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Nicht nur ein Pornofilter: Technischen Jugendmedienschutz neu denken

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TABLET KINDER JUGENDSCHUTZ
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Wer eine gute Antivirenschutz-Software auf seinem Rechner installiert hat und noch ein paar Regeln beachtet, kann sich beim Surfen einigermaĂźen sicher fĂĽhlen. Kinder dagegen sind im Internet nicht sicher. Der Jugendmedienschutz, er ist ein ungeliebtes Stiefkind von Wirtschaft und Politik.

Medienkompetenz ist noch immer kein reguläres Schulfach. Von der geplanten Novelle des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags hat man schon lange nichts mehr gehört. Es zieht sich hin. Dafür kam im Februar die Nachricht, dass die Leistung der technischen Jugendschutzprogramme sich zum Vorjahr verschlechtert hat. Schon vorher waren sie nicht viel mehr als ein Feigenblatt, das gefährliche Zonen im Internet notdürftig abdeckt. Denn für die bei Jugendlichen beliebten Dienste, den Social-Media-Kanälen und Online-Communitys und den Onlinespielen, haben sie keine wirksame Lösung.

Doch das Internet wartet nicht. Erst jüngst ist ein neues Portal aufgetaucht, das Jugendschützern ein paar frische graue Haare beschert: YouNow ermöglicht Livestreams direkt aus dem Kinderzimmer. Jetzt geht Selbstdarstellung hoch zehn und die Mädchen und Jungen sind fasziniert. Wer kann es ihnen verdenken?

Und schon die Kleinsten kriegen ihr Fett weg. Durch die frühe Nutzung mobiler Geräte werden schon Neunjährige mit Pornographie und Gewaltdarstellungen im Netz konfrontiert. Und Tausende von Jugendlichen ballern weiter mit Shootern, ohne mit Erwachsenen das dort propagierte Männerbild und Frauenbild zu reflektieren. Funktion und Folgen der Aggression in den Spielen? Davon weiß nicht jedes Kind.


Kinderschutz ist nicht Aufgabe der Kinder

Die Heranwachsenden selbst sehen natürlich nicht zuerst die Risiken. Das ist auch nicht ihre Aufgabe. Sie wollen das Internet grenzenlos für sich nutzen, sich austauschen, ausprobieren, miteinander verbinden - nicht anstatt, sondern zusätzlich zum Offline-Leben. Online-Kommunikation bietet selbst schüchternen Kindern ganz neue Wege, sich mitzuteilen und zu vernetzen.

Längst haben die Kinder das Internet in ihr Leben integriert. Sie organisieren ihre Referate online, suchen sich Spielsachen im Netz aus und lesen online die Rezensionen ihrer Lieblingsbücher. Kreativität, Identitätsbildung und Forscherdrang - das Internet bietet Jungen wie Mädchen die Chance, nie dagewesene Formen zu finden. Wenn das nicht verlockend ist. Und da das Internet immer noch ein Feld ist, auf dem sich ein beträchtlicher Teil der Elternschaft auf gehobenem Anfängerniveau bewegt, nutzen Heranwachsende diesen Raum auch, um sich von ihren Eltern abzugrenzen.

Verteufeln ist also nicht des Rätsels Lösung. Die Entwicklung lässt sich ohnehin nicht rückgängig machen. Was bleibt, ist, sich den Realitäten zu stellen und dafür zu sorgen, dass der Kinderschutz mithält. Und darum müssen sich die Erwachsenen kümmern. Unter den Jugendschützern herrscht sogar Konsens, wie ein effektiver Jugendmedienschutz im Internet aussehen soll: durch die Kombination von Technik und Medienkompetenz.

Verpönte Technik

Die Technik lässt sich jedoch gar nicht so leicht an den Mann bringen. Eine Vielzahl von Müttern und Vätern wissen wenig über deren Verfügbarkeit und Funktionen. Für demokratisch und liberal erziehende Eltern ist der Einsatz einer Jugendschutzsoftware ohnehin indiskutabel. Ein „Kinderüberwachungsprogramm" kommt ihnen nichts ins Haus. Manche verdrängen das Thema einfach. Zu komplex die ganze Sache. Und dann ist da ja noch das Problem, dass die Technik ohnehin zu wünschen übrig lässt.

Medienkompetenz nicht fĂĽr alle

Auch bei dem zweiten Aspekt des Jugendmedienschutzes, der Medienkompetenz, kommt kein Optimismus auf. Es gibt zwar eine unglaubliche Fülle von Informationen zur Mediennutzung und richtig gute pädagogische Tipps von Institutionen wie SCHAU HIN! und klicksafe. Und auch die Medienpädagogik-Gruppe bei Facebook gehört zu meinen Lieblingsgruppen, weil ich dort in Blitzesschnelle alles Relevante zum Thema geliefert bekomme. An fachlichem Knowhow fehlt es Deutschland sicher nicht.

Eine Vergleichsstudie zur Medienkompetenz der TU Dortmund und Uni Paderborn zeigt jedoch, dass ein nicht unerheblicher Teil der Jugendlichen in Deutschland im Umgang mit dem Internet nur über rudimentäre Fertigkeiten und Wissensstände verfügt. Medienbildung und Aufklärung kommen bei vielen Eltern und Kindern nicht an.

Ă„ndern wir das. Und zwar nicht in 2, 5 oder 15 Jahren. Die unbefriedigende Situation im Jugendmedienschutz schreit nach einem radikalen Umdenken, jetzt.

Denken wir den technischen Jugendmedienschutz doch einfach neu
Schon während meiner Arbeit bei einem IT-Unternehmen, das einen technischen Kinderschutz für das Internet entwickelt hat, habe ich die Aktivitäten von klicksafe und Co als Arbeit im Elfenbeinturm empfunden. Eine wertvolle Arbeit, aber weit weg vom jugendlichen User und seinen Eltern.

Doch das lässt sich ändern. Wenn es auf der einen Seite geballtes Medienkompetenz-Fachwissen gibt und auf der anderen Seite eine Software, die ihre bisherige Aufgabe zwar nicht zuverlässig erfüllt, aber immerhin der direkte Draht zum Kind ist - warum bringt man die brachliegenden Informationen nicht via Jugendschutzsoftware zum Kind?

Überall im Netz wird kommuniziert was das Zeug hält. Das kann auch eine Jugendschutzsoftware. Besser - eine interaktive Jugendschutzsoftware. Sie hat das Potential, als Brücke zwischen Informationsquelle und den Heranwachsenden zu fungieren. Eine interaktive Jugendschutzsoftware kann Kindern Medienkompetenz hautnah vermitteln und Eltern bei der Medienerziehung unterstützen.

Bringen wir die Informationen zum Kind
Eine interaktive Jugendschutzsoftware kann jugendschutzrelevante Informationen von den medienpädagogischen Institutionen mit höchster Aktualität zum Kind bringen. fragFINN versorgt Kinder mit guten Kinderseiten und geht mit seiner Kindersuchmaschine schon ein wenig in diese Richtung. Das Konzept ist aber ausbaufähig und muss weiter gedacht werden, um nicht nur einige Jüngere bei ihren ersten Schritten im Netz tatkräftig zu unterstützen. juuuport könnte Nachrichten von Jugendlichen für Jugendliche liefern. jugendschutz.net könnte von akuten Gefährdungen und von ihrer täglichen Arbeit in den dunklen Ecken des Internets berichten. Via spieleratgeber-nrw und spielbar.de würden jugendliche Gamer auf Augenhöhe von Experten hören, die noch ein kleines bisschen mehr über Computerspiele wissen als sie selbst. Dann würde auch das gesammelte Knowhow von SCHAU HIN! und klicksafe endlich dort ankommen, wo es hingehört - bei den Kindern und Eltern.

Wenn ein Kind vor dem Aufrufen eines Webdienstes regelmäßig mit den aktuellsten Nachrichten (Fälle von Cybermobbing, Gerichtsurteile zu illegalem Filesharing, Kettenbriefe auf Whatsapp etc.) versorgt wird, wird es zwangsläufig für unmittelbare Gefährdungen sensibilisiert. Wenn es Webseiten mit Gefährdungspotenzial aufruft (Pro-Ana-Blogs, Suizidforen) und das passende Hilfsangebot gleich mitgeliefert bekommt, wird es daran erinnert, diese Seite kritisch zu betrachten. Es kann sich barrierefrei Unterstützung holen, und das ist doch ganz im Sinne des Kinderschutzes, oder?

Nicht so schlimm wie ein Pornofilter
Mit einer interaktiven Jugendschutzsoftware als medienpädagogisches Instrument könnten auch Mütter und Väter erreicht werden, die Filterprogrammen kritisch gegenüberstehen. Sie böte zudem eine Lösung für das Problem, dass Filterprogramme längst keinen hundertprozentigen Schutz bieten. Die Lücken der Filter würden mit Aufklärung aufgefangen. Und: Eine Kinderschutzsoftware, die zur Kompetenzvermittlung genutzt wird, würde sicher weit weniger Leute auf die Barrikaden bringen, als der Pornofilter der Briten. Eine interaktive Jugendschutzsoftware passt auch viel besser zu unserer Kultur: Nicht Verbote und Zensur, sondern Begleitung und Bildung stünden im Vordergrund.

Geht nicht? DOCH!
In Anbetracht der Kriminalität und zunehmenden Verrohung im Netz wird in Zukunft kein Weg daran vorbeiführen, dass die Nutzung einer Jugendschutzsoftware zu einer Selbstverständlichkeit wird. Autokindersitz und Fahrradhelm brauchten auch eine Zeit, um sich durchzusetzen. Mit dem passenden Modell sollte das für den Kinderschutz im Netz doch auch zu machen sein. Dafür müsste Familienministerin Schwesig den Kinderschutz im Internet allerdings zur Chefsache erklären. Denn um wirklich alle Familien zu erreichen, braucht es in letzter Konsequenz eine einheitliche Jugendschutzfunktion, die zur Standardausstattung jedes Providers gehört. Und dafür braucht es gesetzliche Vorgaben.

Sicher gibt es viele Ja, ABER. Die Kosten zum Beispiel. Doch ist Jugendmedienschutz nicht vor allem dann zu teuer bezahlt, wenn Millionen in medienpädagogische Projekte für eine Minderheit gesteckt werden oder schlicht versanden?

Ich wĂĽnsche mir in puncto Kinderschutz im Internet von den Verantwortlichen etwas mehr von der Geisteshaltung der Fraunhofer Gesellschaft: Geht nicht? DOCH!

Der Beitrag ist zuerst hier erschienen: www.corinna-knauff.de/


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