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Cristo X. Kambouris Headshot

Arrogante Roboter bestimmen unseren Alltag - der Mensch wird zum Fehler im intelligenten System

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MAN WITH SMARTPHONE IN BED
nito100 via Getty Images
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Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus? FOCUS hat mit dem Schreibwettbewerb #focussiert um Zukunftsvisionen seiner Leser gebeten. Die HuffPost veröffentlicht einige Einsendungen. Cristo X. Kambouris prognostiziert in einer Art Tagebuch-Eintrag, wie Maschinen das Leben der Menschen vereinnahmen könnten - beim Aufstehen, wĂ€hrend des (unnĂŒtzen) Arbeitens, in der Öffentlichkeit. Kambouris' Fazit: „Die Welt war fĂŒr uns verloren, als die Maschinen anfingen, uns zu duzen."

Morgen. Montag. 1. Mai 2030. Der Wecker grĂŒĂŸt zum dritten Mal mit einem „Guten Morgen". Er klingt aggressiver als bei den zwei Vorherigen. Wie einen Kokon streife ich die Bettdecke ab und schĂ€le mich aus dem Bett.

Im Hintergrund höre ich: „GlĂŒckwunsch. Du hast einen 99,9-prozentigen biorhythmischen Schlaf absolviert. Deine Tiefschlafphasen betrug..."

Ich höre weg. Mein Blick geht aufs Smartphone: 7:13 Uhr. "Homie, Spotify, Sonny & Cher 'I got you babe'."

"Guten Morgen Mark. Ich habe dich nicht verstanden."

"Guten Morgen Homie. Spielst du bitte Sonny & Cher "I got you babe' ab." Seitdem wir freundlich zu ihnen sein mĂŒssen, haben sie eine gewisse Arroganz entwickelt. Der Song lĂ€uft und ich springe unter die Dusche.

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Exakt 2:53 Minuten spĂ€ter bin ich fertig."Duschzeit beendet, Mark. Dir stehen ĂŒbermorgen wieder 25 Liter warmes und 15 Liter kaltes Wasser zur VerfĂŒgung."

Der Roboter bittet zum FrĂŒhstĂŒck.

78% Akku. Sowohl meiner, als auch der des Handys. Ärgerlich, in etwa zwei Monaten muss ich das Ding erneut laden.

"Zeit fĂŒrs FrĂŒhstĂŒck, Mark." Mein Magen knurrt tatsĂ€chlich. Ich entriegele die KĂŒhlbox mit dem Life-Balance Chip, der unter der Haut meines Handgelenkes implantiert ist. Drei Schubladen öffnen sich. Eine braune Pille, eine weiße, eine orange und eine gelbe.

Das Display an der AußentĂŒr leuchtet auf. Die Schrift schimmert verschwommen.
Auswertung Life-Balance:

  • Cholesterinspiegel hoch. Eierration gesenkt.
  • Kalziumbedarf. Milchzufuhr erhöht.
  • Nachlassende SehstĂ€rke. Aktivierung BC-Nanoroboter.
  • Leichte NebenhöhlenentzĂŒndung. Aktivierung VC-Nanoroboter.

Seltsame Blicke, weil man das Auto selbst fÀhrt

FrĂŒhstĂŒck: Die winzigste Mahlzeit des Tages. Und die Einzige. Sekunden spĂ€ter erkenne ich die Buchstaben des Displays glasklar. Auch atme ich wieder frei durch.

"Zur Arbeit."

"Ich habe dich nicht..."

"Bitte. Und ich fahre."

Der Verkehr um mich herum fließt. Ab und an ernte ich merkwĂŒrdige Blicke, weil meine HĂ€nde am Lenkrad sind. Ein Ping. "Du hast Post. Absender: Bundesrepublik Deutschland.

Verwendungszweck: Grundeinkommen Januar 2030. Betrag: 2001 DM." Es bedeutet mir nichts. Geld war wichtig, als wir das Steuer noch selbst in der Hand hatten. Jetzt ist es nur fĂŒr sinnlosen Konsum dienlich. Um die Leere im Alltag zu fĂŒllen. Vielleicht die Leere in uns selbst. Ich bestelle ein neues Paar Schuhe.

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Wir sind da. Obwohl ich alleine im Auto bin, fĂŒhlt es sich nach einem Wir an. "Danke fĂŒr deine Teilnahme am simulierten Fahren. Ich hole dich Punkt 17 Uhr wieder ab, Mark."

Das Lenkrad fÀhrt ein. Ich steige wortlos aus.

Kein Morgen mehr

„Guten Morgen." Die Kollegen grĂŒĂŸen. Ich nicke und setze mich an meinen Platz. Die nĂ€chsten acht Stunden beobachte ich sie. Sie machen keine Fehler.

Wie könnten sie auch. Dank ihres gesunden Maschinenverstands sind sie sich selbst reproduzierende, korrigierende Intelligenzen. Die Evolution hat uns Menschen einen Streich gespielt. Mir ist nicht bewusst, wieso ich noch hier herkomme. Etwas tue, was nicht mehr gebraucht wird.

Vielleicht ein Fehler im System. Seit dem Eintreten von SingularitÀt gibt es keine Fehler mehr. Bin ich der beste Freund der Maschine?

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Punkt 17 Uhr steht Homies rollendes Ich vor dem GebĂ€ude. Die AutotĂŒr öffnet sich. "Wie war dein Tag, Mark? Willst du wieder fahren?" Ich meine, die Ironie in seiner Stimme herauszuhören.

Die Welt war fĂŒr uns verloren, als die Maschinen anfingen, uns zu duzen. Seit gestern hat in der Zukunft der Menschen eins aufgehört zu existieren: ein Morgen.

Dieser Beitrag ist Teil der Themenreihe "New Work". Alle aktuellen BeitrÀge dazu findet ihr hier.

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