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Wie ein Mutter-Tochter-Konflikt den Feminismus lahmlegt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MUTTER UND TOCHTER
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„Ich bin doch keine Feministin!" Diesen Satz, in dem Abwehr und Entrüstung mitschwingt, hört man jetzt öfter.

FEMINISTIN. Es fühlt sich so anders an - das Wort. Irgendwie ist die Strahlkraft dahin. Mehr noch, das Wort hat Flecken bekommen. Diese Feministinnen. Sie sind hochgradig verdächtig. Man munkelt, sie wären frigide, männerhassende Hässlichkeiten. Kaum zu glauben, doch wer sich heute als Feministin outet, braucht tatsächlich wieder Mut.

Sprach man früher von Feministinnen, meinte man bewundernswerte Frauen, die für die rechtliche und soziale Gleichstellung der Frau gekämpft haben. Feministinnen, das waren doch diese starken, unerschrockenen Frauen, die so viel mehr als die eigene Ehe riskierten. Frauen, die für ihre Rechte auf die Straße gingen und ihre BHs verbrannten - als Akt der Befreiung.

Feministinnen, das waren jene, die ein Umdenken in den Köpfen von Männern und Frauen eingeläutet hatten und denen wir Frauen so viel verdanken.

Junge Frauen lassen kein gutes Haar am Feminismus

Im Jahr 2015 sind die Assoziationen vielerorts andere. Gerade junge Frauen lassen kein gutes Haar am Feminismus. Mit Feminismus wollen sie nicht in Verbindung gebracht werden. Kund tun sie ihren Unmut im Netz unter dem Hashtag #womenagainstfeminism auf Tumblr und Facebook. Die mutmaßlichen Antifeministinnen halten dort Zettel in die Höhe oder vor die Brust. Es sind ihre ganz persönlichen Gründe, warum sie gegen Feminismus sind:

• Sie sind keine Opfer
• Sie lieben Männer
• Sie wollen nicht hassen
• Sie haben Spaß an Sex
• Sie bleiben gerne bei ihren Kindern zuhause
• Frauen und Männer sind gleich
• Frauen und Männer haben dieselben Rechte
• Männer sind nicht bösartig
• Sie mögen es, sich schön zu machen
Sie fühlen sich von den „Altfeministinnen" nicht repräsentiert

Diese Statements sollen Unabhängigkeit und selbstbewusstes Standing demonstrieren. Die jungen Frauen proklamieren, dass sie keine schutzbedürftigen Wesen sind, die besondere Unterstützung brauchen. Sie fühlen sich nicht rechtlos und empfinden feministische Forderungen nach Förderung oder Quoten als Armutszeugnis für ihr Geschlecht.

Und doch. Es schimmert Trotz durch. Diese jungen Frauen, sie ziehen ihre Stärke nicht aus echter Souveränität, sie schöpfen sie aus dem Widerstand. Was diese Statements tatsächlich zeigen, ist nicht Unabhängigkeit, sondern der sehnliche Wunsch danach.

Schlachtfeld Feminismus - Kampf zwischen „Müttern" und „Töchtern

Was hier passiert, mutet wie ein klassischer Mutter-Tochter-Konflikt an. Die „Töchter" kämpfen um ihre Eigenständigkeit, um Selbstbehauptung. Die feministischen Überzeugungen der „Mütter" werden von den „Töchtern" als veraltet, einseitig und rigide erlebt. Die „Töchter" fühlen sich von diesen nicht befreit, sondern bevormundet und eingeengt.

In den persönlichen Statements scheint immer wieder die Angst der „Töchter" durch, dass sie für den Feminismus ihre Weiblichkeit und sexuelle Attraktivität aufgeben müssen. Wie in der Pubertät, wenn die aufblühenden Mädchen mit Piercings, Tattoos, String Tangas und tiefen Ausschnitten ihren Müttern die Stirn bieten, beharren die jungen Frauen im Netz auf das Recht auf ihren eigenen Körper, ihre eigene Sexualität.

Von Feministinnen, die in ihren Augen bestenfalls unsexy sind, wollen sie sich nicht die Männer madig machen lassen. Carolin Kebekus etwa, der man durchaus zutrauen würde, eine waschechte Feministin zu sein, bekundet im Magazin der Süddeutschen Zeitung, keine Feministin zu sein, weil das >>ungebumst<< klingt.

Die rosarote Brille der „Töchter"

In ihrem Wunsch nach Autonomie tragen die jungen Frauen eine rosarote Brille, wenn es um das männliche Geschlecht geht. Ein Problem für den Feminismus. Mitten im Abnabelungsprozess ist es den „Töchtern" unmöglich, sich mit den „Müttern" zu solidarisieren. Sie verbünden sich mit den Männern.

Das geht so weit, dass Männer idealisiert und deren wirtschaftliche und politische Vormachtstellung ausgeblendet oder als unproblematisch verstanden wird. Die positiven Erfahrungen mit dem eigenen Partner werden generalisiert und auf das Gesellschaftliche übertragen.

Diese Haltung aufrechtzuerhalten funktioniert glänzend, weil viele „Töchter" von Konflikten mit der männerdominierten Welt bisher verschont blieben. Dank der großartigen Vorarbeit ihrer „Mütter" haben sie nicht das Gefühl, dass sie wegen ihres Geschlechts benachteiligt sind. Sie sehen das patriarchalische System nicht kritisch, denn noch fehlt ihnen die persönliche Erfahrung von krasser Diskriminierung.

In der Schule sind sie besser als die Jungen. Im Studium haben sie auch noch die Nase vorn. Sie sind noch keine Mütter, die Beruf und Familie vereinbaren müssen und noch keine Top-Mangerinnen, deren Köpfe an die Glasdecke stoßen. Ihr Leben hat nichts zu tun mit den verschleppten Mädchen in Nigeria, mit den in Indien vergewaltigten Frauen, mit den Mädchen, die in Pakistan nicht zur Schule gehen dürfen oder auf dem Weg dorthin ihr Leben riskieren.

Es betrifft sie nicht persönlich, demnach fühlen sie keine Frauensolidarität, die über ein bestürztes Aufhorchen hinausgeht. Sie spüren die Not nicht am eigenen Leib, warum also kämpfen?

Altfeministinnen als böse Stiefmütter

Und die „Mütter"? Sie reagieren verschnupft. Manche schlimmer als das. Auf der Facebookseite der Antifeministinnen gibt es eine junge Frau, die auf ihr Bekenntnis hin, gern für Männer sexuell attraktiv zu sein, mit Vergewaltigungs-Verwünschungen bedacht wurde. In so einem Fall erinnern die Altfeministinnen an die schrecklich böse Stiefmutter aus Schneewittchen. Eine Stiefmutter, die die aufblühende Schönheit und Unabhängigkeit der Tochter nicht ertragen kann.

Diese „Mütter", die in ihren Leben wirklich Großes geleistet haben, leiten aus ihrem Lebenswerk ab, es so viel besser als ihre „Töchter" zu wissen - "schöner" als sie zu sein. Sie machen den Fehler, den vor ihnen schon so viele gemacht haben und machen werden: Sie wollen ihren „Töchtern" vorschreiben, wie es richtig geht, wie Feminismus richtig geht.

Dabei halten sie an der alten Masche fest oder schwingen lärmend die Moralkeule. Sie verteufeln die Männer, polarisieren und sind damit weder zeitgemäß noch konstruktiv.

In ihrer Angst vor Bedeutungsverlust übersehen die "Mütter", dass sich die Zeiten geändert haben. Vor 50 Jahren war ihre Radikalität unverzichtbar. Ohne unnachgiebige Forderungen und plakative Parolen wäre es dem Feminismus nicht gelungen, Frauen und Männer vor dem Gesetz gleichzustellen.

Mittlerweile erweisen sich dogmatische oder effektheischende Ansichten jedoch als kontraproduktiv. Die jüngste Forderung in der EMMA - eine Frauenquote fürs Cockpit - hat nicht umsonst zum Unmut der „Töchter" in den Sozialen Netzwerken geführt. Sie schaden der guten Sache. Die altehrwürdige Bewegung F hat es versäumt, den Feminismus zu erneuern und den Nachwuchs mitzunehmen. Ihr Feminismus verliert so mehr und mehr an Glaubwürdigkeit.

Liebe ist die Lösung

Gibt es eine Lösung für den Konflikt zwischen den Altfeministinnen und den Antifeminstinnen? Theoretisch schon. Die Zauberworte lauten Reflexion, Kommunikation und vor allem Wertschätzung. Man könnte auch schlicht Liebe sagen.

Es ist eigentlich so einfach: Jede „Tochter" und jede „Mutter" möchte verstanden, respektiert und wertgeschätzt werden. Wenn „Mütter" und „Töchter" erkennen können, welche Gefühle und Ängste sie jeweils leiten, öffnet sich der Weg zu konstruktiver Auseinandersetzung und zu gegenseitiger Anerkennung.

Vielleicht werden sie dann bemerken, dass sie sich ziemlich ähnlich sind und vieles gemeinsam haben. Denn im Widerstand leisten und Aufbegehren sind alle gut. Kämpfen doch beide Seiten um ihre Rechte und ihre Freiheit - nur eben mit anderen Gegnern.

Die „Mütter" müssen vorangehen

Und wie das Leben so spielt: Für eine Lösung müssen die „Mütter" vorangehen. Es ist an ihnen, die Eigenständigkeit und die Besonderheit dieser Generation, die "Schönheit" dieser „Töchter" wahrzunehmen und sich daran zu erfreuen. Die Altfeministinnen müssen Platz machen für die jungen Frauen und ihnen zugleich mit all ihrer Erfahrung und Lebensweisheit zur Seite stehen.

Wenn das gelingt, werden die „Töchter" in der Lage sein, die große Leistung der „Mütter" anzuerkennen und zu ehren. Und dann könnte das Wunderbare passieren: Die „Töchter" werden durch den Rückhalt der "Mütter" mit einer inneren Kraft ausgestattet sein, die sie für die Durchsetzung echter Gleichberechtigung dringend brauchen.

Auch sie brauchen Feminismus

Sollte die Lösung dieses Konflikts nicht gelingen, ist es für den Feminismus trotzdem nicht gelaufen. Es besteht ja weiterhin ordentlicher Bedarf. Er wird nur eine kleine Atempause machen müssen. Diese wird vorbei sein, wenn die jungen Frauen nicht mehr ganz jung sind, sondern abgelöst von ihren Müttern.

Sie wird vorbei sein, wenn die Altfeministinnen gänzlich abgetreten sind. Sie wird vorbei sein, wenn die Antifeministinnen am eigenen Leibe erfahren haben, dass es doch noch Felder in unserer Gesellschaft gibt, die in Sachen Gleichberechtigung beackert werden müssen. Die Atempause wird vorbei sein, wenn die jetzt noch jungen Frauen erkannt haben: Auch sie brauchen Feminismus.

Und das letzte Wort dazu hat Katie Goodman: Sorry Babe, you're a Feminist

Der Artikel ist zuerst hier corinnaknauff.de erschienen.

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