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Der Saxophonist, den Marilyn Monroe gerne gehört hätte

06/05/2017 13:34 CEST | Aktualisiert 25/05/2017 18:10 CEST
Branford Marsalis

Wir hatten schon mehrfach das Vergnügen Branford Marsalis am Saxophon zu hören: Im Rahmen des Off Beat Festivals im Basler Stadtcasino mit Band, in der Martinskirche im Solo. Es war immer ein Vergnügen. Man erinnere sich; Marilyn Monroe bezeichnet als ‚Honey' in Billy Wilders Film ‚Some like it hot' die vom Saxofon erzeugten Klänge als so erotisch, dass sie deren Bläsern nie widerstehen könne.. Vielleicht hatte sich Bill Clinton deswegen an diesem Instrument geübt

Zum ersten Mal hörte ich Branford Marsalis während der Clinton Kampagne 1992 am Jazzfestival von New Orleans inmitten seiner Familie. Bill Clinton war gerade zum ersten Mal zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten gewählt worden und der ‚Demokratic Leadership Congress' traf sich mit ihm, Hillary Clinton und den Beratern in New Orleans um die Richtlinie seiner Präsidentschaftskampagne zu bestimmen

Also wandelte ich tags im diskreten Missoni Kostüm damenhaft zurückhaltend von einer Strategie-Sitzung zur anderen. Betrachtete mit Gefallen den attraktiven, damals noch rothaarigen, Kandidaten und bewunderte seine Frau. ‚Hillary for Präsident' war schon da mein Motto.

Nachts aber - in Jeans und Gummistiefeln - schlitterte, stampfte und rutschte ich über die Festivalwiese, die sich bei Nässe zu einem Sumpf wandelte. Dort brauchte es seine Zeit bis man sich zum Zelt der ‚First Family des Jazz' durchgearbeitet hatte und am immer überfüllten Ort Einlass bekam. Vater Ellis Marsalis war am Klavier, der älteste Bruder Branford am Saxofon, Delfeayo spielte Posaune und Jason bearbeitete das Schlagzeug . Der Zweitälteste, Wynton, bereits als Trompeter und Bandleader US weit bekannt, fehlte. Er war beschäftigt mit der Ausrichtung des prestigeträchtigen periodisch wiederholten Anlasses ‚Jazz at Lincoln Center', das Jazz der New Yorker High Society im Schrein der klassischen Musik näher brachte.

Branford Marsalis, Ihr Vater und vier Ihrer fünf Brüder sind Musiker, Ihre Mutter Dolores war Jazz Sängerin, wie war es in so einer musikalischen Familie aufzuwachsen?

(Lacht herzlich) Das bin ich ja gar nicht. Mein Vater war der erste Musiker meiner Familie und ich ( geboren am 26.8.1960 in Breaux Bridge, Louisiana) der älteste Sohn, der ihm zuerst mal am Klavier nachfolgte. In New Orleans gibt es Familien, die bereits in der 5. Generation Musiker sind. Es war und ist cool in New Orleans Musiker zu sein. Mindestens so attraktiv wie in anderen US Städten Athlet im Football oder Baseball.

Sie haben zuerst Klavier gespielt wie Ihr Vater..

Was ich hasste . Dann wollte ich Trompete spielen wie Wynton, doch mein Vater duldete keine Rivalität in seiner Band. Schliesslich bekam ich eine Klarinette von Peewee - er war so klein - Spidalera, einem Freund meines Vaters . Das war mein bestes Instrument. Ich spielte es sieben Jahre lang. Als Klarinettist war ich wirklich Klasse

Wieso haben Sie dann gewechselt?

Tja mit 14 bekam ich dieses obsessive Interesse an Mädchen..

Frühreif?

Yeah, (schmunzelt)

Und es stellte sich heraus, dass in den Bands, zu denen die tanzten, kein Klarinettist zu sehen war, aber Saxophonisten. Also ging ich zu meinem Vater, tischte ihm eine Geschichte auf und bekam ein Saxophon

Und es funktionierte?

Ein paar Telephonnummern und Verabredungen gab es schon.

Das Saxophon ist sicher eines der sinnlichsten und erotischsten Instrumente

Es kann sehr erotisch sein. Wenn Ben Webster und Jonny Hodges es spielen, dann ist es ein unglaublich erotisches Instrument Bei Coltrane weniger. Dort klingt es.....

Abstrakt?

Abstrakter und auch spiritueller. Coltrane zog viel aus der deutschen Klassik, vor allem was man ‚Angst' nennt. Das spürt man in dieser Musik und auch in den Gedichten von Rilke und Goethe. In Amerika war dieses Konzept vorher wenig bekannt; speziell in der schwarzen Musik. Wir waren die Tanzmusiker, zuständig für Parties und Spass. Dann kam Coltrane und sagte, ‚Nein Angst, die Urangst, das ist das Thema!'

Hat er Sie beeinflusst?

Natürlich. Seine musikalischen Ideen, nicht sein Klang. Der ist mir zu hell, zu spitz . Ich bevorzuge den breiteren, robusteren Sound in der Tradition von Ben Webster, Coleman Hawkins und Sonny Rollins. Doch meine Zeitgenossen spielen heute eher den Coltrane Sound.

Sie lieben Jazz, R&B, aber auch Klassik und Opern

Ich liebe Wagner, Mahler, Beethoven, Schumann, Brahms, (alles in perfektem Deutsch ohne Akzent ausgesprochen). Sie lehren uns den Klang zu schaffen. Mahler war so meisterlich im Schaffen von Melancholie. Natürlich schuf er auch Bombastisches. Doch seine Adagi durchdringen das Herz wie ein Pfeil, jedes Mal

Was haben Sie davon übernommen?

Ich glaube meine Beschäftigung mit Mahler hat meine Musik melancholischer werden lassen. Als Band haben wir in den letzten 15 Jahren die Balladen deshalb eher melancholisch als romantisch gespielt. Wir spielen Adagio und Rubato nicht in linearer Zeit. Der heutige Jazz ist ja immer im Dilemma. Geboren wurde er als Tanzmusik

Die nicht einmal bei bürgerlichen Schwarzen gesellschaftsfähig war

Genau. Dann kam die moderne Tanzmusik und Jazz schien sich überlebt zu haben. Wenige Jazzmusiker schafften den Übergang. Bei Jazz war es ähnlich wie in der Barockmusik, die zuerst Tanzmusik war, so sehr, dass einzelne Elemente nach Tänzen genannt wurden wie ‚Gavotte'

Ihr Bruder Wynton spielt auch Klassik

Ganz hervorragend.

Und Sie?

Soviel ich kann, denn ich bin verrückt danach.

Doch leider haben meine Lieblingskomponisten nicht für mein Instrument geschrieben.

Sie könnten es transponieren..

Wäre ein Gedanke. Doch dass ich auf das technische Level gekommen bin sie zu spielen, hat mit meinem Bruder zu tun. Die Disziplin, die Notwendigkeit des regelmässigen langen Übens, die Bedeutung der Wiederholung, die erst gleichbleibende Qualität garantiert, das habe ich erst mit fortschreitender emotionaler Reife begriffen und mir dann die Übungsmethoden bei Wynton abgeschaut. Der übte schon mit sieben Jahren drei Stunden am Tag. Ich hingegen spielte Rhythm and Blues und musste nicht üben, nur spielen und funky sein. So hatte ich genügend Zeit für Parties. Heute aber bin ich sehr diszipliniert

Wynton war der Erste, der die Familie verliess, grossen Erfolg hatte, und diverse Kinder von verschienen Frauen bekam. ..

(Ha, ha ,ha, ) das war Schicksal, pures Schicksal !

Allerdings , - er zog er sich immer mit grösster Sorgfalt an, hatte ein Auge für die Ladies, und spielte Klassik und Jazz...das kann schon beeindrucken

War er der junge Wilde der Familie?

....na ja, wild war er schon ( amüsiert sich köstlich)

Während meiner Studienzeit in Stanford in den 90ger Jahren gab es in der Bay Aerea zahlreiche durchwegs hochkarätig bespielte Jazzclubs; Kimbel's West, Kimbel's East etc. Heute gibt's nur noch Yoshi's und der gibt Sonntagsmatineen für Kinder um sich Publikum heranzuziehen. Wo ist denn das Jazzpublikum geblieben?

Es existiert noch. Doch das Problem ist Folgendes: Jazz hat heute die virtuosesten Musiker, die es je gab. Doch 90% der Zuhörer spielen kein Instrument und können diese Meisterschaft nicht schätzen. Sie möchten bewegt, berührt werden. Und da harzt es. Denn einige Musiker haben ihren eigenen Sound und spüren wahrscheinlich auch die Emotionen der Musik, doch sie können sie nicht kommunizieren. So fühlt sich das Publikum nicht angesprochen und kommt nicht wieder

Was ist zu tun?

Zuhören. Ich sage meinen Schülern immer wieder sie sollen die Aufnahmen der grossen Meister anhören. Ich selbst habe viel gelernt durch Art Blakey, in dessen Band Wynton damals spielte. Er lehrte mich zuzuhören und daraus Anregungen für mein Spiel abzuleiten. Das Wichtigste dabei sind die Authentizität und der Sound. Der muss so individuell sein wie die menschliche Stimme. Meine Mutter hat sechs Söhne, doch sie erkennt jeden sofort am Telefon.

Wie entwickeln Sie sich heute?

Ich lerne eigentlich am meisten in Gesprächen über Musik. Da erwähnt jemand Dmitri Schostakowitsch. Ich sause los, besorge mir eine CD, höre rein und denke ‚Zum Teufel, was ist denn das? Für mich definitiv zu früh !' Ein Jahr später höre ich es mir nochmals an und da geht mir auf; diese Musik ist unglaublich, reich, wahnsinnig !'

Mannigfaltige Eindrücke. Wo geht der moderne Jazz hin?

Schwierige Frage. Ich glaube es hängt davon ab wie sehr der Klang fasziniert. Jazz ist ein einzigartiger Sound. Die rein technische Definition, das Innovative am Jazz war , dass er durchgehend ‚the flat at 3rd' (die kleine Terz) und ‚flat 7th' (die kleine Septime) in einem melodischen Kontext nutzte. Auch der Rhythmus des ‚Swing Beat' (eine Folge von fliessenden Noten, von denen die jeweils erste etwas länger gehalten wird als die zweite) war ein neues Phänomen. Moderne Jazzmusiker gebrauchen diese Elemente gewöhnlich nicht mehr. Das Verständnis von Jazz ging von einem kulturellen Phänomen zu einer sehr vagen Idee von Improvisation über. So gilt heute für viele alles was improvisiert wird Jazz.

Ein Nachteil? An Jazzfestivals gibt es heute ‚African Nights', Brazilian Nights', ‚Oriental Nights'...

Genau das meine ich. Doch wenn Jazz Festivals dauerhaft existieren wollen können sie nicht nur Jazz bieten

Sie sind bekannt dafür, dass Sie gerne lange mit denselben Musikern spielen, sodass ein intuitives Verständnis füreinander entsteht. Das gibt Vetrauen beim Improvisationen. Während Ihres Solokonzerts spielten Sie lange Stücke. Wieviel davon war Improvisiert?

Etwa 50 % . Aber die Improvisationen stehen in einer Struktur. So kann ich Spontaneität kreieren, die nicht zufällig ist. Ich weiss von Anfang an wo ich hin will.

Sie sind Jazzmusiker, Produzent, Lehrer, Darsteller in Dokumentarfilmen, Komponist....

Nah, Songwriter. Mahler war ein Komponist. Die schreiben die grossen durchstrukturierten Stücke. Verwechseln wir dies nicht. Konfuzius sagte vor 3000 Jahren: Die Gesellschaft fängt an mit dem Chaos zu flirten wenn sie Dinge nicht nach ihrer wirklichen Natur benennt. Natürlich fühlen wir uns besser, wenn man uns Komponisten nennt, denn das klingt viel sexier ..

Finden Sie?

Für den Fan nicht. Der liebt Singer-Songwriters. Doch für den Musiker schon. Wenn Sie mich Komponist nennen, dann müssen Sie für Arnold Schönberg einen neuen Titel finden.

Sie haben Ihre Band um den Sänger Kurt Ellis erweitert. Mit ‚Sting' haben Sie 1985 Ihren internationalen Durchbruch gehabt, wurden flächendeckend bekannt als Jay Leno's ‚Tonight Show Band', und musizierten Sängern mit Tina Turner, Neil Diamond, Peter Gabriel, James Taylor und. Sie sagten als Bläser orientierten Sie sich an der menschlichen Stimme. Was versprechen Sie sich für Ihre Band durch die neue Ergänzung durch einen ein Vokalisten?

Ich denke eigentlich nie daran was jemand der Band bringt. Kurt Ellis hat eine grossartige Stimme und ein Jazz Vokabular, das vielen fehlt. Dianne Reeves und Cassandra Wilson haben dies noch, singen es aber heute kaum mehr. Kurt Ellis' Stimme ist wie ein zusätzliches Instrument in der Band. Sie wurde so zum Quintett erweitert.

Ihre Bandmitglieder Joey Calderazzo am Piano ( Bandmitglied seit 1999) Eric Revis am Bass und Justin Faulkner , Drums (seit 2009) wirken sehr vertraut und driften während des Konzerts immer wieder in Ihre Richtung. Kurt Elling vielleicht bald auch. Wir freuen uns auf den Sound des Quintetts.

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