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Ich hab fünf Jahre lang in Zügen gelebt - bis ich mir eingestand, dass ich ein Problem habe

Veröffentlicht: Aktualisiert:
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Richard Levine via Getty Images
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Nachdem meine Ehe gescheitert ist, wurde ich obdachlos und verlor meinen Job. Während ich Anzug tragend im Zug schlief, leugnete ich meine Situation und wollte fünf Jahre lang keine Hilfe in Anspruch nehmen.

Schließlich half mir Crisis, eine nationale Hilfsorganisation für Obdachlose, die heute ihren 50. Geburtstag feiert.

Ich hatte eine ziemlich normale Kindheit. Ich war gut in Sport und in der Schule und ich habe ein Stipendium für eine private Universität bekommen. Ich habe studiert, wurde Psychotherapeut und eröffnete meine eigene Praxis.

Ich habe alles verloren

Ich wurde obdachlos, als ich mich von meiner Frau scheiden ließ. Ich verlor meine Praxis - ich verlor einfach alles.

Meine Kinder litten unter der Situation und ich brachte es nicht über mich, „meine" Hälfte des Hauses für mich zu beanspruchen, weil meine Kinder dann das Haus hätten verlassen müssen und das hätte ihrer Entwicklung geschadet - sie waren noch jung.

Ich sollte woanders wohnen, aber das hat nicht geklappt, also blieb ich in einem Internet-Café, das 24 Stunden geöffnet hatte. Ich dachte niemals daran, dass ich obdachlos wäre. Ich dachte nur, dass ich den Computer nutzen musste - aber eigentlich war ich obdachlos.

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Ich blieb etwa ein oder zwei Wochen im Internet-Café - dann fing ich an, in Zügen zu schlafen. Das machte ich etwa fünf Jahre lang. Nachts lief ich ziemlich viel herum und tagsüber schlief ich in den Zügen.

Die Sozialarbeiter konnten mich nicht erreichen. Und ich trug einen Anzug. Meine Familie dachte, ich würde bei Freunden wohnen, weil ich so angezogen war. Sie dachten sich nichts.

Ich erinnere mich, dass ich einmal auf einer Bank am Ufer der Themse schlief und einige Sozialarbeiter sagen hörte: „Was ist mit dem da?" und einer von ihnen antwortete: „Nein, das ist nur ein Typ auf dem Heimweg von der Arbeit und er ist auf der Bank eingeschlafen."

Und wenn sie mich gefragt hätten, hätte ich gesagt: „Nein, alles in Ordnung." Ich leugnete meine Situation und ich schämte mich.

Wenn du genügend Zeit mit dir selbst verbringst, schottest du dich ab. In einem Moment bist du ein normaler Teil der Gesellschaft, du gehst zur Arbeit und siehst deine Freunde und Familie regelmäßig, und im nächsten sitzt du im Zug und bist auf dich allein gestellt.

Du machst ein paar schlechte Erfahrungen und das schottet dich immer mehr ab. Einmal saß ich am Leicester Square und sprach mit einem Mann und gab zu, obdachlos zu sein. Er verpasste mir einen Schlag auf den Kopf. Das war beängstigend und etwas, dass ich niemals vergessen werde.

Ich erinnere mich an ein junges Mädchen, das auf dem Boden schlief und dann kam ein Typ vorbei, der ihr gegen den Kopf trat. Ich hörte von Menschen, die in anderer Leute Schlafsäcke krochen für sexuelle Befriedigung.

In unserer Gesellschaft geht es nur um Geld

Menschen schätzen Obdachlose nicht wert, weil es in unserer Gesellschaft nur um Geld geht, und wenn du keinen Geldwert hast, bist du nichts wert - du wirst wertlos.

Deswegen ist die Arbeit von Crisis so wichtig, denn wenn du isoliert bist, bringt dich Crisis mit anderen zusammen. Wenn du unsichtbar bist, wirst du so plötzlich wieder gesehen.

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Zu realisieren, dass ich obdachlos war, war ein langsamer Prozess. Es verging viel Zeit, bis ich es ertragen konnte, das zu hören. Als ich Crisis an Weihnachten besuchte, fing dieser Prozess für mich an.

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Ich sprach mit einem Berater und er machte mir Hoffnung, dass diese Situation sich ändern und dass ich bald wieder in einer eigenen Wohnung leben könnte. Crisis machte, dass ich mich wieder wertgeschätzt fühlte. Mit deren Hilfe fand ich wieder eine Wohnung und einen Job.

Der Effekt, sich wertgeschätzt zu fühlen, gibt dir die Kraft, wieder aufzustehen und Möglichkeiten zu nutzen. Deswegen ist der Schlüssel zu allem Wertschätzung.

Wenn du dich von Dunkelheit umhüllt fühlst, bist du nicht in der Lage, aus dem Fenster zu schauen, um den Horizont zu sehen. Crisis ist wie dieses Fenster, ein Licht in der Dunkelheit. Das ist Crisis.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der HuffPostUK.

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