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Der abgründige Zauberer und sein Mandarin

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Im Ballett ‚Der wunderbare Mandarin' enthüllt Maurice Béjart viel Persönliches

Maurice Béjart war ein Gigant unter den Choreographen. Zum Jahresanfang, nämlich am 1. Januar 1927 in Marseille als Maurice-Jean Berger in Marseille geboren, gehörte er zu den Neuerern des Balletts, die erstmal die Tänzer als Individuen behandelte und ihren Persönlichleiten eigene Sequenzen auf den gelenkigen Leib orchestrierte.

Früher hatte sich zum Beispiel Rudolf Nurejew beklagt, dass der Tänzer nur als Hebekran und Stabilisator für die Ballerina diene. Béjart holte das Ballet auch aus seinem Elfenbeinturm heraus, liess die Tänzer statt im Tutu in Jeans mit nacktem Oberkörper operieren und auch an ‚unfeinen Orten' ihrem Treiben frönen.

Er fand grosses Gefallen an provokativen Aufführungen im Sinne des ‚spectacle total' , des Gesamtkunstwerkes aus Musik, Tanz und Regie, bei dem auch Einflüsse anderer Kulturen einflossen.

Bei Böjart atmete alles Energie: Sein mächtiger Satyrkopf mit den gewellten, wie Antennen wirkenden vollen dunklen Haaren, seine blitzenden Augen, die verrieten, dass dieser Vulkan an Kreativität leicht einen donnernden Ausbruch haben könnte, und sein mediterranes Temperament mit seiner in diesem Kulturkreis verwurzelten Natur, die Vielseitigkeit und Sinnenfreunde vereint.

Einer seiner Tänzer und späterer Nachfolger Gil Roman meinte dazu: ‚Maurice Béjart war der letzte Philosoph unter den Choreographen, gebildet wie keine anderer seiner Kollegen, aber auch Theatralisch wie sonst keiner...' Er führt weiterhin aus, dass Béjart zwar auf dem klassischen Ballett aufbaut aber dieses ins Wilde und Stürmische führe, sowie die Bewegungen der Tänzer mit Erotik auflade.

Das goutieren nicht alle.

Ich erinnere mich an einen winterlichen Sonntagnachmittag vor über zwanzig Jahren in der Pariser Oper Garnier, wohin das gutbürgerliche Abonnementspublikum gekommen war um sich gepflegt in ästhetisch hochstehender Atmosphäre seiner Kulturverpflichtung hinzugeben.

Dann aber immer stärker herauströpfelte, mit missmutigen bis empörten Minen ob diesem wildem Treiben auf der Bühne, das zu konsumieren doch viel zu anstrengend war.

Doch war Béjart 1960 schon ans Opernhaus in Brüssel berufen worden, wo er das Ballett des xx. Jahrhunderts gründete und auch eine preisgekrönte Choreographie für das frühere Skandalballett ‚le sacre du printemps' schuf'.

Doch 1987 musste er weiterziehen, liess sich mit seiner Truppe in Lausanne nieder und gründete dort auch eine Ballettschule. Noch heute wird mit dem ‚prix de Lausanne' einer der wichtigsten Preise für Nachwuchstänzer dort verliehen. In Lausanne starb Maurice Béjart am 22.November 2007.

Lange war nicht klar wer den Übermeister bei der Truppe ersetzen könnte. Schliesslich setzte sich Gil Roman als Leiter und Choreograph durch.

Nach siebzehn Jahren Abwesenheit zeigte die Truppe in Baden Baden drei Ballette
1. ‚Piaf,' von Maurice Béjart, alle männlichen Tänzer der Kompanie umtanzen liebevoll, leidenschaftlich oder verehrungsvoll diverses Bildnisse von Edith Piaf
2. ‚Tombées de la dernière pluie', ein Ballett für einen Tänzer und zehn Frauen, sowie
3. ‚Le Mandarin merveilleux' neu choreographiert von Maurice Béjart

Das Ballett zum Leben der Unterwelt zwischen den Kriegen war 1926 in Köln uraufgeführt worden und hatte zu minutenlangem Buhrufen und Protest-Pfeiffen am Ende geführt. Der damalige Oberbürgermeister von Köln, der rheinische Rosenzüchter und spätere Kanzler Konrad Adenauer liess das Ballett daraufhin wegen ‚ Unsittlichkeit' verbieten.

Vielleicht hat der Skandal Béjart interessiert oder aber das Thema der schillernden Halbwelt zwischen den beiden Weltkriegen in einer Metropole und das dort herrschende Klima von menschlicher Kälte, rücksichtslosem Gewinnstreben, und das Prinzip des Überleben des Stärkeren.

Auch das allgegenwärtige Spiel von Macht und Ohnmacht, von Sexualität und Perversion mag ihn gereizt haben. Otto Dix und George Grosz haben dieses Geschehen zwischen Grauen und Glanz malerisch umgesetzt.

Béjart als Ballett. ‚Der wunderbare Mandarin' zeigt eine Ganovenbande, die mithilfe eines Lockvogels, einer Prostituierten, potentielle Freier ausraubt. Ihr ‚Vater', der Zuhälter bestimmt das Geschehen. Doch als der ‚Mandarin' vorerst machtlos.

Der Mandarin wird von der Begehrten selbst erstochen. Doch auch von der Gang des Zuhälters erstickt, und gehängt. Aber seine Leidenschaft ist so gross, dass er immer wieder ‚aufersteht' und dem Objekt seines Begehrens von Neuem nachstellt. Bis er ihr Geheimnis erkennt: Die Frau ist ein Mann. Das erschlägt auch ihn. Endgültig.

Vorher aber tanzt er noch mit Zuhälter und Hure das wohl längste und aufregendste Pas de Trois der Ballettgeschichte. Das Ringen der Hauptpersonen umeinander ist aufwühlend und zeigt die spezifischen Stärken des Choreographen Béjart.

Besonders die Körpersprache des Mandarin mit seinen fast rituellen wie scheinbar graphische vorher festgelegten Bewegungen, bei aller Aufregung doch kontrolliert, bilden einen augenfälliger Kontrast zu den Bewegungen von Zuhälter und Prostituierten. Diese sind wild, geschmeidig, präzise und doch ausdruckvoll.

Typisch Béjart: Eine Symbiose von klassischer Ballettbildung und Ausdruckstanz. Béjart hatte schon als Kind Chinesisch gelernt. War er vom Gegensatz zwischen expansiv emotioneller Marseiller Natur und chinesischer ästhetisch kontrollierter Beziehungskultur beeindruckt ? Faszinierend!