattle hatte bei den Proben zur ‚Zauberflöte' in Baden Baden bemerkt: ‚
Meine Hoffnung ist, dass ich genügend Zeit mit Haydns „Jahreszeiten" verbracht habe und dass sich das auf meine Interpretation der „Zauberflöte" auswirkt. Diese Stücke haben einiges miteinander zu tun - wie viel Volksmusik, Musik vom Lande steckt in dieser Oper!

Ob Mozart diese Volksmusik als Referenz für das populäre Publikum geschrieben hatte oder der metaphysisches Thematik damit eine gewisse Diesseitsbedeutung geben wollte, ist unklar. Simon Rattle brachte die Bodenständigkeit und das Rustikale dieser Klänge aus der übrigen Musik hervor. Bei Hendrik Nasasi in Paris blieb es beim Klangteppich.

Eine Aufführung stellt besondere Anforderungen an die Darsteller, die zudem als Sänger und -speziell in den Sprachstellen- Schauspieler gleichermassen zu agieren haben. Pavol Breslik, der den Prinzen Tamino in Baden Baden und Paris gleichermassen gab, füllte seine Rolle stimmlich wie darstellerisch aus.

Sein Liebeswerben um Tamina, seine Verunsicherung in der für ihn ungewohnten Umgebung und seine Entschlossenheit alles zu einem guten Ende zu bringen ist spürbar. Stanislas de Barbeyrac, der einige Pariser Vorstellungen übernahm wirkte dagegen etwas schmalbrüstig. Die drei Damen waren hier wie dort ein grosser Lichtblick stimmlich wie Witz verbreitend.

In Baden Baden hatte Simon Rattles Ehefrau Magdalena Kožená dabei ihre komödiantischen Fähigkeiten bewiesen. Doch der Papageno in Paris, der deutsche Bariton Michael Volle, war ganz grosse Klasse. Er spielte nicht - er war Papageno und füllte diese Rolle mit seiner unmittelbaren Körperlichkeit total aus. Seine Stimme entsprach ganz seiner erdigen Natur und brachte es fertig alle Emotionen von Angst, über Erstaunen bis zur überschäumenden Freude dem Publikum fast spürbar zu übermitteln.

Der stimmliche Höhepunkt, die Koloraturarien der ‚Königin der Nacht' waren hier wie dort enttäuschend. In Baden Baden lag das daran, dass die vorgesehene Darstellerin, die ostdeutsche Sopranistin Simone Kermes, krank geworden war. Diese hat nicht nur eine volle, nuancierte, technisch exzellent ausgebildete Sopranstimmme, sondern auch das Temperament dazu ihre Koloraturen mit der gebotenen Emotion hinauszuschmettern und die doch schillernden und facettenreichen Charakterzüge ihrer Figur überzeugend und mit starker Präsenz darzustellen.

Dieses gelang beiden Darstellerinnen der ‚Königin der Nacht' nicht. Sie blieben blass, sowie stimmlich wie darstellerisch. Ihr Gegenspieler, der Priester ‚Sarastro' hingegen war in beiden Aufführungend gut gewählt . Besonders der Dresdner Bass René Pape überzeugte mit seiner voluminösen, klangvollen Stimme, die gleich seiner Rolle in der Fabel, alles umarmt.

Das ‚Singspiel' die ‚Zauberflöte' wurde 30. September 1791 in Wien uraufgeführt - zu widersprüchlichen Reaktionen. Mozart selbst schreibt da schon am Requiem. Er kann dieses jedoch nicht vollenden und stirbt kurz darauf am 5. Dezember. Vielleicht hatte er während des Schaffens dieses Werkes schon Todesahnungen; beginnende Beziehungen zum ‚Freund Tod'.
Robert Carsen: Man kann dieses Werk als eine feenhafte Oper sehen, als grossartiges Märchen für Kinder, oder aber als die tiefste Meditation über Leben und Sterben.'

Die ‚Zauberflöte' zu sehen und zu hören ist und bleibt in jedem Fall nachhaltiges Erlebnis

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