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Oma ist kein Verwaltungsakt. Selbstbestimmung im Alter.

01/08/2015 11:12 CEST | Aktualisiert 04/08/2016 11:12 CEST
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Es ist nicht verwunderlich, dass die Alten derzeit in der öffentlichen Diskussion meist unbeachtet bleiben. Kinder und Familien geht das zwar ganz anders, tauchen jedoch vorrangig als „Leistungsträger unserer Gesellschaft" (Familienministerin Schwesig) auf. Es geht um Fragen der Vereinbarkeit, darum also, wie Mütter und Väter gleichzeitig dem Arbeitsmarkt bereit stehen und doch den Wegfall öffentlicher Infrastruktur in der Familie auffangen können.

Es geht um eine effiziente, marktorientierte Ausbildung statt um Selbstentfaltung. Es geht um eine kostengünstige Produktion und Reproduktion leistungsstarker Arbeitskräfte anstatt der Frage nach dem guten und würdevollen Leben in seiner Gänze. In einem solchen System fallen die Seniorinnen und Senioren, wie andere nicht (mehr) erwerbsarbeitsfähige Menschen, beinahe zwangsläufig hinten runter.

Als nicht mehr verwertbar abgestempelt, drehen sich Problembeschreibung wie Lösungsansätze um die Kosten von Betreuen und Verwalten. Dabei liegt auf der Hand: gleichwohl welche Möglichkeiten gefunden werden, die Ausgaben weiter zu senken, sie sind aufgrund des fortschreitenden Sparzwangs zum Scheitern verurteilt.

Wir brauchen deshalb einen grundlegenden Perspektiv- und Systemwechsel

Wir brauchen deshalb einen grundlegenden Perspektiv- und Systemwechsel, der den Menschen - egal welchen Alters - und seine Bedürfnisse ins Zentrum der Politik stellt. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die größtmögliche Selbstbestimmung von der ersten bis zur letzten Minute gewährleisten. Während meiner Praxistage bei der ambulanten Hilfe lernte ich eine Unmenge an beeindruckenden alten Menschen kennen, an Geschichten und an Potentialen.

Seniorinnen und Senioren, die mitgestalten und ihre Zeit nutzen und genießen wollen, denen die soziale Teilhabe jedoch allein durch den Mangel an Angeboten erschwert oder gar verhindert wird. Ein erster Schritt ist eine armutsfeste solidarische Mindestrente, die die ökonomische Unabhängigkeit sichert. Allerdings sorgt diese erst dann für eine tatsächliche Ausweitung der Wahlfreiheit und Selbstbestimmung, wenn ebenso die entsprechende teilhabeorientierte und barrierefreie Infrastruktur vorhanden ist.

Es existieren gute Ansätze und Ideen, allein der politische Wille sie zu fördern fehlt noch weitestgehend: beispielsweise Wohnprojekte, in denen Jung und Alt solidarisch miteinander leben; Mehrgenerationenhäuser, die gemeinsame Aktivitäten und offenen Raum für Alle, aber auch konkrete Dienstleistungen für verschiedene Altersstufen bieten. Ein Studium für Ältere, Ehrenamtsprojekte und eine erleichterte Teilnahme an kulturellen Angeboten sind alles Möglichkeiten, aktiv und selbstständig zu bleiben und die freie Zeit, die man sich so hart erkämpft hat, endlich zu nutzen.

Teilhabe im Alter

Auch politische Teilhabe wie beispielsweise durch Seniorenbeiräte mit tatsächlichen Entscheidungskompetenzen muss auch im Alter gewährleistet werden, denn es ist nicht ersichtlich, weshalb ihre lebenslange Erfahrung mit dem Ausscheiden aus der Erwerbsfähigkeit an Bedeutung verlieren sollte. Nicht zuletzt können alle Angebote nur durch eine selbstbestimmte Mobilität auch tatsächlich wahrgenommen werden, durch einen gebührenfreien öffentlichen Nahverkehr und Fahrdienste.

Sicherlich benötigen die meisten Menschen früher oder später auch spezieller Pflege, die aber dringend über die derzeit vielerorts kaum mehr aufrecht erhaltene Grundversorgung hinaus geht. Ein interessantes Projekt etwa ist das Demenzdorf in Hameln, in dem die Bewohnerinnen und Bewohner in die Hausgemeinschaft und das Dorfleben eingebunden sind. Andere möchten sicherlich auch gerne zuhause bleiben und benötigen dabei professionelle Unterstützung.

Alter ist ein Lebensabschnitt mit eigenständigen Bedürfnissen, Ansprüchen, Vorstellungen und Erlebnismöglichkeiten. Dennoch sind sie ebenso vielfältig, wie die Menschen selbst. Die Angebote müssen es auch sein. Ihre Entwicklung kann nur zusammen mit den Alten, den Experten geschehen. All das wird jedoch erst möglich, ja überhaupt denkbar, wenn unsere Gesellschaft ein grundsätzlich anderes Alters- und Menschenbild entwickelt. Erst wenn wir den Maßstab der Verwertbarkeit überwinden, können wir ein selbstbestimmtes Leben führen, bis an sein tatsächliches Ende.


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