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Unser altes Rollenbild von Vater-Mutter-Kind spiegelt nicht mehr die heutigen Lebensrealitäten wider

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LESBISCHES PAAR KIND
dpa
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Seit bekannt wurde, dass es am Freitag zum Thema „Ehe für alle" zu einer Namentlichen Abstimmung im Bundestag kommen wird, läuft mein Email-Postfach über. Und man muss sich schon sehr wundern, über den politischen und medialen Sturm, den der Beschluss des Rechtsausschusses vom 28.6. ausgelöst hat, der den Weg für die Abstimmung im Plenum am Freitag frei gemacht hat.

Mit dem Antrag, die eingetragene Lebenspartnerschaft in Zukunft auch als staatliche Ehe zu betrachten, vollzieht das deutsche Parlament nichts weniger als eine Heranführung der Gesetzeslage an die Lebenswirklichkeit in unserem Land.

Es ist mittlerweile Realität, dass sich unser Familien-Begriff geändert hat: Unser altes Rollenbild von Vater-Mutter-Kind spiegelt nicht mehr die heutigen Lebensrealitäten wider.

Denn was ist mit den vielen alleinerziehenden Müttern und Vätern in unserem Land, was ist mit den vielen tausenden Witwen der Nachkriegszeit in unserem Land? Keine Familie?

Wer Ehe mit Kindern gleichsetzt, muss sich fragen lassen: Was ist mit den vielen ungewollt kinderlosen Paaren in diesem Land? Was ist mit den unverheirateten Paaren mit Kindern - alle keine Familie?

Gleichgeschlechtliche Paare gehören zu unserer Gesellschaft

Sie sorgen sich um einander, sie kümmern sich um die Kinder, die ihre Partner aus einer vorherigen heterosexuellen Beziehung mit in die Ehe gebracht haben, und sie haben dieselben Rechte und Verpflichtungen gegenüber dem Partner wie ein heterosexuelles Ehepaar. Warum also noch die Namensunterscheidung? Der Gesetzgeber darf vor den Realitäten nicht die Augen verschließen.

Denn es ist Wirklichkeit, dass sich gleichgeschlechtliche (Ehe)-Paare ebenso gut um Kinder kümmern können wie heterosexuelle. Vorliegende wissenschaftlichen Studien belegen dies: Weder Verhaltensstörungen, noch eine höhere Neigung zur Homosexualität konnten festgestellt werden.

Wir wissen aus deutschen Städten und Landkreisen: Gleichgeschlechtliche Ehepaare kümmern sich schon seit vielen Jahren aufopferungsvoll um Pflegekinder, die sonst in Kinderheimen leben müssten. Viele dieser Kinder stammen oftmals aus zerrütteten heterosexueller Beziehungen.

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Wollen wir diesen wichtigen Beitrag von gleichgeschlechtlichen Paaren in der Adoption erschweren? Zumal Sukzessiv-Adoption längst problemlos möglich ist. Für das Wohl eines Kindes sind doch nicht die Familienstrukturen entscheidend, sondern die Qualität der innerfamiliären Beziehungen. Darin sind sich alle Pädagogen und Psychologen einig.

Als Bundestagsabgeordnete müssen wir unsere Familien-Gesetzgebung laufend anpassen. Bis auf den durch Art. 79 III GG geschützten „Ewigkeitsbereich" des GG, haben wir eine „living constitution". Sonst gäbe es jetzt noch die Schuldfrage bei Ehescheidungen (wie bis 1976 gültig), und keine Ehefrau dürfte ihr eigenes Bankkonto ohne Zustimmung des Ehemannes eröffnen (bis 1962 gültig).

All das war damals durch das Grundgesetz abgedeckt. Und trotz aller Beteuerungen derer, die die „Ehe für alle" als verfassungswidrig bezeichnen, definiert das Grundgesetzt den Begriff „Ehe" nicht näher.

Der Ehebegriff hat sich im historischen Verlauf immer wieder stark gewandelt

Aber selbst wenn davon auszugehen ist, dass die Mütter und Väter des Grundgesetzes unter eine Ehe die Verbindung zwischen Mann und Frau verstanden haben, so hat das Verfassungsgericht inzwischen in zahlreichen Urteilen klargestellt, dass der besondere Schutz von Ehe und Familie keine rechtliche Ungleichbehandlung rechtfertigt.

Es ist einfach eine Tatsache, dass der Ehebegriff sich im historischen Verlauf immer wieder stark gewandelt hat. Vielen Gruppen war Heirat früher verboten. Es wurden Mauern zwischen Bürgern und Adligen gezogen, zwischen Städtern und Bauern. Die Realitäten haben diese Mauern obsolet werden lassen. Wollen wir nun alte Mauern bei anderen Gruppen der Bevölkerung aufrechthalten?

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Laut INSA sind 74,7 Prozent der Bevölkerung für eine Homo-Ehe. Der Bundestag muss nicht jeder Umfrage mit Gesetzen nachlaufen, aber unsere Wählerinnen und Wähler sind im wahrsten Sinne des Wortes die Souveräne, und bei ihnen ist die Wirklichkeit schneller angekommen als manchmal bei uns im Bundestag.

Wollen wir uns davon abkapseln? Muss uns das Bundesverfassungsgericht immer erst wieder den Weg aufzeigen, wie Politik gestaltet werden sollte? Nein. Politik sollte agieren und nicht nur reagieren.

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Und deshalb stimme ich am Freitag für den Gesetzentwurf zur „Ehe für alle".

Aber: Man kann sich auch schon sehr wundern, was die SPD, als Koalitionspartner zu so einer Finte antreibt: Im Schulterschluss mit Die Linke und den Grünen - auch Rot-Rot-Grün genannt - hat die SPD in den letzten Tagen der Legislaturperiode, in einer der Bedeutung des Themas unwürdigen Weise, die Koalitionsvereinbarung missachtet, in dieser Legislaturperiode keine Abstimmung zu diesem Thema herbeizuführen.

Das riecht nach Panik wegen der schlechten Umfragewerte, strategischem Kalkül, Aktionismus und Unzuverlässigkeit. Und das können wir in diesen schwierigen Zeiten am wenigsten gebrauchen.

Die Autorin betreibt den Blog Wöhrl Wide Web.

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