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Was ich von den Amerikanern nach 9/11 gelernt habe

20/09/2016 13:05 CEST | Aktualisiert 21/09/2017 11:12 CEST
joeyful via Getty Images

Letzte Woche war der 15. Jahrestag von den 9/11 Terroranschlägen in den USA. Weißt Du noch wo Du an dem Tag warst? Ich war in einem Irish Pub in Salzburg. Am Fernseher hinter der Bar lief CNN. Beide Türme standen noch. Ich fragte den Barkeeper was passiert war und er erklärte mir, dass zwei Flieger in die Türme des World Trade Centers in New York geflogen waren. Naiv fragte ich, ob es ein Unfall war.

"Das glaub ich eher nicht..." Ich war eigentlich nur in das Irish Pub gegangen, weil ich eine Reservierung fürs Wochenende bestätigen wollte, aber ich blieb um die Geschehnisse weiterzuverfolgen. Das war das erste Mal, dass ich als Frau ohne Begleitung in einer Bar saß. Je länger ich auf den Fernseher starrte, umso mehr Panik bekam ich. Warum? Weil ich bereits ein Ticket für meinen Umzug in die USA für den 21. September in der Tasche hatte.

Bald wurde es klar, daß ich in ein Land ziehen werde, das in einen Krieg verwickelt sein wird. Was bedeutet das? Weitere Anschläge in den USA? Kämpfe auf der Straße? Fallende Bomben? Ich wußte nicht, was mich erwarten würde. Als ich am Flughafen LAX in Los Angeles ankam war dieser voll mit bewaffneten Soldaten und Polizisten.

Hubschrauber kreisten über der Stadt. Es kam mir vor wie im Film. CNN lief bei mir den ganzen Tag und die ganze Nacht. Wenn ich heute darüber nachdenke, bin ich mir nicht sicher, was es brachte nonstop die Nachrichten anzusehen, aber ich war besessen die News zu verfolgen und keine Neuigkeit zu verpassen.

Ich komme von einem kleinen Bauerndorf in Österreich wo die Einwohner vor Allem außerhalb des Dorfes Angst hatten. In dem Dorf wo ich aufwuchs waren die Leute so ängstlich, daß sogar der Gedanke in die Hauptstadt Wien zu fahren Stress auslöste. Für sie war Wien Sodom und Gomorrah - ein Ort wo Kriminalität und Drogen die Straßen regierten.

Sie waren von den Menschenmassen überfordert und dachten die Wiener seien unhöflich, weil sie nicht auf der Straße grüßten. Diese Einstellung ging natürlich nicht an mir vorbei.

Man kann sich also vorstellen, wie die Angst mich fesselte als ich nach 9/11 nach Amerika zog. In den ersten Wochen gab es Tage an denen ich das Haus nicht verließ. Wenn ich doch rausging und es wurde dunkel, als ich noch unterwegs war, rannte ich nach Hause aus Angst überfallen zu werden.

Was mich verblüffte war, daß niemand um mich herum so sehr Angst hatte wie ich. Warum nicht? Hatten sie sich an die Kriminalität gewöhnt? Los Angeles ist eine große Stadt und Nachrichten über Kriminalität und Tod füllten jede Zeitung jeden Tag. Als die Tage, Wochen und Monate vergingen - und auch der Krieg in Afghanistan und später im Irak voranschritten - verfloß die Angst nach 9/11 und das Leben nahm seine Lauf.

Wieso war es den Amerikanern möglich diese Angst zu überwinden? Als ich es endlich verstand, war es eigentlich ganz einfach: sie wollten nicht, daß Angst ihr Leben beherrschte. Sie wollten nicht, daß die Geschehnisse von 9/11 ihr Leben einschränkte. Eher das Gegenteil war der Fall - jetzt wollten sie das Leben erst recht zelebrieren. Carpe Diem, wenn man so will. Die Mentalität des Dorfes mit der ich aufwuchs, drehte sich nur um Angst.

Jeder Fremde war verdächtig. Das Unbekannte war gefährlich. Niemand riskierte etwas und die Menschen blieben meist in ihrem 'sicheren' Zuhause. Ich kenne Leute in dem Dorf, die jedes Jahr an den gleichen Strand in Italien fuhren. Den kannten sie und was anderes wollten sie nicht kennenlernen.

Plötzlich war ich in dieser ganz anderen Welt wo das Unbekannte eher neugierig machte. Alles drehte sich um Abenteuer, darum Neues zu entdecken und auszuprobieren. Und die Amerikaner wollten nicht, daß 9/11 ihre Lebenslust einschränkte.

Wenn ich zurückblicke, war dies eine der wertvollsten Lektionen die ich in meinen 10 Jahren in Kalifornien lernen durfte. Ich habe gelernt mein Leben nicht von Angst beherrschen zu lassen und habe Sachen gemacht die ich wahrscheinlich nie gemacht hätte, wenn ich das kleine Dorf nicht verlassen hätte.

Ich hab Wakeboarding gemacht, ich bin allein gereist, ich bin in einem Hubschrauber geflogen, ich habe Klapperschlange gegessen (auf diese 'Erfahrung' hätte ich verzichten können), ich war auf Parties in fragwürdigen Gegenden bis in die frühen Morgenstunden, ich hab mich aus einer lieblosen Beziehung befreit, I hab gelernt meine Angst in der Öffentlichkeit zu sprechen zu akzeptieren und habe es trotzdem gemacht, und, am Wichtigsten von allen Erfahrungen: ich hab meinen Lebenstraum erfüllt ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen.

Jeder Schritt, egal ob groß oder klein, um Angst zu überwinden, und jeder Moment, egal ob Sekunden oder Stunden, um das Leben zu genießen sind Erkenntnisse für die ich unendlich dankbar bin! Oberflächlich betrachtet, mag es wie eine Kleinigkeit erscheinen, aber für mich war es eine Erkenntnis, die mein Leben veränderte und mich zu einer glücklicheren und erfüllteren Person machte.

Mehr zu meinem 'American life' kannst Du in meinem Buch 'LAlien-From the Austrian Alps to the Hollywood Hills' nachlesen. Erhältlich auf Amazon.

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