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Der Goldener Drache

25/08/2015 18:33 CEST | Aktualisiert 24/08/2016 11:12 CEST

Verwirrendes doch großartiges modernes Musiktheater an den Festspielen Bregenz

Was ist dies nun? Eine moderne Oper? Eine Kammeroper? Ein Singspiel? Eine musikalische Performance oder gar klingendes Theater? Vielleicht etwas von allem. ‚Der Goldene Drache', der gerade an den Bregenzer Festspielen seine österreichische Erstaufführung hatte ist verwirrend vielfältig, äußerst lebendig, witzig, ironisch, und emotional so intensiv, dass man erst eine Weile nach der Aufführung genügend Abstand hat, um diese Fragen einigermaßen rational anzugehen.

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Das Libretto zu diesem Stück rund um ein chinesisches Restaurant seine Betreiber und deren Gäste, stammt von Roland Schimmelpfennig nach dem gleichnamigen Theaterstück. ‚Eingerichtet', das heißt verändert und vertont, wurde es vom ungarischen Komponisten Peter Eötvös, der hier wieder mit eine reichen Palette von Facetten aufwartete.

Der Text wurde von ihm gekürzt, die Anzahl der Szenen von 48 auf 21 reduziert und zwei Rollen ganz gestrichen. Der mehrfach ausgezeichnete Musiker ist auch dem Sprechtheater sehr verbunden; er sieht dort sein eigentliches Zuhause, und er liebt die Genremischung.

Eötvös: ‚Darin spiegelt sich auch meine Neigung zum Kabarett und zum Theater von Samuel Beckett wider, dessen geniale und eigensinnige Komik die Wirkung seiner Dramen verstärkt.' Diese schnellen Genrewechsel finden auch in der Musik abrupt und unmittelbar statt.' Teils unterbrochen durch Ankündigungen wie ‚Große Pause', kleine Pause.'

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Eötvös: ‚Wichtig ist es die Handlung und insbesondere den Text zu verstehen. Er muss in realer Zeit gespielt werden und darf nicht verlangsamt, nicht gestaucht oder transformiert werden. Um die Textverständlichkeit zu gewährleisten, habe ich in meiner Komposition meistens den originalen Sprachrhythmus beibehalten.' Eine perfekt zu singende Sprache resultierte. Jedes Wort war klar verständlich.

Es beginnt mit reiner Percussion, bei der die diversesten Kücheninstrumente zum Einsatz kommen. Danach wird die Geschichte, wie auch die Musik eingeführt. Kabarett, Vaudeville, Boulevardtheaterelemente wechseln sich ab und führen teilweise zur Wirkung eines deftigen Schwanks.

Ein attraktiver Mann im Businesssuit wird durch eine platinblonde Kunstperücke zur Stewardess. Die sich nach 18 stündigem Flug beim Essen mit ihrer Kollegin, (dem chinesischen Großvater durch gepolstertem Bodysuit zur äußerst gerundeten Matrone mutiert) nichts mehr zu erzählen hat. Sie findet in ihrer Thaisuppe den ‚äußerst kariösen Zahn' des Chinesenjungen wieder, der am Blutverlust dieser Zahnoperation schließlich verstirbt.

In die andere Welt eingegangen singt er (sie) die einzige auskomponierte Arie des Stückes. Der kariöse, Schmerzen verursachende Zahn im Munde des kleinen Chinesenjungen wird zum roten Faden des Stückes. Er schmerzt im Munde des Jungen, er wird nach einigen Schwierigkeiten aus dem Munde des Jungen entfernt, fliegt dabei in die Thaisuppe der Stewardess, die sich deswegen existentiellen Gedanken hingibt und verursacht schlussendlich den Tod des Jungen.

Daran aufgereiht sind weitere Szenen wie die Auseinandersetzung der Stewardessen, die Grausamkeiten des Großvaters an der Grille, und die Auseinandersetzungen des Liebespaares, das sich mit einer überraschenden Schwangerschaft konfrontiert sieht, die schließlich zum Bruch führt. Die ingesamt 18 im Stück agierenden Rollen werden von nur fünf Darstellern verkörpert, die sich dafür dauernd verändern müssen; im Aussehen, im Sprechstil und in der Körpersprache.

Elisabeth Stöppler, für die Inszenierung verantwortlich beschreibt es so: In diesem Stück kollidieren alle Extreme und größtmögliche Kontraste prallen innerhalb weniger Minuten aufeinander: Mythos trifft auf den Alltag unserer Realität, Alt trifft auf Jung, Frau auf Mann, groteske auf Poesie, Übertreibung auf Leere, Schönheit auf Hässlichkeit, und Eros auf Tod. Der Schönheit eines Gedankens folgt unmittelbar etwas Hässliches, Triebhaftes, und umgekehrt.'

Auch in der Musik wurde gestrafft. Das Werk, ursprünglich eine Auftragskomposition für das Ensemble Modern in Koproduktion mit der Frankfurter Oper, intensiviert.

Das Ensemble wurde auf 16 Musiker, also das Minimum reduziert. Die Musik folgt keiner Opernpartitur; sie wirkt stark lautmalerisch mit diversen asiatischen Elementen vor allem in der Perkussion.

Sie verstärkt die dauernden abrupten Wechsel, das Tempo des Stückes, die Gefühlsausbrüche, das Aufeinanderprallen von diversen Charakteren und Kulturen, und intensiviert so die emotionale Achterbahn auf der das Publikum während der ganzen Aufführung reitet; sich nur notdürftig mit den Fingerspitzen vor dem Herausgeschleudertwerden bewahrt und auch vor dem Verlieren des Fadens in der schnell wechselnden Handlung.

Man hat Angst einem möglichen Verstehen zu entgehen.

Am Schluss bleibt man verwirrt und beeindruckt. Klangfetzen tauchen immer wieder im Ohr auf, Szenen vor dem geistigen Auge. Es geht Tage bis sich dies einigermaßen gesetzt hat. Doch was war die Moral von der Geschicht?

Autor und Komponist Peter Eötvös: ‚Die Moral, die wir anstreben sollten, wie wir handeln sollten.'

Photos: Bregenzer Festspiele/ Anja Köhler

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