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Wir Kinder vom Dorf

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GERMAN LITTLE VILLAGE
canbedone via Getty Images
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Ein Text für alle Dorfkinder unter uns :)

Wir Kinder vom Dorf wir kennen diese immer währende Ruhe und Idylle,
wir kennen diesen unverglechlichen Duft von frisch gemähten Gras, dem Frühling.... Und Gülle,
wenn wir in unserem Auto plötzlich den Duft nach Tierexkrementen vernehmen, wissen wir, wir sind bald da,
und fragen uns jedes Mal, ob der Duft wirklich vom Güllefahren ausgeht oder nicht doch jemand IM Auto der Auslöser dafür war.

Wir können jedem den Unterschied von Stroh und Heu benennen,
genauso wie wir auch die unterschiedlichen Treckermarken kennen,
für die wenigsten kommt es in Frage, Geld für den Zoo auszugeben, um Tiere zu sehen,
sehen wir sie doch auf Wiesen, im Garten oder müssen nur drei Minuten bis zum nächsten Bauernhof gehen.

Die Einwohner unseres Zuhause zu zählen macht keine nennenswerte Mühe,
es ist immer eine Zahl von 0 bis 1000, hinzukommen kommen um die 3000 Kühe,
im Dorf da ist jeder mit jedem stets per du, Spitznamen sind allen bekannt, das ist eben so,
jeder kennt die Ina aus der Kneipe und jeder kennt den Dauerlattenheiko.

Jedes neu gekaufte Auto wird von den Nachbarn zum Thema gemacht,
geht eine Beziehung auseinander, werden sofort Spekulationen entfacht,
zieht jemand neues her, versuchen sofort alle seinen Charakter einzustufen,
und wer nicht grüßt, bei dem wird bei Eintreten von zu lauter Musik die Polizei gerufen.

Und um sich zu integrieren ist das Grüßen jedermanns, ob du ihn kennst oder nicht, Gang und Gäbe,
es empfiehlt sich, damit ja keiner der Nachbarn schlecht über einen rede,
das gehört sich eben so, man soll ja schließlich höflich sein,
dann packen die Nachbarn für die Konfirmation auch mehr Scheinchen rein.

In jedem Bäcker, jedem Friseuer und jeder Apotheke arbeitet wer, den man kennt,
selbst der Busfahrer ist jemand, den man stets bei seinem Vornamen nennt,
wir kennen unser Dorf in und auswendig, sind an Eindrücken satt,
fragt uns jemand, wo wir wohnen und wir sagen es, kommt immer „Kenn ich nisch" und wir nennen dann die nächst größere Stadt.

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Wir fühlen uns in unserem Dorf sicher, wenn es brennt, kommt immer schnell jemand her,
schließlich ist in der Nachbarschaft jeder zweite in der freiwilligen Feuerwehr,
wer da nicht ist, der ist entweder im örtlichen Fußball-, Schieß oder Kegelverein,
ist man es nicht, kann das Dorfleben mächtig einsam sein.

In Gesellschaft kann man im Dorf nicht so viel machen, aber durchaus im Rahmen des Kindergottesdienstes beten,
und später dann als Jugendlicher die Laternen in unseren Straßen austreten,
wobei, hierfür muss man gut organisiert sein, das Dorfleben kennen,
weil die Laternen im Dorf nicht länger als bis 23 Uhr brennen.

Gerade als Kind konnten wir alle schon Beschäftigungen finden,
die Natur und all ihre Wetterlaunen stets an uns binden.

Höhlen bauen oder Schiffe aus Papier auf den Bächen schwimmen lassen,
in der Clique den Entschluss des Baus einer gruppeneigenen Höhle fassen,
oder Kaulquappen fangen und ins Glas sperren, nichts davon ist uns fremd,
unsere Backen waren stets rot gefärbt, Grasflecken zierten unser Hemd.

Bei uns allen klebte das Kletten-Labkraut schon mal an unseren Jacken,
wir alle fanden es sehr unterhaltsam, legten wir unseren Freunden Hagebutten in den Nacken,
das brannte so schön unangenehm, wie es nur war wenn wir mal in Brenesseln fielen,
oder uns am Schilf schnitten, wollten wir mal Fechten spielen.

Um als Jugendlicher etwas zu erleben, bedarf es auf dem Dorf bester Organisation,
denn sonst könnten Vorhaben schnell mal zu scheitern drohen,
der Bus ist eine Möglichkeit, wer ihn denn nutzen mag,
die Busfahrzeiten leicht zu merken, denn er fährt nur zweimal am Tag.

Zu empfehlen ist es, wenn man weg möchte, einen Fahrer festzulegen,
denn ist man auf den Zug angewiesen, muss man sich schon um 22.30 Uhr wieder nach Hause begeben,
ein Spontanausflug ins Kino oder zum Shoppen heißt, dass man mit seinem Auto 50 min. auf den Straßen verkehrt,
wobei man die Hälfte der Zeit statt erlaubten 100 km/h nur 50 nutzt, weil ein Trecker vor einem fährt.

Hat man keinem Fahrer, dann heißt es, nach Hause radeln oder laufen,
damit das gelingt, sollte also vorher gut überlegt sein, wie viel lässt sich am Abend saufen,
und doch ist uns ein Dorrfest auf jeden Fall lieber als irgendeine chici mici Disco in der Stadt,
unser Heimweg ist danach so lang, das man seinen Alkoholpegel vorm Ankommen bereits verloren hat.

Viele Events gibt es auf dem Dorf nicht unbedingt zu sehen,
einmal im Jahr mit den Kumpels kann man am Topevent Osterfeuer teilnehmen,
ansonsten hofft man auf den Basar mit Selbstgetöpfertem oder darauf, dass das Dorf Jubiläum feiert,
mit einem Zeltgottesdienst, Kniffelabend, drei Buden, zwei davon verkaufen Bier, und ein Shantychor seine Lieder runterleiert.

Oder aber das Schützenfest, hier wird sich jährlich mit dem ganzen Dorf getroffen,
mit dem immer gleichen Ablauf: Beginn ist um 19 Uhr und um 19.30 Uhr sind alle besoffen,
wobei es die heimliche Regel gibt, dass ja keiner beim Öffnen des Biers das Wort Flaschenöffner erwähne,
das wird hier mit dem Feuerzeug gemacht... oder man nutzt dafür seine Zähne.

Es steht außer Frage, auch wir vom Dorf können mächtig feiern,
es wird bei uns stets n Bier gesoffen, unser Saufspiel heißt Meiern,
am nächsten Morgen wird unsere Aufstehzeit dann stets durch andere festgelegt,
ein Auschschlafen können wir vergessen, weil unser Nachbar um 7 Uhr die Laubmaschine betätigt und den Rasen mäht.

Wir haben im Dorf feste Plätze, wie die Bushaltestelle oder den Spielplatz, an den täglich Cliquen lungern,
da wir nur einen Supermarkt haben, müssen jene, die Hausverbot erhalten, elendig verhungern,
schwierig kann es werden, wenn einem etwas spontan in den Kopf schießt,
weil der Supermarkt bereits abends um Punkt 20 Uhr schließt.

Um dem Dorfleben zu entfliehen, fahren wir dann doch mal in den Urlaub, wobei einige von uns können das Nachhausekommen kaum erwarten,
sehnen sie sich doch nach dem Blumen gießen und dem Unkrautziehen im Garten.
Denn wer im Dorf zu Hause ist, der hängt schon an dem, was ihn umgibt,
das Dorf, egal wie klein und häßlich es ist, wird doch irgendwie geliebt.

Denn... das Dorfleben hat seine ganz eigene Atmosphäre, seinen eigenen Stil,
wer es nie erlebt hat, den schreckt es vielleicht ab, oder er hält davon nicht viel,
wir aber, wir Dorfkinder, die stets die Möglichkeit hatten, uns in unserem Dorf zu entfalten,
wir werden das Leben hier mit all seinen Tücken... für immer... in unserem Herzen behalten.

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