BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Cornelius Haefele Headshot

Als Vater wollte ich aufgeben - doch dann machte mir mein kleiner Sohn ein unglaubliches Geschenk

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DAD
fotostorm via Getty Images
Drucken

Nun waren wir also Eltern, von einem Tag auf den andern. Das ging schnell. Ich erinnere mich an einen meiner Lehrer, der fast schon gebetsmühlenartig zu sagen pflegte: Ihr lernt hier nicht für die Schule, ihr lernt für das Leben. Kaum war ich Vater, fragte ich mich, was hatte ich in der Schule eigentlich für das Leben als Vater gelernt. Es fiel mir jämmerlich wenig ein.

Wie ist das zum Beispiel, wenn der Kleine schreit. Was tut man eigentlich? Und wie kann man erkennen, um was für eine Art Schreien es sich jetzt gerade handelt? Ist es ein "her-mit-dem-Essen" Schreien, ein "ich-hab-grad-Bock-zum-Schreien" Schreien, ein "ich-bin-so-traurig-dass-ich-nicht-mehr-in-Mamas-kuschligen-Bauch-bin-und-brauch-jetzt-jemanden-der-mich-wiegt" Schreien?

Ein "man-macht-das-Spass-zu-schreien-und-meine-Eltern-in-den-Wahnsinn-zutreiben-und-die-Trottel-fallen-auch-noch-darauf-rein" Schreien, ein "keiner-liebt-mich" Schreien, das berühmte "ich-krieg-einen-Zahn" Schreien, oder das berüchtigte "ich-habe-Blähungen" Schreien.

Mehr zum Thema: Als der Vater diesen simplen Trick anwendet, hört sein Baby sofort auf zu schreien

Ich könnte die Liste endlos fortsetzen. Klar mit den Jahren und der Erfahrung von vier schreienden Kindern, lernt man schon ein gewisses Gespür dafür zu entwickeln, warum das Kind gerade schreien könnte, wobei ich diese Aussage bewusst im Konjunktiv halte.

Vaterliebe ist eine neue Art von Liebe

Biene und ich können uns nach all den Jahren immer noch kaputt lachen, wenn eifrige Einzelkindeltern bei ihrem Kleinen sofort beim kleinsten Muckser des Kleinen wie aus der Pistole geschossen diagnostizieren: "Sie hat gerade Wachstumsschmerzen im Abdomen".

Ehrlich gesagt, wir haben es in den seltensten Fällen wirklich sicher gewusst, warum das Kind gerade jetzt brüllte. Bekam es Zähne, hatte es Blähungen oder war es jetzt gerade einfach nur mies drauf?

Das einzige was wir verwundert feststellten war die Tatsache, des es den süßen Kleinen offensichtlich vergleichsweise egal war, wenn sie bis zum Halsansatz in ihrer eigenen Kacke lagen. Etwas, was uns relativ schwer fallen würde.

Jedenfalls, wir waren Eltern. Unser kleiner Prinz purzelte in unser Leben und wirbelte es auf eine Art durcheinander, die wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht so vorgestellt hatten.

Mehr zum Thema: Ich bin Papa und habe 10 Monate Elternzeit genommen - es war die beste Zeit meines Lebens

Ich liebe Biene, nun entdeckte ich, das Vaterliebe eine völlig neue und andere Art von Liebe ist.

Wenn ich auf dem Sofa saß und der kleine Kerl, der gerade seine Portion Muttermilch verdrückt hatte, zufrieden glucksend und reichlich schläfrig auf meiner Brust lag, dann durchwogten mich Gefühle, die man einfach nicht beschreiben kann. Seither verstehe ich auch, warum es gefährlich ist, sich manchen Tieren zu nähern, die Junge haben.

Nachts, wenn Biene ihn in unserem Bett stillte und dann dabei einschlief, lag ich da, hielt die winzige Hand und lauschte auf die Atemzüge der beiden Menschen, die ich am meisten auf dieser Welt liebte.

Die Nächte waren kurz

Natürlich gab es auch andere Momente. Joshua schrie viel. Wir waren unerfahren und ängstlich, standen jedes Mal sofort auf der Matte, wenn er muckste. Heute weiß ich, dass ihn das eher dazu ermutigte. Die Nächte waren kurz und von vielen Unterbrechungen geprägt. Ich versuchte mein Teil beizutragen, indem ich ihn zu beruhigen versuchte, wenn er gerade nicht gestillt werden musste.

Denn das mit dem Stillen habe ich, trotz aller Versuche bis heute nicht hingekriegt. Es ist unglaublich, wie müde man werden kann. Biene und ich waren manchmal so fertig, dass wir uns abends um sieben mit Joshua zusammen ins Bett legten, um schon mal voraus zu schlafen, wenn er gerade schlief.

Und dann das Wickeln. Aus ökologischen, aber vor allem aus finanziellen Gründen hatten wir uns darauf eingelassen, Joshua mit Stoffwindeln zu wickeln, die wir in massenhafter Ausführung von einer Bekannten "geerbt" hatten. Eine sehr leckere Angelegenheit und eine komplizierte. Die Windeln bestanden aus quadratischen Baumwolltüchern.

Davon mussten zwei auf eine bestimmte Weise ineinandergefaltet werden. Dann drapierte man das ganze kunstvoll um den geputzten, gefetteten und sonst wie aufbereiteten Kinderpopo. Gehalten wurde das ganze Konstrukt dann von einer angeblich total wasserdichten Schafwollhose, die man darüberzog.

Das ganze funktionierte in der Theorie und auch solange das Kind noch still auf dem Wickeltisch lag recht gut. Doch als es mit still liegen vorbei war, wurde die Sache mehr und mehr zum Albtraum.

Stellen sie sich vor es ist nachts um drei. Ihr Kind hat sich so richtig schön saftig eingekackt, außerdem hat leider ein Zipfel der Baumwollwindel aus der Wollhose herausgehangen und sehr effektiv die flüssigen Aspekte des Windelinhaltes in Body, Schlafanzug und Matratze des kleinen Freundes abgeleitet.

Sie tragen das tropfende Etwas ins Bad. Dort sticht ihnen die helle Badzimmerlampe erst mal den Star aus ihren verschlafenen Augen.

Sie beginnen noch mit spitzen Fingern eine Schale nach der anderen abzupellen. Zum Schluss ist die Wollhose dran. Mühsam rutscht sie herab, denn sie gleitet schlecht auf feuchter Haut. Kaum ist sie unten, entfalten sich die Baumwolltücher von selbst, als hätten sie nur darauf gewartet die ganze Pracht ihres Inhaltes enthüllen zu dürfen. Der bis dahin schon durchdringende Geruch wird sozusagen ohrenbetäubend.

Inzwischen ist alles egal

Sie versuchen ein so genanntes "feuchtes Tuch" aus der Packung zu ziehen, um den sahnig verschmierten Hintern des kleinen Wonneproppens abzuwischen. Dieser schreit inzwischen wie am Spieß, denn er findet es gar nicht lustig mit nackter, nasser Haut an der frischen Luft zu liegen. Das feuchte Tuch klemmt in der Packung. Sie brauchen beide Hände. Endlich ist es befreit.

Die zweieinhalb Millisekunden Freiheit hat Sohnemann inzwischen darauf verwendet mit beiden Zappelfüßchen einmal kräftig in die Windel zu treten. Dann drückte er seinen kleinen Hintern hoch. Solcher Art befreit rutscht die ganze Ladung mit einem kleinen selbstgefälligen Schmatzen über den Wickeltischrand. Eine Hälfte landet auf dem Boden, die andere bleibt am Knie ihrer Schlafanzughose hängen.

Mehr zum Thema: Vater sein ist... schwer zu beschreiben

Inzwischen ist alles egal. Sie lassen die Scheiße liegen, wo die Scheiße liegt und kümmern sich zuerst um den Hintern, die verdreckten Füßchen und den verschmierten Wickeltisch, schließlich geht das Kind vor.

Sie befördern die dreckige Wäsche in eine Ecke des Badezimmers, wo sich schon ähnlich traurige Häufchen befinden. Dann beginnt die Prozedur des neu Verpackens. Sie falten, legen und drapieren. Inzwischen hat der Kleine die Packung mit den Feuchttüchern entdeckt. Komisch, bei ihm klemmen sie nicht.

Da sie ihre kunstvolle Windelwicklung gerade nicht loslassen können, müssen sie hilflos mit ansehen, wie er ruckzuck zehn bis zwanzig Tücher aus der Packung reißt und dabei wonnig gluckst. Die zarten Lockrufe und wilden Verwünschungen, die sie dabei ausstoßen, um ihn davon abzuhalten, scheinen ihn eher anzufeuern.

Endlich ist das Windelpaket an Ort und Stelle. Sie kontrollieren, ob nichts raushängt, packen das Kind in einen neuen Body und Schlafanzug, stopfen die feuchten Tücher einfach irgendwie zurück in das winzige Packungsloch. Die Packung wird sich darauf nicht mehr schließen lassen, die Tücher sind am nächsten Morgen ausgetrocknet, sie hätten sie also gleich wegschmeißen können.

Nun holen sie den Kleinen vom Wickeltisch, legen ihn auf eine der flauschigen Badematten und kümmern sich um die immer noch am Boden liegenden verkackten Baumwolltücher. Sie raffen sie zusammen und befördern sie in die blaue Tonne mit dem luftdicht abschließenden Deckel.

Die Tonne ist fast voll und als sie den Deckel heben, kommt ihnen eine Geruchswolke entgegen, gegen die alles Bisherige geradezu Parfum war. Schnell schmeißen sie die Windeln rein und lassen den Deckel fallen.

Im Eifer merken sie nicht, dass er nicht ganz schließt. Am nächsten Morgen wird das ganze Bad stinken wie eine Kloake und ihre Frau wird sie freundlichst darauf hinweisen, dass es Zeit ist, die Windeln zu waschen, denn das ist durch eine grausame Fügung des Schicksals ihre Aufgabe.

Sie fragen sich, ob der Job vielleicht kündbar ist

Sie wischen die letzten Spuren vom Boden. Danach entledigen sie sich ihrer Schlafanzughose. Sie kommt auf den gleichen Haufen, auf dem schon die Kindersachen dampfen. Falls sie es nicht vor Müdigkeit vergessen, waschen sie sich noch die Hände.

Dann schnappen sie sich den Kleinen, tappen zurück ins Schlafzimmer, legen ihn auf ihr Bett, holen sich ein frisches Spannbetttuch für sein Bettchen.

Das alte lassen sie einfach auf den Boden fallen, das reicht morgen auch noch. Ihre Frau wird selbstverständlich zielsicher am nächsten Morgen reintreten und sich ein klein wenig über ihre völlig unverständliche Bequemlichkeit echauffieren. Das Kind kommt ins Bett, sie gönnen sich eine frische Schlafanzughose und lassen sich mit einem Seufzer der Erleichterung ins Bett fallen.

In diesem Moment geschieht es. Aus dem Kinderbett ertönt ein Geräusch. Es ist kein Glucksen, kein Schreien. Es ist tiefer, gutturaler, mit einer Menge Druck dahinter. Und es wird begleitet von einem wohlbekannten sprotzenden Geräusch.

Sie liegen im Bett starren an die dunkle Decke, fühlen sich ein bisschen wie Hiob und fragen sich, ob der Job vielleicht kündbar ist.

Manchmal kam ich echt an meine Grenzen, das gebe ich jederzeit zu. Andererseits gab es soviel, was mich wieder entschädigte. Was ich schon nach unserer Hochzeit so genossen hatte, kehrte wieder. Diesmal sprachen einen sogar wildfremde Menschen auf der Straße oder beim Bäcker an.

"Ja utzi, dutzi, is das aber ein niedlisses tleines Babyputzilein".

Ich reckte mich stolz und verkündete mit aller mir zur Verfügung stehenden Würde: "Ja, das ist mein Sohn Joshua."

Ich verstand, was er sagen wollte

Und dann machte Joshi mir noch ein besonderes Geschenk, das ich ihm bis heute nicht vergessen habe. Wir warteten die ersten Wochen sehnsüchtig auf seine ersten Reaktionen und ein Lächeln. Es dauerte.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png
Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

Dann kam wieder so eine Nacht, wie sie eben beschrieben wurde. Automatisch wickelte ich meinen Sohn. Als ich fertig war, beugte ich mich über ihn, genoss seinen Anblick und seinen frischen Duft. Und da war es.

Er fixierte mich mit seinen Augen, schaute mich tief und lange an und dann verzog sich sein Mund zu einem breiten und ausdauernden Grinsen und ich verstand, was er sagen wollte: "Hi Paps, bist mein Bester!" Ich schluckte und flüsterte: "Du auch, mein Kleiner!"

Dann gingen wir wieder ins Bett. So müde ich war, ich konnte ewig nicht einschlafen vor Glück.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Der ganz normale Wahnsinn" von Cornelius Häfele.

2017-07-24-1500900248-155693-Cornelius.jpg

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.